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Kriminalität : Alle drei Minuten ein Einbruch

Etwas mehr als 40 Prozent der registrierten Einbrüche im vergangenen Jahr blieben als Versuch stecken. Bild: dpa

Mehr als eine halbe Milliarde Euro Schaden entsteht durch die steigende Zahl von Einbrüchen. Viele könnten verhindert werden – wer sich schützen will, kann mit finanzieller Unterstützung rechnen.

          Ein geübter Einbrecher braucht nur zehn Sekunden bei einem normalen, ungesicherten Fenster oder einer einfachen Tür. Er setzt den starken Schraubenzieher an, hebelt Fenster oder Tür auf – und schon ist er drin. Dann werden im Blitztempo die Zimmer durchsucht. Schränke, Kommoden, Schubladen werden aufgerissen und alles herausgezerrt, Wertsachen aufgespürt. Nach nur wenigen Minuten sind die Diebe mit der Beute wieder draußen und hinterlassen ein verwüstetes Haus.

          Philip Plickert

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Volkswirt“.

          Von insgesamt 530 Millionen Euro Sachschäden durch Einbruchdiebstähle spricht die Versicherungswirtschaft. Im Durchschnitt seien es 3250 Euro je Fall. Überwiegend werden Schmuck, Bargeld oder elektronische Geräte wie PCs, Laptops und Smartphones gestohlen.

          Die tatsächlichen Schäden für die Einbruchsopfer dürften aber höher sein, denn nicht alle sind versichert – nur etwa drei von vier Haushalten haben eine Hausratversicherung – und nicht alle gestohlenen Objekte und Schäden werden ersetzt, nicht selten fehlen Kaufbelege und Nachweise für die gestohlenen Wertsachen. Hinzu kommen die psychischen Kosten der Opfer. Viele fühlen sich noch lange nach der Tat unsicher und verletzt.

          Die Zahl der Einbrüche in Deutschland steigt dramatisch. In den vergangenen fünf Jahren hat sie um mehr als 30 Prozent zugenommen – zuletzt auf 167.000, ein Plus knapp 10 Prozent zum Vorjahr. So hoch war die Zahl der Einbrüche bislang erst einmal, in den frühen neunziger Jahren nach der Öffnung der Grenzen zu Osteuropa.

          Vormittag und frühe Abendstunden

          Auch im ersten Halbjahr 2016 hat sich die steigende Tendenz fortgesetzt, wie mehrere Landeskriminalämter dieser Tage melden. Vergangenen Freitag traf es ein prominentes Opfer: Der Unternehmerin und Bremer FDP-Politikerin Lencke Steiner wurde ihre Wohnung im noblen Frankfurter Westend aufgebrochen, die Diebe stahlen einen Tresor mit Schmuck und Bargeld im Wert von fast hunderttausend Euro.

          Statistisch gesehen gibt es alle 3,1 Minuten einen Einbruch oder Einbruchsversuch in Deutschland. Am stärksten betroffen sind der norddeutsche Raum um Hamburg und Bremen sowie Nordrhein-Westfalen. Dort gab es im vergangenen Jahr 500 bis 700 Fälle je 100.000 Einwohner. In Berlin und Umland, Südhessen und dem Saarland sind es 200 bis 400 Fälle. Weit seltener sind Einbrüche im Süden, weniger als 100 Fälle werden in Bayern, Sachsen oder Thüringen verzeichnet.

          Doch die Sorge, Einbruchsopfer zu werden, hat längst die ganze Republik ergriffen. Fast jeder kennt inzwischen Fälle aus der Familie, aus dem Freundes-, Bekannten- oder Kollegenkreis. Und Ermittler sagen: Ferienzeit ist Einbruchszeit – denn wenn viele Bürger verreist sind, kommen die Diebe besonders gerne zu den verlassenen Wohnungen. In 90 Prozent der Fälle kommen die Täter, wenn niemand zuhause ist. Die meisten Einbrüche finden am späten Vormittag oder in den frühen Abendstunden, nicht nachts, statt.

          „Krasses Versagen des Staates“

          Deutschland scheint für Einbrecher ein Paradies geworden zu sein. Nur selten müssen sie mit Verhaftung rechnen, nur in den seltensten Fälle kommt es zu einer Verurteilung. Die Aufklärungsquote ist laut Polizeiangaben in den vergangenen zehn Jahren von 19,6 auf 15,2 Prozent gesunken. Aber selbst wenn ein Tatverdächtiger ausgemacht wurde, kommt er meist ohne Strafe davon.

          Der Kriminologe Christian Pfeiffer hat Tausende Fälle ausgewertet und errechnet, dass von 100 Einbrüchen bloß 2,6 mit einer Verurteilung endeten. „Damit wurden 97,4 Prozent der Einbrecher geradezu ermutigt, ihre kriminellen Aktivitäten fortzusetzen“, findet Pfeiffer, der früher Justizminister in Niedersachsen war. Er spricht von einem „krassen Versagen des Staates“ in diesem Bereich der Kriminalitätsbekämpfung.

