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Finanzen des Vatikan : „Der Markt gibt es, der Markt nimmt es“

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Prachtvoll, vermögend: der Petersdom als Symbol des Vatikan Bild: picture-alliance / dpa

Der Kirchenstaat stützt sich auf Aktien, Anleihen und Immobilien im Volumen von einer Milliarde Dollar. Verluste aus Devisengeschäften sorgten 2003 für ein Defizit von 9,6 Millionen Euro. Mit Marktgewinnen ließ sich das nicht ausgleichen. Der Heilige Stuhl braucht dringend neue Einnahmequellen.

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          Der Nachfolger von Papst Johannes Paul II sieht sich zahlreichen Problemen gegenüber: Immer weniger Gläubige gehen in die Kirche, die Priester werden immer älter und nicht zuletzt müssen neue Einnahmequellen gefunden werden, um das Haushaltsloch des Vatikans zu stopfen.

          Nachdem der Heilige Stuhl, die zentrale Verwaltung der Katholischen Kirche, in den 90er Jahren acht Jahre in Folge Gewinne erzielte, folgten bis 2003 drei Jahre mit Defiziten. Verluste aus Devisengeschäften sorgten 2003 für ein Defizit von 9,6 Millionen Euro bei einem Umsatz von 204 Millionen Euro. Die finanziell unabhängig verwaltete Vatikanstadt schrieb 2003 ebenfalls rote Zahlen. "Die Vermögensverwalter des Vatikan hatten sich, wie so viele andere auch, daran gewöhnt, Defizite mit kräftige Marktgewinnen auszugleichen", sagt Joseph Harros, ein Wirtschaftsprüfer aus Seattle, der für mehrere amerikanischen Diözesen Finanzstudien ausgearbeitet hat und eine jährliche Analyse der Finanzen des Vatikan verfaßt. "Aber nun, der Markt gibt es und der Markt nimmt es."

          Diesen Monat wird das neue Oberhaupt von einer Milliarde Katholiken weltweit, von einem Konklave der dazu berechtigten Kardinäle gewählt. Sollte es nicht gelingen, neue Einnahmequellen aufzutun, werden die liquiden Mittel immer weiter wegschmelzen, sagt Francis Butler, Präsident von Foundations and Donors Interested in Catholic Activities Inc., einem Verband katholischer Wohltätigkeitsorganisationen. "Sie bekommen einfach nicht so viele Spenden", so Butler. "Es stellt sich die Frage, wie großzügig die Katholiken weltweit sein werden." Der Heilige Stuhl und der Vatikan legen ihre Ergebnisse für 2004 im Juli vor.

          60-Cent-Briefmarke des Vatikan: Nur Abbildungen von Kunstschätzen dürfen zu Geld gemacht werden

          Eine Milliarde Dollar Kapitalanlagen

          Der Kirchenstaat stützt sich auf Kapitalanlagen in Aktien, Anleihen und Immobilien im Volumen von etwa einer Milliarde Dollar (777 Millionen Euro). Im vergangenen Jahr spendeten katholische Kirchengemeinden etwa 80 Millionen Euro. Hinzu kamen 49 Millionen Euro Spenden von Privatpersonen, davon etwa ein Drittel aus den Vereinigten Staaten. Diese Spenden fließen in einen Fonds, den es schon seit dem 13. Jahrhundert gibt. Der Papst kann den sogenannten "Peterspfennig" direkt für wohltätige Zwecke einsetzten. Mit lediglich einem halben Quadratkilometer Fläche ist der Vatikan der kleinste Staat der Welt. Dennoch prägt er eigene Euro- Münzen und verfügt über eigene Briefmarken.

          Nur die Kunstschätze sind tabu

          Ansässig ist dort auch das Istituto per le Opere di Religione, zu deutsch das Institut für religiöse Werke, besser bekannt als die Vatikanbank. Sie ist die dritte Säule der Finanzen des Vatikan, legt ihre Bilanzen aber nicht offen. Auf die unbezahlbaren Kunstschätze in den Vatikanischen Museen und die vier Basiliken in Rom darf der Heilige Stuhl nicht zurückgreifen. Das verbieten die Grundsätze des Vatikans. Außerdem würde der italienische Staat verhindern, daß Kustwerke außer Landes verkauft werden, erklärt Monsignore Claudio Celli, 63, der für die Verwaltung des Vermögens des Apostolischen Stuhls zuständig ist. "Das ist unsere Lage: Eine geringe Liquidität aber sehr viele fantastische Kunstschätze", erläuterte Celli im Oktober 2003.

          Celli führte aus, daß er einen Großteil des Portfolios des Heiligen Stuhls aus Aktien und in kurzfristige Anleihen umgeschichtet habe. 2003 wurden aus der Vermietung von Immobilien 22,4 Millionen Euro Gewinn erzielt, bei einem Verlust von 11,6 Millionen Euro aus Finanzanlagen. Der Verlust allein aus Devisenanlagen belief sich auf 32,8 Millionen Euro. In dem Jahr verlor der Dollar gegenüber dem Euro 17 Prozent an Wert, während der amerikanische Börsenindex Standard & Poor's 500 26 Prozent gewann. Die Vatikanstadt setzte 2003 145,9 Millionen Euro um, fünf Prozent mehr, vor allem mit den Eintrittsgeldern der drei Millionen Besucher der Museen. Hinzu kommt der Umsatz der steuerfreien Läden für Mitarbeiter und Diplomaten.

          1990: Das Ende der Geheimnisse

          Der Verlust von 8,8 Millionen Euro war darauf zurückzuführen, daß der Vatikan dem Heiligen Stuhl mit 10,5 Millionen Euro aushalf, damit dieser den Verlust bei Radio Vatikan ausgleichen konnte. Die Kosten der Vatikanstadt und für den Betrieb der vier Basiliken in Rom, für die 123 Mann starke Polizeitruppe und den Unterhalt der 110 Schweizer Gardisten des Papstes, stiegen 2003 15 Prozent auf 154,7 Millionen Euro. Die Finanzen des Vatikans waren lange Zeit völlig geheim. Erst mit Edmund Szoka änderte sich das. Den damaligen Erzbischof von Detroit beorderte Johannes Paul II 1990 nach Rom, um die Leitung der Präfektur für wirtschaftliche Angelegenheiten am Heiligen Stuhl zu übernehmen. Diese Präfektur hatte Papst Paul V 1967 geschaffen, um Ordnung in die Finanzen des Vatikans zu bringen. 1970 wurde der erste Finanzbericht vorgelegt. "Das waren Berichte, die würden Sie und ich nicht als richtige Finanzausweise bezeichnen", sagte der jetzt 77jährige Szoka 2003 im Interview. Heute ist Szoka Verwaltungpräsident des Vatikanstaats. "Niemand hat sich jemals hingesetzt, um ein Organigramm zu zeichnen und zu sagen, so sollte es sein. Das ist im Laufe von 2000 Jahren entstanden."

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