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FAZ.NET-Spezial : Die Russen kommen!

Russische Unternehmen drängen mit Macht nach Deutschland Bild: dpa/dpaweb

„Guten Tag, Deutschland“: Russische Investoren kaufen deutsche Unternehmen. Ob Kosmetik, Mode, Energie, High-Tech, Immobilien oder einen Fußballklub. Geld spielt keine Rolle. Selbst Dax-Werte haben die Oligarchen im Visier. FAZ.NET-Spezial.

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          Das Revier darf Wodka trinken: Der Fußballklub Schalke 04 hat endlich einen Russen gefunden, der sich in den finanziellen Sumpf des Vereins hineinwagt. An diesem Dienstag präsentierte der Herzschmerz-Verein seinen Retter. Hoch lebe Alexej Miller, Chef des halbstaatlichen russischen Energieriesen Gasprom (Siehe auch: Millionen-Deal perfekt: Eine Flamme züngelt auf Schalker Brust).

          Winand von Petersdorff-Campen
          (wvp.), Wirtschaft

          Miller ist ein folgsamer Gefährte von Staatspräsident Wladimir Putin, sein Konzern ist der verlängerte Arm Moskaus. Nach Gelsenkirchens Stadtteil Schalke bringt Gospodin Miller mindestens 100 Millionen Euro mit. Dafür darf er die Trikotbrüste der Profikicker mit dem Schriftzug Gasprom belegen und ein gewichtiges Wort mitreden.

          Dax-Werte im Visier

          Russische Unternehmen drängen mit Macht nach Deutschland, und es geht ihnen dabei längst nicht nur um Fußball. Sie kaufen Modemarken, Kosmetikfirmen, Biotechnik-Unternehmen, Touristikbetriebe und Immobiliengesellschaften. Sie greifen nach Stahlwerken und Autozulieferern. Selbst Dax-Werte sind im Visier: „Ich weiß von Investoren, die Pakete an großen deutschen Aktiengesellschaften erwerben wollen. Aber diese Deals sind offenbar noch nicht abgeschlossen“, sagt Rustam Aksenenko.

          Er selbst ist schon 2003 bei der einst hochfliegenden Modemarke Escada eingestiegen und hält inzwischen ein Viertel der Aktien der Gruppe. „Jedes große Unternehmen der russischen Schwerindustrie hegt Auslandspläne. Alle wollen sich global aufstellen“, bestätigt Franz Josef Marx, der in Moskau für die Boston Consulting Group Industriekunden berät.

          Hunger ist noch längst nicht gestillt

          Gasprom ist mit der BASF an der Wingas-Gruppe beteiligt, die Stadtwerke und große Industriebetriebe in Deutschland und einigen anderen europäischen Ländern mit Gas beliefert. Den Petersburgern gehört überdies ein Paket am Leipziger Gasgroßhändler VNG, der wiederum an rund 30 Stadtwerken in Deutschland beteiligt ist.

          Doch der Hunger der Russen ist damit noch längst nicht gestillt. Alexej Miller forderte im April unverblümt den Zugang zum Endkunden und drohte mit der Senkung von Gaslieferungen, sollten sich die EU-Länder seinen Expansionsplänen widersetzen. Millers Zorn erregte, daß sich in Großbritannien Widerstände gegen die geplante Übernahme des Energieunternehmens Centrica gerührt hatten. Seit einigen Monaten kursieren nun Marktgerüchte, daß Gasprom sich nichts sehnlicher wünscht, als sich an den beiden größten deutschen Energieversorgen RWE und Eon zu beteiligen. Noch blockiert die Politik das Ansinnen.

          Oligarchen wollen Kunden kennenlernen

          Aus dem Verteilungskampf um Energiequellen, Rohstoffe und Grundstoffindustrie ist nicht nur eine Klasse märchenhaft reicher Oligarchen hervorgegangen, sondern auch eine Reihe von Unternehmen, die global eine Rolle spielen. Geld für die Expansion ist da, weil mit Rohstoffen und Energie zeitweise traumhafte Preise auf dem Weltmarkt erzielt wurden.

