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Filme und Serien : Filmstudio aus Südafrika macht Hollywood Konkurrenz

Die externen Rahmenbedingungen für die Pioniere in Afrika - Nigeria hat mit Nollywood zwar eine riesige Filmindustrie, doch diese bedient fast ausschließlich den eigenen Markt – sind günstig. Die Landeswährung Rand kostet in Dollar nur noch halb so viel wie etwa 2010. Die Arbeitskosten liegen niedriger als in vielen entwickelten Ländern. Zusätzlich bezuschusst der Staat die Produktionskosten. Und das Land liegt in der gleichen Zeitzone wie Europa, das ist ein Vorteil gegenüber Wettbewerbern wie Neuseeland.

Es hilft auch, dass die Südafrikaner keine Anfänger sind, wenn es um Filme geht. Viel Sonne und eine abwechslungsreiche Landschaft haben das Land lange vor Eröffnung der Studios zu einem beliebten Drehort gemacht. Oft haben die dort gefilmten Geschichten gar nichts mit dem Land zu tun. Das beschauliche Kapstadt beispielsweise doubelte in der amerikanischen Fernsehserie Homeland für Islamabad, Kabul und Washington. Ein Film über den jüngsten Terror-Anschlag auf das Westgate-Einkaufszentrum in Kenia soll ebenfalls demnächst in Südafrika gedreht werden.

Vergleichsweise wenig Investitionen

Eine vielseitige Kulisse allein aber reicht nicht, um eine international anerkannte Filmindustrie aufzubauen. Dank der Studios sei es jetzt möglich, auch High-Tech-Produktionen unabhängig von der Szenerie anzuziehen, sagt Dekker. Bestes Beispiel ist die Auftaktproduktion „Dredd“, eine Comic-Verfilmung über eine düstere amerikanische Megametropole. Sie wäre früher vermutlich in einem der führenden Studios auf der Welt entstanden.  

Ziel sei von Anfang an gewesen, Filmemachern die gleichen oder bessere technische Möglichkeiten zu bieten wie in den etablierten Standorten. „Die Leute müssen fast einen Schock bekommen, weil sie so etwas in Afrika nicht erwartet hätten“, setzt er hinzu. Das ist nicht einfach, zumal in einem Land mit Fachkräftemangel und einer schwachen Währung, die den Import von Anlagen und Geräten teuer macht. Doch die Südafrikaner holten sich Rat von Disney, Warner und Co. und legten auf eigene Faust los. Unter den einheimischen Dienstleistern für die Filmindustrie fanden sich viele lokale Talente. Zusätzlich wurden begabte Handwerker aus den Armenvierteln ausgebildet, die vorher nichts mit dem Film zu tun hatten. Insgesamt wirkten mehr als 70.000 Menschen am Aufbau und Betrieb der Studios mit.

„Da sehen Pinewood und andere  alt aus“, schrieb der britische Fernsehstar, Regisseur und Schriftsteller Stephen Fry nach einem Dreh auf Twitter. Dredd-Produzent Andrew Macdonald resümierte, es gebe „nicht viele Orte auf der Welt, wo man einen Film drehen kann, der wie eine 100-Millionen-Dollar-Produktion aussieht, aber weniger als die Hälfte kostet“.

Ein weiterer Triumph

Bisher kamen die Studios mit vergleichsweise geringen Investitionen von umgerechnet 24 Millionen Euro aus. Die Rechnung geht auf, weil die aufwendigen Kulissen und Anlagen vielseitig zum Einsatz kommen sollen. Das bis ins kleinste Detail nachgebaute Gefängnis auf Robben Island, in dem Nelson Mandela inhaftiert war, verwandelte sich schon in ein kenianisches Krankenhaus und ein amerikanisches Motel. Das mittelalterliche Städtchen Carcassonne wurde mit einigen Erweiterungen zum Florenz von Leonardo da Vinci. Besonders stolz sind Dekker und sein Team auf riesige Tiefwasser- und Strandbecken, in denen sich auch Ebbe und Flut simulieren lassen. 

Dort sollen nach den Piraten bald Jim Knopf und die Lokomotive Emma in See stehen. In keinem deutschen Studio gebe es vergleichbare Becken, sagt Produktionsdesigner Matthias Müsse. Das sei neben den Kosten ein wichtiger Grund für die Entscheidung für Kapstadt gewesen. Die Helden von Michael Ende werden sich aber nicht nur in den Studiogewässern tummeln, sondern womöglich auch in den riesigen Sanddünen am Atlantik, den bizarr geformten Felsen der Cederberge und in einer Kiesgrabe, die täuschend echt einer Vulkanlandschaft gleicht.

Für die Studios ist es ein weiterer Triumph gegenüber denjenigen, die einst über die Idee eines Hollywoods in Afrika gelacht haben. Und Jim Knopf hat es auf seiner großen Abenteuerreise sogar ans Kap der Guten Hoffnung geschafft. Das werden die Zuschauer aber wieder einmal nur im Abspann erfahren.

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