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Kommentar : Der Widerspruch der SPD

„Stoppt Befristungen“: Gebäudereiniger demonstrieren für Lebenszeit-Verträge Bild: dpa

Die SPD will Teilzeit und Familienzeiten durchsetzen. Aber auch befristete Arbeitsverträge bekämpfen. Beides gleichzeitig wird nicht gehen.

          Die SPD hat etwas gegen befristete Arbeitsverträge. Schon im Wahlkampf war das eines ihrer Lieblingsthemen, so sehr, dass Parteivorsitzender Martin Schulz im Interview die Zahl der befristeten Verträge weit überschätzte.

          Die SPD hat auch etwas gegen unflexible Arbeitsverträge. Eltern sollen häufiger Teilzeit arbeiten und dafür staatlich bezuschusst werden. Wer die Arbeitszeit reduziert, soll einen Anspruch darauf haben, wieder Vollzeit arbeiten zu können.

          All das hat die SPD auf ihrem Parteitag hochoffiziell beschlossen: Als Ziele für die Gespräche über eine Regierungsbildung, die in den nächsten Wochen anstehen. Bloß blöd, dass die beiden Ziele nicht so richtig zueinander passen.

          Teilzeit, Elternzeit, Sabbaticals: Da braucht es Vertreter

          Das zeigt ein Blick in die betriebliche Praxis. Die sieht bekanntlich in vielen Unternehmen schon längst nicht mehr so aus, dass der Mitarbeiter jung ins Unternehmen kommt und dann bis zur Rente Vollzeit arbeitet. Einer nimmt Elternzeit, der andere ein Sabbatical, seit jeher gibt es längere Krankheiten – und jedes Mal muss ein Mitarbeiter vertreten werden. Kein Wunder, dass viele neue Stellen erst einmal als Zeitvertrag ausgeschrieben werden.

          Natürlich kündigen auch Menschen oder gehen in Rente. Dann sind unbefristete Stellen frei – und die werden oft an die Leute vergeben, die vorher schon befristet im Unternehmen waren. Kein Wunder, dass viele unbefristete Stellen erst gar nicht von außen besetzt werden. Kein Wunder, dass Neueinstellungen seltener unbefristet passieren – und zwar bei den gutwilligsten Arbeitgebern.

          So sehen auch die Statistiken aus: Zwar sinkt der Anteil befristeter Stellen an der Arbeitswelt seit Jahren, doch Berufseinsteiger haben es immer noch am schwersten, eine unbefristete Beschäftigung zu finden.

          Arbeit kann flexibel sein – oder unbefristet

          Die SPD wird sich wohl entscheiden müssen: Entweder kann sie die Arbeitsverträge flexibler machen – oder unbefristeter. Beides gleichzeitig wird nicht gehen.

          Halt, ruft da mancher Gewerkschafter. Dann muss das Unternehmen eben mehr Leute unbefristet einstellen, um genügend Personal zur Elternzeit-Vertretung zu haben. Das aber funktioniert nur in einer Arbeitswelt, in der Hunderte Menschen auswechselbar die gleiche Arbeit machen, in der Spezialisierung und persönliche Stärken nachrangig sind – also in der industriellen Arbeitswelt von gestern. Diese Denke steckt also in den Regierungs-Leitlinien der SPD.

          Vielleicht hat die Partei das sogar selbst bemerkt. In den Kampf gegen befristete Arbeitsverträge schleicht sich ja immer wieder ein unauffälliges, aber wichtiges Wort: Es ist nur die „sachgrundlose“ Befristung, die verboten werden soll. Wenn das Gesetz wird, werden sehr schnell sehr viele befristete Arbeitsverträge einen Sachgrund haben. Wenn die Familienarbeitszeit und das Rückkehrrecht in Vollzeit kommt, werden es noch mehr werden.

          So gesehen weiß auch die SPD, dass befristete Arbeitsverträge durchaus ihren Sinn haben. Das wiederum ist auch ein Widerspruch: zu ihrer Rhetorik.

          Patrick Bernau

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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