          Ihr Weg nach Westen folgt höchst rationalen Überlegungen. „Die Investoren wollen das Länderrisiko Rußland mildern“, analysiert Berater Marx. Ein weiteres Ziel ist es, die Endkunden besser kennenzulernen und an ihnen zu verdienen. Deshalb hat sich der Ölgigant Lukoil die amerikanische Tankstellenkette von Getty-Oil einverleibt. Zudem kaufen die Russen westliche Firmen, weil sie Know-how brauchen. So macht die Beteiligung der staatlichen Außenhandelsbank Wneschtorgbank am Flugzeug- und Rüstungskonzern EADS Sinn. Die Bank bezahlte für fünf Prozent der Aktien im August 780 Millionen Euro.

          Russische Gelgeber werden mit Ablehnung empfangen

          Und schließlich investieren die reichen Russen, um ihr Vermögen zu diversifizieren. Beliebt sind Immobilien. Die Oligarchen und ihr Gefolge erobern die Côte d'Azur und stoßen bis nach Garmisch-Partenkirchen vor. Der Milliardär Roman Abramowitsch leistet sich nicht nur einen Fußballclub in London, sondern auch das Leitenschlössel in Partenkirchen, das der Sprecher der Stadt als ein größeres Anwesen bezeichnet. Andere russische Investoren verhandeln mit der Stadt über den Bau eines Fünf-Sterne-Hotels für 90 Millionen Euro.

          „Russische Unternehmen sind als Investoren in Bayern herzlich willkommen“, flötet Erwin Huber, der Wirtschaftsminister des Freistaats. Das wird das Herz Putins wärmen, der nächste Woche nach München kommt. Denn gewöhnlich erleben die Geldgeber aus dem Osten Ablehnung. „Russische Investoren stoßen auf großes Mißtrauen in deutschen Unternehmen. Da werden schnell alte Klischees bemüht“, klagt Escada-Aktionär Rustam Aksenenko. „Sie kommen gelegentlich selbst dann nicht zum Zuge, wenn sie ein besseres Angebot abgeben als Konkurrenten“, hat Berater Marx nicht nur einmal erlebt.

          Unternehmer von der Wolga kommen als Retter

          Zum Zuge kommen die Retter von der Wolga, wenn gar nichts mehr hilft. „Escada war in schlechtem Zustand und günstig, als wir 2003 einstiegen“, erläutert der 32 Jahre alte Aksenenko, dessen Beteiligungsgesellschaft in Genf residiert. Das gilt in ähnlicher Weise für den finanziell angeschlagenen Fußballclub Schalke. Auch beim Kosmetikhersteller Dr. Scheller (Kosmetiklinie Manhattan) war der Druck groß, frisches Geld aufzutreiben. Seit Mai dieses Jahres hält der russische Pflegemittelkonzern Kalina des 40 Jahre jungen Chefs Goryaev Timur Rafkatovich mehr als 75 Prozent der Anteile.

          Bestürzt sind die deutschen Manager von übernommenen Firmen, wenn sie mit dem russischen Führungsstil in handfesten Kontakt kommen. Denn der ist, wie ein Insider verrät, nicht nur autoritär, „sondern seit der Zarenzeit absolutistisch“. Doch sie lernen schnell: „Ihnen ist bewußt, daß sie mit einem hierarchischen Managementstil im westlichen Ausland nur bedingt erfolgreich sein werden“, glaubt Berater Marx.

          Investor Aksenenko ergänzt: „Manche russische Firma ist besser geführt als europäische Unternehmen.“ Der Investmentstil seiner Firma unterscheidet sich nicht von dem amerikanischer oder britischer Anleger. Allen geht es um das eine: „In erster Linie wollen wir Rendite sehen.“

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