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Kommentar : Kommt die Inflation zurück?

Anstrengende Jahre für den neuen Fed-Chef: Die Preisstabilität, eine höchstmögliche Beschäftigungsrate sowie die Verteidigung der Unabhängigkeit der Zentralbank liegen nun in seinen Händen. Bild: AFP

Die amerikanische Notenbank bekommt einen neuen Chef. Für ihn könnte es unerwartet spannend werden.

          Die amerikanische Zentralbank Federal Reserve hat den gesetzlichen Auftrag, höchstmögliche Beschäftigung, stabile Preise und moderate Zinsen zu befördern. Zum Ende ihrer Amtszeit als Präsidentin der Federal Reserve darf Janet Yellen mit Genugtuung auf die Zahlen gucken und vermelden: Mission erfüllt. Die Arbeitslosigkeit liegt mit 4,1 Prozent historisch niedrig. Die Zinsen sind bescheiden. Ihre bedächtige, transparente Geldpolitik der graduellen Normalisierung hat der Gesundung der Volkswirtschaft nicht geschadet. Das ist keine selbstverständliche Leistung.

          Den Makel in ihrer Bilanz liefert die Inflation. Sie war nicht zu hoch, sie war zu niedrig. Jahrelang haben Yellen und ihre Mitstreiter im Zentralbankrat versucht, die Inflation zur gerade wieder bestätigten Zielmarke von zwei Prozent zu bugsieren. Sie ließ sich nicht schubsen. Als die Inflation im vergangenen Jahr sogar zurückging, räumte die Zentralbankerin ein, sie habe dafür keine eindeutige Erklärung. Das dürfte die Akademikerin gefuchst haben. Nun aber, ausgerechnet zum Abschied der mächtigsten Geldpolitikerin der Welt, scheint sich die Inflation zu bewegen. Yellen kann sich immerhin damit trösten, ihre Phillips-Kurve nicht entsorgen zu müssen. Dieses Konzept sagt grob, dass auf Vollbeschäftigung Inflation folgt, was manchmal etwas dauern kann.

          Jerome Powell übernimmt die Fed

          Die jüngsten Preisbewegungen machen den Wachwechsel an der Spitze der Federal Reserve, der alle Zutaten eines gepflegt langweiligen Übergangs zu haben schien, nun doch hochinteressant. Yellen hatte jahrelang mit der Möglichkeit der Deflation kalkulieren müssen, ihr Nachfolger Jerome Powell wird mit der Inflation konfrontiert werden. „Ich verspreche Ihnen, in einem Jahr sitzen wir hier, und alle werden sich Sorgen darüber machen, dass die Löhne und die Inflation zu hoch steigen“, sagte Jamie Dimon, der Chef Investmentbank J.P. Morgan, vor wenigen Tagen. Er formulierte damit eine Erwartung, die von vielen Marktbeobachtern geteilt wird: Die Inflation rückt an.

          Schon ohne die große Steuerreform und schon vor dem Amtsbeginn von Präsident Donald Trump hatten die amerikanischen Wirtschaftsindikatoren noch oben gezeigt. Mit der Steuerreform könnte aus dem soliden Aufschwung eine heiße Fahrt werden. Denn Trumps Reformprojekt bleibt in einer Hinsicht höchst ungewöhnlich. Normalerweise versuchen Politiker ihre Volkswirtschaften durch Wirtschaftsprogramme zu befeuern, wenn die Arbeitslosigkeit hoch und das Wachstum mau ist. Trump unterschrieb die Steuergesetzgebung im Dezember bei einer Arbeitslosenquote von 4,1 Prozent und solidem Wirtschaftswachstum.

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          Der im internationalen Vergleich niedrige Anteil der arbeitenden Bevölkerung an der Gesamtbevölkerung deutet zwar darauf hin, dass die amerikanische Wirtschaft noch etwas Spiel nach oben hat. Aber viel dürfte es nicht sein. Unternehmer sagen jetzt schon in Umfragen oft, die Rekrutierung geeigneten Personals sei die größte Herausforderung. Zusätzliches Doping könnte die Volkswirtschaft durch die umfangreichen Ausgabenpläne fürs Militär, die Grenzsicherung und die Infrastruktur erfahren. Die Börse floriert ohnehin mit Aktienbewertungen, die man zuletzt im Internetboom gesehen hat.

          Steigen die Zinsen schneller als gedacht?

          Mit diesem Szenario einer heiß laufenden Volkswirtschaft sind der neue Chef der Federal Reserve, Jerome Powell, und seine Kollegen konfrontiert. In ihrer jüngsten Stellungnahme deutete die Notenbank an, dass sie für dieses Jahr mit drei weiteren Leitzinserhöhungen in den klassischen Viertelprozent-Schritten rechnet. Doch die Realität könnte schnell entschlossenere Zinsschritte gebieten.

          Das wäre dann die erste echte Bewährungschance für Powell in einem potentiellen Konflikt mit Trump. Selbst wenn man vom Chef im Weißen Haus nicht erwarten darf, dass er sich in komplexe geldpolitische Wirkungsketten hineindenkt, wird man ihm doch gute Instinkte attestieren müssen. Und die sagen ihm, dass er keinen Fed-Chef brauchen kann, der ihm mit beständigen Leitzinserhöhungen den schönsten Aufschwung verdirbt.

          Nur ein innerer Kreis im Weißen Haus dürfte wissen, warum Trump eine der erfolgreichsten Zentralbank-Persönlichkeiten entgegen den Gepflogenheiten nach Hause geschickt hat. Hat er damit die Erwartung verbunden, in Powell einen gefügigeren Nachfolger gefunden zu haben, der die Wirtschaft ein bisschen länger heiß laufen lässt nach dem Motto, man kann sich dem Inflationsziel auch von oben nähern? Trumps leichthändiger Umgang mit Institutionen und ihren Vertretern, denen das Gesetz Eigenständigkeit zubilligt, lässt eines ahnen: So genau nimmt er es nicht mit der Gewaltenteilung

          In ihrer letzten Sitzung unter Yellen haben die Zentralbanker der Fed sich diese Woche noch einmal einmütig auf langfristige geldpolitische Leitlinien verständigt, das Inflationsziel bekräftigt und Powell den Rücken gestärkt. Zu seinem Auftrag gehört es nicht nur, die höchstmögliche Beschäftigung und stabile Preise zu sichern. Er muss auch die Unabhängigkeit der Zentralbank verteidigen. Powell stehen anstrengende Jahre bevor.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

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