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Führung in der Union : Wen die Wirtschaft will

Werden als potentielle Kanzlerkandidaten gehandelt: Markus Söder (CSU, r.) und Armin Laschet (CDU) Bild: dpa

Friedrich Merz hat in der Wirtschaft viele Anhänger. Der Favorit für den CDU-Vorsitz ist er aber nicht. Andere sind beliebter und bringen sich für eine mögliche Kanzlerkandidatur in Position.

          3 Min.

          Erst das Thüringen-Debakel, jetzt der Rückzug Annegret Kramp-Karrenbauers vom Parteivorsitz der CDU: Die neuesten politischen Wendungen halten auch die Wirtschaft in Atem. Vor allem, weil nun wieder die Frage im Raum steht, wer der nächste Kanzlerkandidat von CDU/CSU werden soll und für welche Art von Wirtschaftspolitik er stehen würde. Friedrich Merz, der nach seiner Arbeit für den Vermögensverwalter Blackrock wieder zurück in die Politik will? Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet? Bundesgesundheitsminister Jens Spahn? Oder jemand ganz anderes?

          Julia Löhr

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Susanne Preuß

          Wirtschaftskorrespondentin in Stuttgart.

          Einer, der sich in dieser Frage klar positioniert, ist Stefan Wolf, Präsident des Arbeitgeberverbands Südwestmetall und Vorstandsvorsitzender des Autozulieferers Elring-Klinger. „Laschet finde ich gar nicht gut“, sagte Wolf, der Mitglied der CDU ist, am Montag der F.A.Z. „Für Aufbruch und Veränderung würde Jens Spahn stehen. Er ist einer der aktivsten Minister, hat als Gesundheitsminister viel durchgeboxt. Das hat er gut gemacht. Ja, er wäre ein guter Kandidat. Dem traue ich das zu.“

          Die führenden Wirtschaftsverbände in Berlin wollten sich am Montag nicht an den Personalspekulationen beteiligen. Was aber dort hinter vorgehaltener Hand erzählt wird, ist umso interessanter. Denn dabei kristalliert sich heraus: Friedrich Merz hat zwar in der Wirtschaft durchaus viele Fans. Er kann gut reden, ein Publikum für sich gewinnen, sei es auf Parteiveranstaltungen oder in Talkshows. Auch seine Kritik am Kurs der Kanzlerin in der Flüchtlingspolitik spricht aus der Sicht der Wirtschaft für ihn. „Der macht die AfD platt“, heißt es. Zugleich aber gibt es Befürchtungen, dass die Partei mit Merz an der Spitze viele Stimmen in der Mitte verlieren würde und die CDU damit am Ende nichts gewonnen hätte, im Gegenteil: vielleicht sogar nur noch der Juniorpartner in einer grün-schwarzen Regierung wäre. „Die Gefahr ist, dass bei einem Kandidaten Merz die Wähler der liberalen Mitte weiter in Richtung Grüne wechseln“, sagt auch der Meinungsforscher Manfred Güllner von Forsa.

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          So sehr die Wirtschaft auf Steuersenkungen, niedrigere Sozialabgaben und flexiblere Arbeitszeiten drängt, so sehr treibt die Verbände auch die Sorge um, dass die Spaltung der Gesellschaft durch einen wirtschaftsnahen CDU-Vorsitzenden wie Merz noch zunehmen könnte. „Ein Kanzler muss mehr als nur Wirtschaft können“, sagt ein ranghoher Vertreter aus einem der Spitzenverbände. Dort hofft man, dass die Union mit dem bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder (CSU) als Spitzenkandidat in den nächsten Wahlkampf zieht. Er stehe für einen konservativen Kurs und zugleich für eine grüne Politik, wie sie jüngere Wähler sehen wollen. Dass Söder, falls er tatsächlich Bundeskanzler werden sollte, auch mal Kompromisse schließen würde, die der Wirtschaft nicht gefallen, nähme man in Kauf. „Um das Land zu befrieden“, wie es bei dem Verband heißt. Zu den Söder-Befürwortern zählt auch Klaus Fischer, Chef des gleichnamigen Dübel-Unternehmens. „Meiner Meinung nach ist er jemand, der die Kraft hätte, Deutschland wieder voranzubringen“, sagte Fischer kürzlich dem „Focus“. „Herr Merz ist ein außergewöhnlich kluger Mann. Aber ich glaube nicht, dass er es schafft. Er war zu lange weg von der Politik.“

          Kompromissfähig als Kernkompetenz

          Auch der Name Jens Spahn fällt immer wieder. Gezielt hat Spahn in den vergangenen Monaten den Kontakt zu den Wirtschaftsverbänden gesucht, um sich über sein Amt als Gesundheitsminister hinaus ein Bild von anderen wirtschaftspolitischen Themen zu machen. Spätestens seit die Kanzlerin ihn wegen seiner vielen Gesetzesinitiativen öffentlich lobte („Der schafft ’ne Menge weg“), steht er im Ruf, ein Macher zu sein. Jürgen Heraeus, Chef des hessischen Familienunternehmens, zeigte kürzlich öffentlich Sympathien für Spahn. „Einen guten Job“ mache der, gewinne zusehends an Profil, lobte er im „Handelsblatt“.

          Dass Politiker wie Spahn als Sozial- und nicht als Wirtschaftspolitiker aufgefallen sind, wird ihnen nicht als Makel ausgelegt. Gesucht wird vor allem jemand, „der nicht nur die Klappe aufreißt, sondern Kompromisse erarbeiten kann“, heißt es in Berlin. In der Wirtschaft bedauern viele, dass Andrea Nahles nicht mehr SPD-Vorsitzende ist und dass Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) ihre Zukunft in der Berliner Landespolitik sieht. Gerne wird auch darauf verwiesen, dass die wichtigste und am meisten von der Wirtschaft gelobte Reform der vergangenen Jahre, die Agenda 2010, von einem SPD-Bundeskanzler ausging: Gerhard Schröder. Armin Laschet dagegen, der laut Forsa aussichtsreichste Kandidat, wird in der Wirtschaft erst ganz am Schluss der Gedankenspiele genannt. Zwar mache er in Nordrhein-Westfalen vieles richtig, etwa beim Thema Bürokratieabbau. Aber ein Wahlergebnis von mehr als 25 Prozent trauen ihm die wenigsten zu.

          Der Wirtschaftsrat der CDU, dessen Vizepräsident Friedrich Merz ist, hielt sich am Montag bedeckt. Generalsekretär Wolfgang Steiger beließ es bei einem eher allgemein gehaltenen Statement: „Jetzt sollte ein breites inhaltliches Angebot entwickelt werden. Von erheblicher strategischer Bedeutung ist dabei ein starkes Team, mit dem die CDU ihre Mitglieder wieder begeistern und motivieren kann.“ Doch so sehr der Verband den Teamgedanken auch hochhält: Zumindest dort dürfte Friedrich Merz der unangefochtene Favorit sein.

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