          Der Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) hat für seinen neuen „Einbruch-Report“ einige Informationen über die Täterstruktur zusammengetragen. Demnach ist der typische Täter männlich, meist unter 30 Jahre alt und ledig. Etwas mehr als die Hälfte der (wenigen) rechtskräftig verurteilten Täter haben eine ausländische Staatsangehörigkeit. Es ist also zum erheblichen Teil ein importiertes Problem. Die Zunahme der Einbrüche sei vor allem auf „reisende Tätergruppen aus Ost- und Südosteuropäer zurückzuführen“, stellt Bundesinnenminister Thomas de Maizière fest.

          „Technik nicht auf dem neuesten Stand“

          Die meisten Einbruchsopfer machen es den Tätern zu leicht, warnen Fachleute. Ein besserer Einbruchsschutz könnte vieles verhindern. Etwas mehr als 40 Prozent der registrierten Einbrüche im vergangenen Jahr blieben als Versuch stecken, weil die Täter nicht schnell genug ins Haus oder in die Wohnung hereinkamen.

          Bei Einbruchversuchen entstehen meist nur ein paar hundert Euro Schaden, berichtet Alexander Küsel vom Versicherungsverband GDV. In der Mehrzahl der Fälle konnten die Täter jedoch leicht in die Wohnung eindringen. „Einbrechern wird es zu leicht gemacht, unter anderem weil die in Fenster oder Türen eingebaute Sicherheitstechnik nicht auf dem neuesten Stand ist“, kritisiert der GDV.

          Manche Opfer waren leichtsinnig, ließen Fenster oder Balkontüre offen oder gekippt. Die meisten Fenster und Türen kann man aber, selbst wenn sie geschlossen sind, leicht aufhebeln, so dass sie für Profi-Einbrecher kein Hindernis darstellen.

          „Mechanisch vor elektronisch“

          Umso mehr raten Polizei und Versicherungen den Bürgern zu einer besseren Prävention durch einbruchhemmende Türen und Fenster. Für etwa 150 bis 200 Euro sind Fensterbeschläge mit sogenannter Pilzkopfverriegelung zu haben. Die „Pilzköpfe“ verhaken sich beim Schließen in der Montageplatte des Fensterrahmens und erschweren damit das Aufhebeln des Fensters. „Das ist schon eine entscheidende Verbesserung“, sagt Küsel, der beim GDV die Abteilung Schadenverhütung leitet.

          Nachzurüsten sind auch Türen mit einem schwachen Türblatt, wie sie in älteren Häusern oft zu finden sind. Die kann ein Einbrecher mit Leichtigkeit eintreten oder aufhebeln. Ein solideres Türblatt kostet weniger als 1000 Euro. Auch bessere Riegel und Schlösser sind zu empfehlen. Gefährdete Fenster im Erdgeschoss kann man vergittern. Das alles sei vorrangig, bevor man an eine Alarmanlage denke, finden Fachleute.

          „Mechanische Sicherung geht vor elektronische Sicherung“, sagt Küsel. Denn wenn die Täter erst mal in die Räume eingedrungen sind, geht es so schnell, dass Alarmlicht oder Sirene nicht mehr viel bringen. Bis jemand kommt, sind die Täter längst verschwunden.

          KfW-Bank vergibt Darlehen

          Weil die Zahl der Einbrüche so stark gestiegen ist, hat die Politik beschlossen, mit Geld die Selbstschutzmaßnahmen der Bevölkerung zu unterstützen. Die staatseigene KfW-Bank vergibt zinsgünstige Darlehen oder Zuschüsse für Bürger, die ihr Haus oder ihre Wohnung durch Umbauten einbruchssicherer machen wollen.

          Bis zu 50.000 Euro Darlehen zum Zins von 0,75 Prozent kann man beantragen oder, seit Ende vergangenen Jahres, einen 10-Prozent-Zuschuss zu Umbaumaßnahmen von 200 bis maximal 1500 Euro. „Die Nachfrage ist schon sehr hoch, und das Antragsvolumen ist seit dem Frühjahr noch gestiegen“, erklärt Ulrike Schriewer, die das Programm in der KfW betreut.

          Monatlich kommen etwa 3000 Anträge herein und noch sehr viel mehr Informationsanfragen. Manche derer, die nun umbauen wollen, waren schon Einbruchsopfer. „Wir hatten schon einige Leute, die sagten: Bei uns ist jetzt schon zweimal eingebrochen worden, das will ich nicht noch mal erleben“, erzählt Schriewer.

          Fördermittel aufgestockt

          Ob es um den Einbau von einbruchsicheren Türen geht, Alarmanlagen, die Nachrüstung von Fenstern oder Vergitterungen – für all das kann man Darlehen oder Zuschüsse beantragen. Insgesamt hat die Bundesregierung die Fördermittel für einen besseren Einbruchschutz auf 50 Millionen Euro aufgestockt. „Ein wichtiges Signal“, findet der Versicherungsverband.

          Ein Tropfen auf den heißen Stein, sagen Kritiker. Bei 40 Millionen Haushalten bliebe je Wohnung oder Haus nur etwa ein Euro. Kritiker wie der Kriminologe Pfeiffer fordern, dass die polizeilichen Aufklärungsmaßnahmen verstärkt und viel größere Präventionsprogramme aufgelegt werden.

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