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FAZ.NET-Fernsehkritik : Die Rückkehr der Sabine Christiansen

  • -Aktualisiert am

Sabine Christiansen Bild: ddp

Knapp zwei Jahre liegt ihre letzte Sonntagsrunde in der ARD zurück. Nun ist Sabine Christiansen wieder da. Bei n-tv ist sie auf den Bildschirm zurückgekehrt. Und sie moderiert wie immer: routiniert, aber kaum über die Rolle der Stichwortgeberin hinauskommend.

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          Sabine Christiansen ist wieder da. Sie hat zwar stets betont, dass sie weiß Gott nicht Däumchen gedreht habe in den knapp zwei Jahren seit ihrer letzten Sonntagsrunde in der ARD. Doch aus dem deutschen Fernsehen war die Polit-Talkerin so gut wie verschwunden. Hin und wieder gab es im Ersten zwar ein Sonderformat mit ihr; außerdem moderierte sie die weltweite Sendung „Global Players“ des amerikanische Senders CNBC und arbeitete für ihre Produktionsfirma TV 21. Doch all das war mit der medialen Präsenz, die Christiansen von 1998 bis 2007 mit 447 Folgen ihrer Sonntagstalkshow erreicht hatte, nicht im Entferntesten zu vergleichen.

          Nun ist die ehemalige Stewardess, die ihr journalistisches Handwerk beim Norddeutschen Rundfunk erlernt hat, auf den Bildschirm zurückgekehrt - auf den des Nachrichtensenders n-tv. „Agenda 09 - Werte und Märkte“ heißt ihre neue einstündige Sendung, die n-tv eine „Wirtschaftsdebatte“ nennt und die in loser Folge in verschiedenen deutschen Städten aufgezeichnet werden soll. Sechs Ausgaben sind geplant, und am Montagabend, um viertel nach elf, war Premiere. Die Premierengäste in Frankfurt waren der ehemalige Berliner Finanzsenator und künftige Bundesbank-Vorstand Thilo Sarrazin (SPD), der Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie, Hans-Peter Keitel, Airberlin-Chef Joachim Hunold, Martin Richenhagen, Vorstandsvorsitzender des internationalen Landmaschinenbauers AGCO, und der CDU-Bundestagsabgeordnete Friedrich Merz.

          Gewerkschafter und Schalentiere

          Letzterer ist ein alter Bekannter der 51 Jahre alten Moderatorin, schaffte er es doch unter die zehn Gäste, die am häufigsten zu „Sabine Christiansen“ eingeladen waren. Außerdem war er es, der 2003 in einem schwachen Moment sagte, die sonntägliche Runde aus Berlin bestimme die politische Agenda mittlerweile mehr als der Deutsche Bundestag. Sein Steuer-Bierdeckel gehört ebenso zu den Christiansen-Klassikern wie die 18-Prozent-Schuhe von Dauergast Guido Westerwelle und der Moment, als der damalige CSU-Chef Edmund Stoiber die Moderatorin mit „Frau Merkel“ ansprach.

          Sabine Christiansen mit ihren Gästen (v.l.n.r.): Martin Richenhagen, Friedrich Merz, Hans-Peter Keitel, Thilo Sarrazin und Joachim Hunold

          Am Montag nun weckte schon die Gästeliste den Verdacht, dass man sich ziemlich einig sein würde in dieser Runde aus Wirtschaftsvertretern, Unternehmern und wirtschaftsaffinen Politikern. Man wollte wohl lieber über Gewerkschafter sprechen statt mit ihnen. Zwischendurch sorgte die Anmerkung Christiansens für Heiterkeit, Herr Hunold habe einst gesagt, zwei Dinge könne er im Leben nicht leiden - Gewerkschafter und Schalentiere. Von beidem gab es in der Auftaktsendung keine Spur. Eine andere Gruppe fehlte ebenfalls, zumindest auf dem Podium. Unter den Diskutanten war kein Bankmanager, dabei stehen gerade die Finanzinstitute im Mittelpunkt der am Krisenherd entfachten Wertedebatte in Politik und Gesellschaft. Und um Werte sollte es ja gehen im neuen Fernsehzuhause von Christiansen. Präsent war die Finanzwirtschaft nur in Form der Schweizer Bank UBS. Die hatte die Medienpartnerschaft für die Sendung übernommen.

          Mit einer gewissen Portion Langeweile

          Thema des Abends waren die Krise und das fragliche Überleben der freien Marktwirtschaft. Das passte irgendwie. Denn in den zehn Jahren, in denen allsonntagabendlich im Christiansenschen Ersatzparlament gezankt und durcheinander geredet wurde, ging es sehr häufig um die unmittelbar bevorstehende Apokalypse. Wahlweise standen der Standort Deutschland, Europa, die SPD oder die Bildung vor dem Abgrund. Dann kamen unerwartet die Aufschwungjahre 2006 und 2007 dazwischen; doch jetzt ist endlich wieder Krise - und was für eine.

          Doch das große Thema, ob die Marktwirtschaft, wie wir sie kennen, die Krise überstehen oder an der neuen Staatsbegeisterung dauerhaft Schaden nehmen wird, kam zu kurz. Stattdessen wurden die aktuellen wie die ewig-klassischen wirtschaftspolitischen Einzelthemen durchgesprochen und abgehakt: die Chance auf eine echte Steuerreform (vielleicht nach der Krise), die Aufgaben der Bundesbank (bessere Finanzmarktaufsicht), das Steuerprogramm der SPD (dürftig bis populistisch), ein mögliches drittes Konjunkturpaket (erst mal die anderen wirken lassen) oder die Aussichten für den Arbeitsmarkt (möglichst viele Mitarbeiter halten).

          Totale Überraschungsfreiheit

          Wie erwartet herrschte weitgehend Einigkeit. Das hat den Vorteil, dass keine mehrminütigen Turbulenzen entstehen, in denen alle die Übersicht verlieren und keiner mehr sein eigenes Wort versteht. Der Nachteil: eine gewisse Portion Langeweile und totale Überraschungsfreiheit. Ein einziges Mal entstand ein leichtes Raunen im Saal - als der Manager Richenhagen frei heraus sagte: „Wir brauchen Opel nicht.“ Das alles ließe sich durchaus rechtfertigen, wenn dafür ein besonders konstruktives Gespräch entstünde, wenn neue Ideen diskutiert und die spannenden Themen in einer fürs Fernsehen gewagten Tiefe besprochen würden. Doch dazu kam es in den 60 Minuten nicht, dafür wurde zu vieles angeschnitten, was dann nur oberflächlich abgehakt werden konnte.

          Merz war eloquent und wortgewandt wie immer, die anderen Diskutanten erschienen kompetent und überlegt, allerdings auch ein wenig blass, selbst der nie ein Blatt vor den Mund nehmende Sarrazin. Hartes Nachhaken seitens der Moderatorin erübrigte sich angesichts des Themenhoppings. Und auch sonst wirkte Christiansen wie immer: routiniert, aber kaum über die Rolle der Stichwortgeberin hinauskommend. Und das Wertethema, immerhin titelgebend für die Sendung, beherrschte letztlich nur die letzten fünf Minuten, in denen es jedoch bei Allgemeinplätzen wie „Wir brauchen Werte in der Gesellschaft“ blieb.

          Vielleicht wäre die letzte Frage der Sendung - „Wie viel Staat werden wir in der Wirtschaft erleben und wird es dadurch gerechter?“ - besser die erste gewesen.

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