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FAZ.NET-Frühkritik : Herr Winterkorn ist nicht gekommen

Erfreulich leise: Plasbergs Runde mit Sahra Wagenknecht, Patrick Döring (verdeckt), Uschi Glas, Ivar Niederberger und Susanne Quinting (v.l.n.r) Bild: ARD

Schade, dass der VW-Chef sein Ausnahmegehalt, das Deutschland so beschäftigt, nicht mal selbst erklärt. Doch Frank Plasberg hat für ihn Verteidiger gefunden, nicht nur in der FDP. Eine Talkrunde, die es sich mit dem Oben und Unten nicht zu einfach machte.

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          Der Titel war zum Glück ein bisschen irreführend. „Wenn Arbeit arm macht – wie kann Deutschland wieder gerechter werden“, hatte Frank Plasberg angekündigt, nicht gerade originell. Auf den ersten Blick auch die Besetzung nicht: Vizechefin der Linksfraktion Sahra Wagenknecht scheint bei diesem Thema unvermeidlich, ebenso die obligatorische alleinerziehende Mutter, der designierte FDP-Generalsekretär Patrick Döring und die Kultursicht durch Schauspielerin Uschi Glas, dazu ein Schweizer „Selfmademillionär mit Handicaps“. Das funktioniert dann doch, auf erfreulich leise Art. Denn Ivar Niederberger, der Mann, der es trotz Legasthenie, schwerer Kindheit und Tourette-Syndrom zu einer Textilkette gebracht hat, gibt den Ton vor.

          Das Putzen von Grabsteinen als Geschäftsidee

          Heike Göbel

          Verantwortliche Redakteurin für Wirtschaftspolitik, zuständig für „Die Ordnung der Wirtschaft“.

          „Positiv denken, Tag und Nacht arbeiten, und sich bei der Arbeit vergnügen“, sagt einer, den die Arbeit reich gemacht hat, „obwohl viele intelligenter sind als ich selber“. Und: „Einfach mal anfangen zu tun“, empfiehlt Niederberger, der als Kind mit seiner ersten Geschäftsidee, dem Putzen von Grabsteinen, nicht erfolgreich war, weil die Grabbepflanzung dabei draufging. Wie er es dann trotzdem geschafft hat, wird nicht ganz klar. Entlocken lässt er sich den esoterisch anmutenden Hinweis, man müsse sich ausklinken aus dem Fluss negativer Nachrichten.

          Jammern ist auch Uschi Glas‘ Sache nicht. „Du musst etwas tun“, ist ihre Formel für den Abend. Deswegen hat sie den Verein „Brotzeit“ aufgebaut, der Kindern vor der Schule Frühstück anbietet, die von ihren, wie es heute heißt, „bildungsfernen“ Familien alleingelassen werden. Nicht aus Geldmangel blieben sie unversorgt, sondern aus Desinteresse und Überforderung, sagt Glas. Chancengerechtigkeit sei ein Witz. Ihr Engagement für Brotzeit bringt ihr den Vorwurf von Wagenknecht ein, das sei eigentlich Sache des Staates.

          FDP: Schnäppchen oder Restposten?

          Auch der FDP-Mann Döring hat als Unternehmer Erfahrung. Er hat Deutschlands erste Versicherung für Hunde und Katzen gegründet und muss sich von Plasberg deswegen fragen lassen, ob man die FDP derzeit besser als Schnäppchen oder Restposten verkaufen könne. Döring murmelt etwas von den „saarländischen Besonderheiten“, die zum Absturz bei der Landtagswahl geführt hätten. Das ist es dann aber auch mit dem FDP-Bashing, Döring darf meist ausreden und sich darüber freuen, dass Marktwirtschaften Chancen zum Abstieg aber eben auch zum Aufstieg bieten, was derzeit dazu führt, dass in Deutschland mit mehr als 41 Millionen Beschäftigten so viele Menschen in Arbeit sind wie noch nie. Der Appell an die „Eigenverantwortung“ kommt übrigens in dieser Runde mal nicht von der FDP sondern vom Schweizer Millionär.

          Hat Deutschlands erste Versicherung für Hunde und Katzen gegründet: FDP-Generalsekretär Patrick Döring

          Unter den Beschäftigten seien dann aber Millionen, die nur 6 oder 7 Euro die Stunde kriegen. Man dürfe nicht so tun, als sei Herr Niederberger verallgemeinerbar, warnt Wagenknecht, womit man dann beim eigentlichen Thema ist. Nicht jeder könne ein Unternehmen gründen, das Land brauche auch Krankenschwestern. „Und wie diese Menschen bezahlt werden, ist ein Skandal.“ Dies zu bestätigen, ist Susanne Quinting, die alleinerziehende Mutter, eingeladen, die zehn Jahre im Krankenhaus ungelernt für 850 Euro netto gearbeitet hat und mit Kindergeld und Wohngeld knapp über die Runden gekommen ist. Doch da sie sich inzwischen zur Kauffrau im Gesundheitswesen weitergebildet hat und der 18-jährige Sohn, der auch zu Wort kommt, vor dem Fachabitur steht, entspricht sie nicht dem linken Klischee, das den Niedriglohnsektor als Falle sieht, sondern fast schon der von Döring beschworenen Einstiegshilfe zum Aufstieg. Einen Arbeitsplatz hat sie in ihrem Ausbildungsberuf zwar noch nicht gefunden, doch der Schwung, mit dem sie sich in der Sendung präsentiert („Ich muss eine Aufgabe haben“) dürfte auch Personalchefs beeindrucken.

          Undercover für 5 Euro die Stunde

          Wirklich von „unten“ berichtet dann ein Journalist, der für den NDR „undercover“ für 5 Euro die Stunde bei einem Subunternehmer des Post-Unternehmens DHL Pakete ausgefahren hat. Gegen solch sittenwidrigen Lohn gibt es Gesetze, wie Döring zu Recht bemerkt. Doch dagegen vorzugehen muss man sich leisten können. Der Journalist hat sich vor versteckter Kamera jedenfalls die Kündigung eingefangen, als er vom Arbeitgeber mehr Geld wollte.

          Sein Millionen-Gehalt löst Debatten aus: Martin Winterkorn

          Und Winterkorn? 16,6 Millionen Euro hat er 2011 bekommen, einen Bonus von 74 Prozent. Dafür hat er VW zum größten Gewinn in der Unternehmensgeschichte verholfen, den Mitarbeitern zu einem Bonus von 88 Prozent, den Aktionären zu reichlich Dividende und 11.000 Arbeitsplätze geschaffen. Große Klasse, er habe das Geld verdient, finden Glas und Döring. Nicht gerechtfertigt, urteilt Quinting, die selbst schon mit 1500 Euro zufrieden wäre. 16 Millionen brauche kein Mensch zum Leben, findet Wagenknecht und fordert einen Steuersatz von 75 Prozent. Mindestens. Womit die Fronten dann wieder klar wären.

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