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Filme und Serien : Filmstudio aus Südafrika macht Hollywood Konkurrenz

Jim Knopf, hier im Augsburger Puppenkistenmuseum, wird nun in Südafrika verfilmt. Bild: dpa

Die Cape Town Film Studios bezeichnen sich selbstbewusst als die „erfolgreichsten“ in Schwellen- und Entwicklungsländern. Und vermutlich liegen sie damit gar nicht so falsch.

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          Autofahrer auf der N2 von Kapstadt gen Osten könnten es für eine Fata Morgana halten: Piratenschiffe. Wie aus dem Bilderbuch. Und das mitten in den Weingebieten, fünf Kilometer von der Küste entfernt. Dunkle Holzsegelmasten samt Mastkorb und Takelage ragen in den Himmel, auch Piraten klettern gelegentlich darauf herum – aber nur, wenn auf dem Gelände gerade gedreht wird.

          Claudia Bröll

          Freie Autorin für die Wirtschaft in Südafrika.

          Die Schiffe sind Teil der 2010 eröffneten Cape Town Film Studios, die sich selbstbewusst als „die erfolgreichsten“ in Schwellen- und Entwicklungsländern bezeichnen. Und vermutlich liegen sie damit gar nicht so falsch. Auf jeden Fall luchst der Branchenjüngling aus Afrika den Platzhirschen in Hollywood und anderswo zunehmend Aufträge ab.

          Seit vier Jahren werden in den Kapstädter Studios die Folgen der amerikanischen Fernseh-Piratenserie Black Sails gefilmt. Auch Produktionen mit 100-Millionen-Dollar-Budgets wie Oskar-Gewinner „Mad Max: Fury Road“ entstanden zumindest teilweise dort und natürlich die Verfilmung der Nelson-Mandela-Biographie „Der lange Weg zur Freiheit“.

          Jetzt haben sich für das kommende Jahr zwei in Deutschland beliebte Helden zum Besuch angekündigt: Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer. Seit fast 14 Jahren wird die Verfilmung des berühmten Michael-Ende-Buches vorbereitet, nun soll sie in den Studios Babelsberg in Potsdam, Bavaria in München und eben in Kapstadt entstehen. Uwe Ochsenknecht ist als Lummerlands König Alfons der Viertel-vor-Zwölfte mit dabei, Hollywood-Legende Shirley MacLaine spielt den computeranimierten Drachen Frau Mahlzahn.  

          Als Normalsterblicher kommt man indes nicht so leicht in Afrikas Traumfabrik. Ein Termin ist nötig. Fotografieren streng verboten, steht auf mehreren Schildern. Vor acht Jahren war das 200 Hektar große Areal noch Brachland. Jetzt ragen fünf strahlend weiße Studiohallen 15 Meter hoch in den tiefblauen afrikanischen Himmel. Mitarbeiter fahren in Golfwägelchen herum. Man könnte das Areal für einen Gewerbehof halten, wären da nicht die Gemäuer eines verfallenen tropischen Fischerdorfes im Hintergrund, mit weißem Sandstrand und dramatisch zerzausten Palmen. Unweit entfernt blitzen die schneebestäubten Dächer eines historischen amerikanischen Städtchens auf.

          Andrang aus aller Welt

          Von Nico Dekkers Eckbüro im ersten Stock aus kann man den Blick entspannt über die Studiolandschaft schweifen lassen. Der Südafrikaner hat das Unternehmen von der ersten Stunde an aufgebaut. Er strotzt vor Stolz, Optimismus und guter Laune. „Fast alle haben uns damals für verrückt gehalten“, erzählt er in fließendem Deutsch mit einem an Rudi Carrell erinnernden Akzent. „ausgerechnet wir aus Afrika wollten in diesem hart umkämpften Geschäft mitmischen“.

          Umso mehr freut es ihn, dass die Studios mittlerweile Gewinn schreiben – lange vor den Erwartungen - und bis weit ins nächste Jahr ausgebucht sind. Seit Oktober 2013 habe man mehr als 30 Anfragen zurückweisen müssen, auch für Blockbuster wie Star Wars. Die im Februar fertig gestellte fünfte Produktionshalle wurde sofort wurde für „Dark Tower“, die Verfilmung einer Stephen-King-Romanserie mit dem früheren Mandela-Darsteller Idris Elba belegt.

          Der Andrang aus aller Welt schürt schon jetzt die Expansionslust. „Wir könnten ohne Probleme Studios von der zwei- oder dreifachen Größe wie dieses füllen“, sagt Dekker. Auch andere Firmen aus der internationalen Film- und Fernsehbranche könnten sich ansiedeln. Ein Zentrum des Films schwebt ihm vor – ausgerechnet auf einem Kontinent, dessen eigene Filmproduktionen es meist nur in das Nischenprogramm der Kinos schaffen. Angestachelt von den Erfahrungen im fernen Kapstadt tüfteln Investoren in Johannesburg derweil an einem ähnlichen Projekt.

