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Finanzinvestoren : Dax-Unternehmen im Visier der Hedge Fonds

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Nach dem erzwungenen Machtwechsel bei der Deutsche Börse AG wächst - je nach Standpunkt - die Hoffnung oder die Befürchtung, daß es auch andere deutsche Unternehmen trifft: Linde, MAN, Daimler-Chrysler, TUI.

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          Nach dem erzwungenen Machtwechsel bei der Deutsche Börse AG wächst - je nach Standpunkt - die Hoffnung oder die Befürchtung, daß auch andere renommierte deutsche Unternehmen ins Visier angelsächsischer Fonds geraten.

          Michael Psotta

          Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Immobilienteil.

          Unter den 30 Dax-Werten sind nur wenige davor gefeit. Das sind diejenigen Unternehmen, deren Anteile mehrheitlich oder zu großen Teilen in festem Besitz liegen wie zum Beispiel BMW: Ohne Zustimmung der Familie Quandt, die mit 47 Prozent der Aktien über die Mehrheit auf der Hauptversammlung verfügt, kann dort kein weiterer Aktionär die Herrschaft erringen.

          Linde - Kandidat Nummer eins

          Stabil sieht auf den ersten Blick auch die Lage beim Industriekonzern Linde aus. Dort halten Deutsche Bank, Allianz und Commerzbank gut 32 Prozent, der Rest der Aktien ist breit gestreut. Dennoch wird stets an vorderer Stelle Linde genannt, wenn es um die Frage geht, welche deutschen Ziele sich unbequeme oder auch aggressive Anleger als nächstes suchen. Das hat zwei Gründe: Die drei Großaktionäre haben signalisiert, daß sie sich zumindest mittelfristig zurückziehen wollen. Außerdem bietet Linde einen zentralen Angriffspunkt: Der Konzern ist ein Konglomerat aus zwei Bereichen - Gase und Anlagen für Industriegase sowie Gabelstapler -, die nichts miteinander zu tun haben, also keine Synergieeffekte liefern.

          Selbst Linde-Vorstandschef Wolfgang Reitzle hat zugestanden, daß man durch die Aufteilung des Unternehmens Gewinn machen könnte. Daß er dennoch an der gegenwärtigen Aufstellung festhält, begründet er damit, daß der Zerschlagungsgewinn niedrig und sehr kurzfristiger Natur sei. Langfristig hätten die Aktionäre aus seiner Sicht mehr davon, wenn Linde beide Abteilungen aus eigener Kraft ertragsstärker macht. Reitzle ist besonders gefordert, dieses Versprechen auch umzusetzen, da er nach dem Rückzug der Großaktionäre kein Schutzschild mehr besitzt gegen unliebsame Anleger neuen Typs wie Hedge Fonds.

          MAN - schwache Stelle Druckmaschinengeschäft

          Das ist das Dilemma vieler Großunternehmen: Je höher der Anteil des Streubesitzes, desto größer wird die Chance, in den Aktienindex Dax zu kommen und damit attraktiver für wichtige Anleger zu werden. Doch ein hoher Streubesitz, verbunden mit dem Rückzug der traditionellen deutschen Finanziers wie Deutsche Bank und Allianz, erleichtert die Einstiegsmöglichkeiten für aggressive Anleger, die schon mit Beteiligungen von wenigen Prozent Einfluß ausüben können.

          Das muß beispielsweise der Industriekonzern MAN befürchten, der gegenwärtig vor allem mit Teilen seines Druckmaschinengeschäfts wenig Fortüne hat. Seitdem Allianz, Münchener Rück und Commerzbank Anfang Januar ihre gebündelte Beteiligung von rund 25 Prozent am stimmberechtigten Kapital an institutionelle Investoren veräußert haben, fehlt ein Großaktionär mit Sperrminorität. Damit erhöht sich der Druck auf den Vorstand, das Druckmaschinengeschäft schleunigst rentabel zu machen oder es zu verkaufen.

          Daimler - Führungsduo wie bei Deutscher Börse

          Der Reisekonzern TUI wiederum hat die erste schweißtreibende Erfahrung mit Fondsgesellschaften hinter sich: 2004 sanken die Kurse stark, als kurzfristig orientierte Anleger auf den Hinauswurf der Aktie aus dem Dax spekulierten. TUI blieb zwar im Dax. Weitere Attacken sind aber nicht ausgeschlossen, weil das Reisegeschäft Ertragsschwächen zeigt und die Logistiksparte Hapag-Lloyd doch nicht, wie angekündigt, verkauft werden soll.

          Selbst das Schwergewicht Daimler-Chrysler darf sich vor Attacken nicht sicher fühlen, obwohl derzeit noch die Deutsche Bank die schützende Hand darüber hält. Angriffspunkte ähnlich wie bei der Deutschen Börse bietet die Führungskonstellation mit Vorstandschef Jürgen Schrempp und dem Aufsichtsratsvorsitzenden Hilmar Kopper, dem früheren Chef der Deutschen Bank. An den Märkten ist wegen der langfristig schwachen Kursentwicklung der Daimler-Aktie zuweilen schon von einem Schrempp-Abschlag die Rede. Auch die Möglichkeit, durch den Verkauf der Beteiligung am Luft- und Raumfahrtkonzern EADS den Unternehmenswert zu erhöhen, könnte spekulative Anleger locken.

          Gemeinsame Geldgeber - unterschiedliche Strategien

          In der öffentlichen Diskussion werden derartige Anleger zumeist sehr schwammig und undifferenziert als Finanzinvestoren bezeichnet, wie zuletzt auch die politische Diskussion über die "Heuschrecken" zeigte. Dabei gibt es durchaus große Unterschiede in der Strategie und dem Zeithorizont dieser Fonds. Grob gesagt, stehen den unter dem Namen "Private Equity" zusammengefaßten Beteiligungsgesellschaften oft sehr kurzfristig ausgerichtete Hedge Fonds gegenüber.

          Beiden gemeinsam sind ihre Geldgeber: Vor allem amerikanische und britische Pensionskassen, Stiftungen, Versicherungen und vereinzelt auch sehr reiche Privatpersonen investieren in die Fonds, die zuweilen mehrere Milliarden Euro schwer sind. Insgesamt verfügen diese Fonds über weit mehr als eine Billion Dollar an Anlagegelder. Durch oft zweistellige Renditen sichern sie beispielsweise amerikanischen Pensionären ihre Rente.

          Große Unterschiede gibt es aber in den Strategien. Die Private-Equity-Fonds kaufen am liebsten Unternehmen komplett und halten diese über mehrere Jahre. Sie unterstützen in der Regel das Management bei der Expansion und hoffen, das dadurch im Wert gestiegene Unternehmen später zu höheren Preisen zu verkaufen. Inzwischen trauen sich die Fonds an Unternehmen heran, deren Wert im zweistelligen Milliardenbereich liegt.

          Dagegen verfolgen Hedge Fonds eine Vielzahl unterschiedlicher Strategien, die sich in der Regel eine kurzfristige Unterbewertung einer Aktie oder eines anderen Anlageprodukts zunutze machen. Meistens versuchen sie, mit einem Minderheitsanteil Druck auf das Management eines Unternehmens auszuüben.

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