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Fifa-WM 2022 : Ein Toter am Tag auf Baustellen in Qatar

  • -Aktualisiert am

Heikles Terrain für die Fifa: Gastarbeiter auf einer Baustelle in Doha Bild: Ullstein

Millionen Gastarbeiter aus Indien und Nepal bauen in Qatar weiter unter unwürdigen Bedingungen die Infrastruktur für die WM 2022 – was sagt die Fifa? Sie macht das sogenannte „Kafala-System“ für die Zustände verantwortlich.

          Zehn bis 14 Stunden harte Arbeit in glühender Hitze, wenig Wasser, kaum Schlaf, keine Rechte. Trotz Versprechungen hat sich auf den Baustellen in Qatar anscheinend nichts verändert. Im Wüstenstaat müssen immer noch etwa 1,5 Millionen Gastarbeiter unter „menschenunwürdigen“ Bedingungen leben und arbeiten, um die Infrastruktur für die Fifa-Fußball-WM 2022 zu schaffen. Das ist das Ergebnis der jüngsten Studie der Menschenrechtsorganisation Amnesty International. Diese erhält anlässlich der aktuellen Ermittlungen rund um die WM-Vergaben nach Russland und in das arabische Emirat sowie der Korruptionsermittlungen gegen ranghohe Funktionäre des Weltfußballverbands Fifa besondere Brisanz.

          Seit Jahren werden die Arbeits- und Lebensbedingungen der ausländischen Gastarbeiter im Land des WM-Gastgebers für 2022 heftig kritisiert. Amnesty hatte der Regierung von Qatar vor anderthalb Jahren einen Katalog von Maßnahmen vorgeschlagen, um die Lage der Arbeiter zu verbessern. „In der Praxis hat es aber seitdem keine signifikanten Fortschritte gegeben“, sagte die Amnesty-Expertin für die Golfstaaten, Regina Spöttl, bei einer Veranstaltung mit der Gewerkschaft IG Bau am Donnerstag in Frankfurt. Ausländische Arbeiter seien ihren Arbeitgebern weiter ausgeliefert. Ohne besondere Erlaubnis könnten sie ihre Stellen nicht kündigen und das Land nicht verlassen. Gegen unmenschliche Wohnverhältnisse, gesundheitsschädigende Arbeitsbedingungen und nicht ausbezahlte Löhne seien sie machtlos. „Im Durchschnitt gibt es unter ihnen pro Tag einen Toten, der an Herzversagen oder Erschöpfung stirbt“, sagte Spöttl. Diese Information stamme von den Regierungen in Indien und Nepal, Länder, aus denen besonders viele Gastarbeiter kämen. Unterstützung erhält Amnesty von Sponsoren des Turniers. So forderte der Kreditkartenanbieter Visa die Führung der Fifa auf, mit den zuständigen Behörden und Organisationen Abhilfe bei den Missständen zu schaffen. Der Getränkekonzern Coca-Cola teilte mit: „Wir erwarten von der Fifa, dass sie diese Probleme weiterhin ernst nimmt und auf weitere Fortschritte hinarbeitet.“

          Die Fifa widerspricht hingegen den Anschuldigungen der Menschenrechtsorganisation und weist darauf hin, dass die monierten Zustände nicht auf WM-Baustellen vorzufinden seien. Die WM 2022 könne sogar als „Katalysator für bedeutende Veränderungen“ dienen, heißt es in einer Mitteilung. „Die Baustellen der Fifa-WM-Stadien, auf denen keine der im Bericht erwähnten Vorfälle stattfanden, unterstehen den internationalen Richtlinien und Standards, die von den verantwortlichen Bauunternehmen und deren Lieferketten gefordert werden.“ Der Verband hoffe, dass „diese Richtlinien und Standards ausgeweitet werden und als Richtschnur für das gesamte Land dienen“.

          Der Kontrast zwischen den wenigen WM-Baustellen, wo Arbeiter offenbar gut behandelt und pünktlich bezahlt werden, wie auch Amnesty und die IG Bau attestieren, und Infrastrukturprojekten Qatars scheint in der Tat gewaltig. Eine unabhängige Berichterstattung von den WM-Baustellen Qatars sei häufig jedoch nicht möglich, sagte Dietmar Schäfers, der stellvertretende Vorsitzende der IG Bau und Mitglied der internationalen Bau- und Holzarbeiter-Vereinigung, der mehrere Tage mit anderen Gewerkschaftern in dem Land unterwegs war. Zuletzt wurden Kamerateams der britischen BBC und der ARD festgenommen. Außerdem würden Straßen, Bahnhöfe und andere Infrastrukturprojekte ja ebenfalls wegen der WM gebaut. „Die Fifa muss ihre Position als Veranstalter ausnutzen, um Druck auf Qatar zu machen“, sagt Schäfers.

          Und so verspricht die Fifa – zum wiederholten Male – mehr Einsatz. Der Verband macht jedoch in erster Linie das „Kafala-System“ für die schlimmen Zustände verantwortlich. Dieses ist am Persischen Golf verbreitet und ist eine Art Leibeigenschaft, bei der Arbeiter nach ihrer Ankunft praktisch alle Rechte an jenen Vermittler oder Arbeitgeber abgeben, der für sie bürgt. Dieses System nähme die Welt allerdings seit mindestens 20 Jahren billigend in Kauf, sagte ein Sprecher der Fifa. Die Fußball-WM habe bezüglich der schlechten Arbeitsbedingungen schon viel bewirkt. „Letztlich können nachhaltige Veränderungen im ganzen Land jedoch nur durch gemeinsame Anstrengungen aller beteiligten Anspruchsgruppen erreicht werden, einschließlich internationaler Unternehmen und Regierungen.“ Und weiter: „Die Fifa wird an der Seite von Gewerkschaften und Menschenrechtsorganisationen weiter bei den qatarischen Behörden auf die Umsetzung von Reformen und die Abschaffung des Kafala-Systems drängen.“ Gewerkschafter Schäfers und seine Mitstreiterin Spöttl von Amnesty International berichteten am Donnerstag jedoch von einer äußerst schwierigen Kommunikation mit dem Verband. „Freundlich ausgedrückt.“

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