          Die externen Rahmenbedingungen sind günstig

          Die Idee von Kapstädter Filmstudios entstand schon 2003, doch die Realisierung zog sich aus vielerlei Gründen hin. Dann kam 2008 auch noch die Weltfinanzkrise. Schon machten Witze über einen nie erfüllten Traum die Runde. Einer der beiden Haupteigentümer der Studios heißt Video Vision Dreamworld. Dahinter steckt jedoch kein Traumtänzer, sondern der bekannte Produzent Anant Singh, Schöpfer von „Der lange Weg zur Freiheit“ und „Sarafina!“. Bei dem anderen Großinvestor handelt es sich um eine Investitionsgesellschaft der Rupert-Dynastie, die mit dem Vorgänger des Zigarettenkonzerns British American Tobacco reich geworden sind. Studiochef Dekker wiederum arbeitet seit 20 Jahren in der Filmbranche. Als Scriptwriter für Constantin Film hatte er angefangen und später gut zehn Jahre lang ein eigenes kleineres Filmstudio in Kapstadt geführt.

          Die externen Rahmenbedingungen für die Pioniere in Afrika - Nigeria hat mit Nollywood zwar eine riesige Filmindustrie, doch diese bedient fast ausschließlich den eigenen Markt – sind günstig. Die Landeswährung Rand kostet in Dollar nur noch halb so viel wie etwa 2010. Die Arbeitskosten liegen niedriger als in vielen entwickelten Ländern. Zusätzlich bezuschusst der Staat die Produktionskosten. Und das Land liegt in der gleichen Zeitzone wie Europa, das ist ein Vorteil gegenüber Wettbewerbern wie Neuseeland.

          Es hilft auch, dass die Südafrikaner keine Anfänger sind, wenn es um Filme geht. Viel Sonne und eine abwechslungsreiche Landschaft haben das Land lange vor Eröffnung der Studios zu einem beliebten Drehort gemacht. Oft haben die dort gefilmten Geschichten gar nichts mit dem Land zu tun. Das beschauliche Kapstadt beispielsweise doubelte in der amerikanischen Fernsehserie Homeland für Islamabad, Kabul und Washington. Ein Film über den jüngsten Terror-Anschlag auf das Westgate-Einkaufszentrum in Kenia soll ebenfalls demnächst in Südafrika gedreht werden.

          Vergleichsweise wenig Investitionen

          Eine vielseitige Kulisse allein aber reicht nicht, um eine international anerkannte Filmindustrie aufzubauen. Dank der Studios sei es jetzt möglich, auch High-Tech-Produktionen unabhängig von der Szenerie anzuziehen, sagt Dekker. Bestes Beispiel ist die Auftaktproduktion „Dredd“, eine Comic-Verfilmung über eine düstere amerikanische Megametropole. Sie wäre früher vermutlich in einem der führenden Studios auf der Welt entstanden.  

          Ziel sei von Anfang an gewesen, Filmemachern die gleichen oder bessere technische Möglichkeiten zu bieten wie in den etablierten Standorten. „Die Leute müssen fast einen Schock bekommen, weil sie so etwas in Afrika nicht erwartet hätten“, setzt er hinzu. Das ist nicht einfach, zumal in einem Land mit Fachkräftemangel und einer schwachen Währung, die den Import von Anlagen und Geräten teuer macht. Doch die Südafrikaner holten sich Rat von Disney, Warner und Co. und legten auf eigene Faust los. Unter den einheimischen Dienstleistern für die Filmindustrie fanden sich viele lokale Talente. Zusätzlich wurden begabte Handwerker aus den Armenvierteln ausgebildet, die vorher nichts mit dem Film zu tun hatten. Insgesamt wirkten mehr als 70.000 Menschen am Aufbau und Betrieb der Studios mit.

          „Da sehen Pinewood und andere  alt aus“, schrieb der britische Fernsehstar, Regisseur und Schriftsteller Stephen Fry nach einem Dreh auf Twitter. Dredd-Produzent Andrew Macdonald resümierte, es gebe „nicht viele Orte auf der Welt, wo man einen Film drehen kann, der wie eine 100-Millionen-Dollar-Produktion aussieht, aber weniger als die Hälfte kostet“.

          Ein weiterer Triumph

          Bisher kamen die Studios mit vergleichsweise geringen Investitionen von umgerechnet 24 Millionen Euro aus. Die Rechnung geht auf, weil die aufwendigen Kulissen und Anlagen vielseitig zum Einsatz kommen sollen. Das bis ins kleinste Detail nachgebaute Gefängnis auf Robben Island, in dem Nelson Mandela inhaftiert war, verwandelte sich schon in ein kenianisches Krankenhaus und ein amerikanisches Motel. Das mittelalterliche Städtchen Carcassonne wurde mit einigen Erweiterungen zum Florenz von Leonardo da Vinci. Besonders stolz sind Dekker und sein Team auf riesige Tiefwasser- und Strandbecken, in denen sich auch Ebbe und Flut simulieren lassen. 

          Dort sollen nach den Piraten bald Jim Knopf und die Lokomotive Emma in See stehen. In keinem deutschen Studio gebe es vergleichbare Becken, sagt Produktionsdesigner Matthias Müsse. Das sei neben den Kosten ein wichtiger Grund für die Entscheidung für Kapstadt gewesen. Die Helden von Michael Ende werden sich aber nicht nur in den Studiogewässern tummeln, sondern womöglich auch in den riesigen Sanddünen am Atlantik, den bizarr geformten Felsen der Cederberge und in einer Kiesgrabe, die täuschend echt einer Vulkanlandschaft gleicht.

          Für die Studios ist es ein weiterer Triumph gegenüber denjenigen, die einst über die Idee eines Hollywoods in Afrika gelacht haben. Und Jim Knopf hat es auf seiner großen Abenteuerreise sogar ans Kap der Guten Hoffnung geschafft. Das werden die Zuschauer aber wieder einmal nur im Abspann erfahren.

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