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Hanks Welt : Christian Lindner, der Verräter

Bild: F.A.Z.

Der FDP-Vorsitzende kämpft mit seinem Trauma. Er habe die Wähler nicht verraten, sondern vor einem Verrat bewahrt, findet er. Ob die Wähler ihm das abnehmen?

          Von allein wären wir nicht noch einmal auf das Ende der Jamaika-Verhandlungen vor gut einem Jahr zu sprechen gekommen. Aber nun hat der FDP-Vorsitzende Christian Lindner, kurz bevor er mit seiner jungen Liebe Franca Lehfeldt in die Weihnachtsferien entschwand, das Fass selbst noch einmal aufgemacht. Und dieses Fass wollen wir nicht einfach so herumstehen lassen.

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Zur Erinnerung: Nach der Bundestagswahl 2017 gab es zwischen Union, Grünen und FDP wochenlang Koalitionsverhandlungen mit Balkonblick, die Lindner in einer Herbstnacht abrupt mit einem Satz für die Geschichtsbücher beendete: „Es ist besser nicht zu regieren, als falsch zu regieren.“ Wie es dann weiterging, ist bekannt. Seither hat er alle Hände voll zu tun, den abrupten Abbruch zu erklären, was ihm bis heute nicht richtig gelingen will, obwohl man ihm nicht vorwerfen kann, er mache sich rar mit Deutungsangeboten.

          Vor kurzem hat Lindner nun ein neues literarisches Format für sich entdeckt, einen Podcast, den man heutzutage offenbar braucht, weil es in unserer Welt immer weniger Leser, dafür aber immer mehr Hörer zu geben scheint. Dieser Podcast heißt „Christian Lindner: 1 Thema, 2 Farben“, weil der FDP-Mann sich jedes Mal einen anders denkenden Gesprächspartner sucht. Drei Ausgaben des Podcast gibt es inzwischen, in der ersten Ausgabe unterhält Lindner sich mit Frank Thelen.

          Warum Jamaika platzte

          Thelen ist ein umtriebiger Unternehmer, den die Fernsehzuschauer aus der „Höhle der Löwen“ kennen. Allzu kontrovers fällt das Gespräch der beiden nicht aus. Dafür ist es ziemlich lang. Ungefähr um die dreißigste Minute wird es interessant, weshalb wir das jetzt etwas ausführlicher transkribieren müssen.

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          „Du kennst doch den Christian“, eröffnet Thelen (man duzt sich unter Startup-Kollegen) und zitiert damit Freunde von sich, die ihm den Auftrag gaben, diesen Christian zu fragen, warum er Jamaika habe platzen lassen. Lindner holt mit seiner Antwort weit aus, sagt, was er alles vorhatte (Kapitalmarkt liberalisieren, Gründerkultur initiieren, Stock Options für Angestellte offerieren und so weiter), um zu beteuern, dass er nichts davon in einem schwarz-grün dominierten Jamaika hätte durchsetzen können. Woher er das weiß, bleibt ein bisschen unklar, denn er hat es ja gar nicht ausprobiert. Doch dazu später mehr.

          Der zentrale Satz kommt dann: „Was ist das eigentlich für ein Verräter“, beteuert Lindner, hätten die Bürger ihm vorgeworfen, hätte er Jamaika zugestimmt: „Der hat uns doch über Jahre gesagt, was er tun will, und jetzt ist er Minister und fährt nach Bali zur Weltbanktagung. Aber hier kümmert er sich um nichts.“

          Überzeugungen statt Dienstwagen?

          Die Antwort gibt einen kleinen Einblick, wie Lindner sich seinen Regierungsalltag so vorgestellt hatte, und soll beweisen, dass er gleichwohl auf all diese Annehmlichkeiten (Bali statt Berlin) trotz vier darbender Jahre im außerparlamentarischen Exil verzichtet habe. Warum? Weil er kein Verräter sein will.

          In einem Podcast ist „Verrat“ eine etwas überraschende Kategorie. Doch Lindner hat einen Punkt und zitiert ein Trauma: Über lange Jahre der Nachkriegsgeschichte haftete den Liberalen der begründete Vorwurf an, sie wollten um jeden Preis regieren, ob mit Union oder mit Sozialdemokraten und seien im Konfliktfall stets machtopportunistisch bereit, ihre Prinzipien zu opfern, wenn sie dafür am Tisch der Macht Platz nehmen dürften.

          Schon sehr bald nach seinem Schlussstrich unter Jamaika hatte Lindner gesagt, er habe den Vorwurf gefürchtet, „für den Dienstwagen alle Überzeugungen aufzugeben“. Das spielt an auf das Alte Testament, wo Esau für ein Linsengericht (aktualisiert: Dienstwagen, Ausflug nach Bali) sein Erstgeburtsrecht verkauft.

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