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Finanzkrise : Es wird auch wieder Licht

Bankenskyline von Frankfurt Bild: dpa

Was derzeit auf die Leser von Wirtschaftsnachrichten so einprasselt, könnte düsterer kaum sein. Die Geschichte der Finanzkrisen zeigt aber auch, dass die Wende nach oben ebenso unerwartet beginnen kann wie zuvor der Fall. Und es war nicht selten so, dass der Wende der schwärzeste Pessimismus vorausging.

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          Wollte man alle schlechten Nachrichten auflisten, die derzeit aus der Wirtschaft kommen, würde eine ganze Zeitungsseite nicht ausreichen. Vielleicht wird man in der späteren Geschichtsschreibung diese Jahre als Zeitenwende beschreiben, in der das Vertrauen der Menschen in die Marktwirtschaft verlorenging und die Staatswirtschaft ihre unerwartete Wiederkehr feierte.

          Vielleicht – vielleicht auch nicht. Menschen neigen dazu, prozyklisch zu denken. Im Falle eines wirtschaftlichen Hochs sind sie in ihrer großen Mehrzahl blind für die Risiken und wundern sich über den nachfolgenden Absturz. In der Depression tendieren sie dazu, alles schwarzzusehen, und flüchten sich in Katastrophenszenarien, wie sich im Moment an den Märkten für Staatsanleihen beobachten lässt. Das gilt, um ein weiteres Beispiel zu nennen, auch für Konjunkturforscher. Manche geben schon heute trübe Prognosen für 2010 ab – als hätte sie die Erfahrung nicht lehren sollen, dass gerade in turbulenten wirtschaftlichen Zeiten längerfristige Prognosen nicht das Papier wert sind, auf dem sie geschrieben wurden. Ob 2010 ein wirtschaftlich gutes oder schlechtes Jahr wird, kann heute niemand wissen.

          Jede Krise ist eine Bereinigung

          Es ist aber hilfreich, sich die Geschichte der Finanzkrisen anzuschauen. Finanzkrisen gibt es seit mehreren Jahrhunderten, und wenn die aktuelle in ihrem Ausmaß auch ungewöhnlich schwer ist, so unterscheidet sie sich in ihrem Muster wenig von früheren Krisen. Die Lehre aus früheren Krisen lautet aber: Sie finden immer ein Ende, und sie dauern, von wenigen Ausnahmen abgesehen, auch nicht viele Jahre.

          Jede Krise ist eine Bereinigung. In den Jahren des Booms sind Überkapazitäten im Finanzgewerbe entstanden, die nun abgebaut werden. Daraus folgt aber nicht, dass Banken künftig nurmehr Schaltergeschäft betreiben werden. Auch in der Zukunft wird es ein Investmentbanking geben, wenn auch in kleinerer Dimension. Die Überkapazitäten in der Automobilbranche waren seit Jahren bekannt und wurden mit allerlei Verkaufsaktionen kaschiert. Aber auch nach einer schmerzlichen Bereinigung werden weiterhin Autos gebaut und verkauft werden. Der Abbau der Kreditpyramiden – den es auch in früheren Finanzkrisen gegeben hat, wenn auch nicht in diesem Volumen – ist nicht gleichbedeutend mit einem Ende des heutigen Geldsystems.

          Gegen den Protektionismus wehren

          Die Geschichte lehrt, dass expansive Geldpolitik fast immer früher oder später ihre Wirkung zeigt. Ein Frankfurter Privatbankier hat die gegenwärtige Geldpolitik einmal als den Versuch bezeichnet, einen glimmenden Kamin mit einem Kanister Flugzeugbenzin zum Brennen zu bringen. Wenn die Niedrigzinspolitik der Notenbanken zu wirken beginnt, wird es eher darauf ankommen, eine den künftigen Aufschwung überlagernde Inflation unter Kontrolle zu halten. Garniert wird diese Geldpolitik mit einer expansiven Finanzpolitik. Es stimmt durchaus, dass die wirtschaftsbelebenden Effekte einer solchen Politik ungewiss sind und vergangene Erfahrungen auch enttäuschend waren. Es ist aber nicht so, dass expansive Finanzpolitik noch nie gewirkt hätte. Die Geld- und die Finanzpolitik bergen zusammen ein nicht unbedeutendes Aufschwungpotential in sich.

          Die japanischen Erfahrungen der neunziger Jahre zeigen, dass eine solche Politik den Erfolg nicht garantiert. Sie muss begleitet werden von freien Gütermärkten und einem funktionierenden Bankensystem. Daher muss es eine vordringliche Aufgabe der Politik sein, jedem Anfall von Protektionismus zu wehren und die für die Stabilität des Finanzsystems wichtigen Banken sanieren zu helfen, wo es notwendig ist, und sei es im Extremfall um den Preis einer Verstaatlichung. Das kostet dort, wo die Banken Kapitalhilfen benötigen, zunächst einmal viel Geld. Aber dieses Geld ist, wenn die Sanierung gelingt und sich die Banken erholen, nicht verloren. Die Staatsbeteiligungen können dann über die Börse verkauft werden – eventuell sogar mit Gewinn.

          Niedrige Rohstoffpreise sind das beste Konjunkturprogramm

          Ebenfalls nicht unterschätzt werden sollte die Entlastung der Verbraucher durch die niedrigen Rohstoffpreise, die ebenfalls einem Konjunkturprogramm ähneln. Anders als in der Weltwirtschaftskrise der dreißiger Jahre zeigt sich der private Konsum bisher noch einigermaßen stabil. Das hängt auch mit den sozialen Sicherungssystemen zusammen, die einkommensstützend wirken. Und nicht jeder Branche geht es so schlecht wie den Banken und der Automobilindustrie, die heute die Schlagzeilen füllen. Wahr ist auch, dass der Frachtraten-Index, der einen nicht schlechten Indikator für die Weltwirtschaft darstellt, mittlerweile wieder leicht steigt. Ebenso sind einige Stimmungsindikatoren dabei, sich zumindest zu stabilisieren.

          Das sind allererste Pflänzchen, die mit dem beginnenden Frühjahr beginnen, ihre Knospen aus dem Boden zu strecken. Sie kündigen noch keine Wende an, und vieles spricht dafür, dass die kommenden Monate ebenfalls sehr schwierig werden. Die Geschichte der Finanzkrisen zeigt aber auch, dass die Wende nach oben ebenso unerwartet beginnen kann wie zuvor der Fall. Und es war nicht selten so, dass der Wende der schwärzeste Pessimismus vorausging.

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