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Fernbus-Boom : Deutschland steigt um

Konkurrenz belebt das Geschäft: Schon 247 Fernbuslinien gibt es in Deutschland, Tendenz steigend Bild: dpa

Fernbusse sind eine Erfolgsgeschichte und die niedrigen Ticketpreise bringen auch die Bahn auf Trab. Doch der Preiskampf wird bald Opfer fordern.

          Diese Welle hat niemand kommen sehen. Seit eineinhalb Jahren fahren Fernbusse in Deutschland, und es werden immer mehr. Auf der rechten Spur der Autobahnen sind sie unübersehbar: MeinFernbus, Flixbus, Deinbus, ADAC-Postbus und andere. Die Busse selbst sind die beste Werbefläche. Auf farbigem Lack preisen sie die Verbindungen an: Freiburg–München ab 15 Euro, Dresden–Jena ab 11 Euro, Hamburg–Berlin ab 8 Euro – alles Nähere im Internet. Die Kunden mögen diese Neulinge, die der Bahn und dem Auto seit der Liberalisierung des Marktes kräftig Konkurrenz machen dürfen. Es sind besonders die jungen Leute, die das neue Angebot nutzen, aber auch die älteren, denen es auf Reisen nicht mehr auf jede Minute ankommt.

          Kerstin Schwenn

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Die neue Reisefreiheit für die Busunternehmer, die bis vorvergangenes Jahr – vom historischen Ausnahmefall Berlin abgesehen – keine Fernfahrten anbieten durften, bringt auch Verbrauchern neue Bewegungsfreiheit: Da ist zum Beispiel der 24 Jahre alte Moritz. Er studiert seit mehreren Semestern in Bayreuth. Sein Reisebudget ist begrenzt. Bahn fahren kommt nicht in Frage – nicht nur, weil das Normalticket in die Heimatstadt Berlin im günstigsten Fall 81 Euro kostet, sondern auch, weil die Verbindung mit Umsteigen mindestens fünfeinhalb Stunden dauert. Für Moritz gilt die Alternative: Mitfahrgelegenheit für 20 Euro oder Bus für 15 Euro, wenn er Glück hat. Die Fahrt über die Autobahn A9 dauert laut Fahrplan 4 Stunden 15 Minuten. Länger als fünf war er bisher nie unterwegs. Ein Nachteil: Die halbstündige Pause des Busfahrers nach vier Stunden macht der Fahrgast notgedrungen mit, wenn nicht gerade Schichtwechsel ist. Auch bei einer Reise von Erlangen nach Hannover entschied Moritz sich kürzlich aus Kostengründen für den Bus, da klappte sogar der Umstieg in Würzburg von MeinFernbus zu Flixbus reibungslos. Ein Busnetz entsteht. Moritz sagt, wenn er reisen wolle, denke er schon gar nicht mehr an die Bahn. Dass auch im Busgeschäft die Nachfrage den Preis bestimmt, bekam Moritz indes an Pfingsten zu spüren. Da kostete das Ticket Berlin–Bayreuth plötzlich bis zu 44 Euro – für den Studenten eine praktische Lektion in Marktwirtschaft.

          Markt ist noch nicht ausgereift

          Die Busunternehmer wagten sich zunächst vor allem auf Strecken, auf denen das Bahnangebot unbefriedigend ist. Wer etwa früher von München nach Freiburg wollte, wählte angesichts der unzumutbaren Zugverbindung selbst als eingefleischter Bahn-Fan das Auto. Jetzt sind hier gleich mehrere Fernbusse unterwegs. Die Busanbieter haben außerdem besonders die Studentenstädte im Visier. Die Zahl der Fernbuslinien ist auf 247 gestiegen. Weitere 35 Genehmigungsanträge liegen vor. Nach einer Marktanalyse, die MeinFernbus, ADAC/Post, der Automobilindustrie-Verband und der Deutsche Tourismusverband in Auftrag gaben, nutzen zwei Drittel der Fahrgäste den Fernbus, um Familie und Freunde zu besuchen. 15 Prozent gehen damit auf Kurz- und Städtereisen. Mehr als die Hälfte der Gäste sind jünger als 45 Jahre. Viele wären ohne Bus gar nicht weggefahren. Das Umsatzvolumen des Fernbusmarktes wird dieses Jahr rund 160 Millionen Euro erreichen, 2015 werden 350 Millionen Euro erwartet. Ein Ende des Wachstums ist nicht abzusehen.

          Doch der Busmarkt ist noch kein reifer Markt. Der Preiskampf ist hart. Viele Unternehmen schreiben noch keine schwarzen Zahlen. Manche werden diesen Zustand nie erreichen, sondern vorher von der Bildfläche verschwinden. Fachleute erwarten eine „Marktbereinigung“. Vor einer Weile kursierten Gerüchte, dass etwa der ADAC-Postbus sich schon wieder zurückziehen wolle. Die Startkosten für die Unternehmen sind nicht hoch, zumal viele nicht in eigene Busse investiert haben, sondern mit Subunternehmern fahren. Aber ebenso überschaubar wie die Einstiegskosten sind die Gewinnmargen.

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