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Fernost verunsichert : In China geht das Zittern weiter

Die letzte Instanz: Wie ein Fels in der Marktbrandung steht die mächtige chinesische Zentralbank in Peking. Bild: REUTERS

In China purzeln die Aktienkurse. Die Angst ist weiter groß unter den Anlegern. Ein Grund für den jüngsten Liquiditätsengpass in Fernost waren wohl auch getürkte Exportgeschäfte - die jetzt unterbunden werden.

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          Die Anleger auf den chinesischen Finanzmärkten sind weiter stark verunsichert. Sowohl in Hongkong als auch auf dem Festland sind die Kurse an diesem Mittwoch gefallen. Die Aktionäre straften vor allem die großen Banken ab, um deren Solidität es zuletzt viele Spekulationen gegeben hatte. Die Aktien des Instituts ICBC, von der Bilanzsumme her die größte Bank der Welt, verloren 2 Prozent ihres Wertes.

          Christian Geinitz
          (itz.), Wirtschaft

          Der Shanghai Composite Index schloss um 0,6 Prozent niedriger, nachdem er in den drei Tagen zuvor fast 3 Prozent hinzugewonnen hatte. Der CSI 300, der auch die wichtigsten Werte der Börse in Shenzhen berücksichtigt, rutschte um 0,8 Prozent ab. In Hongkong sanken die Kurse der dort notierten Festlandstitel sogar um 2,6 Prozent. Seit Jahresbeginn hat der entsprechende Index HSCEI 22 Prozent abgegeben.

          Dass gerade Finanztitel leiden, die in Hongkong eine besondere Rolle spielen, erklären Analysten mit den Verwerfungen am Geldmarkt - dort leihen sich große Finanzakteure, zumal Banken, kurzfristig Geld. Vor zwei Wochen erreichten die Zinsen dort Rekordstände, was auf Liquiditätsengpässe und ein wachsendes Misstrauen der Banken untereinander hindeutete. In den Vereinigten Staaten waren dieselben Phänomene sichtbar, als die Finanzkrise dort vor nunmehr fünf Jahren eskalierte.

          Seitdem die chinesische Zentralbank ankündigt hat, einzelnen Banken aus der Klemme zu helfen und auch künftig am Markt einzugreifen, sind die Zinssätze, zu denen sich Chinas Banken gegenseitig Geld leihen, allerdings wieder stark gefallen. An diesem Mittwoch gingen die Zinsen zum neunten Mal hintereinander zurück, was Analysten als Entspannung werten. „Die Bedingungen am Geldmarkt normalisieren sich“, sagte Wee-Khoon Chong von der Bank Société Générale in Hongkong der Finanzagentur Bloomberg. Die Zentralbank PBOC, die es zuletzt auf eine Konfrontation mit den Geschäftsbanken hatte ankommen lassen, halte ihnen jetzt den Rücken frei. „Dann können sie die strengeren Regeln für die Ausleihungen einhalten und ihre Bücher in Ordnung bringen.“

          Die Zentralbank hilft

          Dem Vernehmen nach hatte die PBOC zunächst nicht am Geldmarkt eingegriffen und die Explosion der Zinsen hingenommen, um die Geschäftsbanken dazu zu zwingen, ihre überbordenden Kredite an die Staatsbetriebe einzudämmen und ihre undurchsichtigen Aktivitäten am grauen Kapitalmarkt in die Bilanzen zurückzuholen.

          Auf die Frage, wie es überhaupt zu der Knappheit am Geldmarkt kommen konnte, geben die Fachleute unterschiedliche Antworten. Der Chefvolkswirt der Deutsche Bank für China, Jun Ma, vermutet, dass im Juni verschiedene Faktoren zusammengekommen sind, welche die Lage verschärft haben. Ende Mai mussten die großen Staatsunternehmen ihre Steuern bezahlen. Sie überwiesen dafür Geld von ihren Hausbanken an den Staat, der es bei der Zentralbank anlegte. Dadurch war es dem Geldmarkt entzogen.

          Zugleich mussten die Banken Anfang und Mitte Juni zweimal ihre Mindestreserven überweisen. Das ist jener Teil der Einlagen, den sie bei der Zentralbank parken müssen und der so der Kreditvergabe entzogen ist. Drittens legen die Institute der Zentralbank derzeit ihre Halbjahreszahlen vor und wollen dort gut aussehen. Das lässt sich durch Ausweis hoher Bonität und eine Verlängerung der Bilanz erreichen. Beidem dient die kurzfristige Geldaufnahme.

          Hinzu treten Sonderphänomene: Seit Jahresbeginn ist gegen getürkte Exportrechnungen viel spekulatives Geld aus dem Ausland nach China geflossen. Seit Mai unterbinden die Behörden diese Scheingeschäfte, so dass jetzt deutlich weniger Liquidität in den Kreislauf fließt. Die Verunsicherung der Märkte habe der PBOC gezeigt, dass ihre Ausrichtung etwas zu straff sei, urteilt Jun Ma. Vermutlich werde sie jetzt „einige Monate lang eine entspanntere geldpolitische Haltung einnehmen“.

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