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Familienpolitik : Wieder die Großmutter

Großeltern sollen zur Betreuung ihrer Enkel einen Anspruch auf Teil- oder Auszeit am Arbeitsplatz bekommen. Aus Sicht vieler älterer Beschäftigter klingt das verlockend. Doch die Idee hat ihre Tücken.

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          Wenn es dem Esel zu wohl ist, geht er aufs Eis tanzen. Das wird mancher denken, der hört, dass Familienministerin Kristina Schröder Großmüttern und Großvätern einen Anspruch auf „Enkelzeit“ gewähren will. Die Lage am Arbeitsmarkt ist gut, die Sozialkassen sind randvoll: Da kann eine CDU-Ministerin, die immer noch darum kämpft, den Schatten ihrer Vorgängerin loszuwerden, schon mal Visionen äußern. Großeltern sollen sich um ihre Enkel kümmern und so ihre Kinder zu entlasten, die gerade erst beruflich Fuß fassen.

          Hinter der Idee steht auch der Wunsch, mit der Erweiterung des potentiellen Betreuungspersonals die Arbeitsmarktchancen junger Frauen zu verbessern. Früher konnten Arbeitgeber vermeiden, dass ihnen diese aus familiären Gründen verloren gingen, indem sie erst gar keine Frauen einstellten. Das ändert sich gerade: Die zunehmende Selbstverständlichkeit, mit der junge Väter Elternzeit nehmen, lässt Arbeitgeber erkennen, dass nicht nur Mütter Kinder haben. Schröder steuert nun auf die nächste Stufe zu: Die Arbeitgeber müssen einkalkulieren, dass nicht nur Dreißigjährige, sondern auch Fünfundfünfzigjährige längere Zeit ausfallen, weil sie Kinder erziehen. Nach Schröders Gesetzentwurf sollen Eltern und Großeltern sogar gleichzeitig freinehmen können. Aus Sicht vieler älterer Beschäftigter klingt das verlockend: nach erschöpfender Berufstätigkeit ein Sabbatical aus Anlass der Geburt des Enkels.

          Aber auf wessen Kosten wird diese Flexibilisierung des Arbeitsmarkts verordnet? Die Ministerin will freigestellten Großeltern zwar kein Elterngeld zahlen. Aber für den Arbeitgeber gibt es sie nicht zum Nulltarif. Er muss für die bewährte Fachkraft übergangsweise Ersatz einarbeiten und bezahlen. Großelternzeit ist für ihn noch weniger planbar als Elternzeit. In einer blühenden Wirtschaft scheint das alles möglich. Doch viele Unternehmen, die gerade die Wirtschaftskrise hinter sich haben, sehen die nächste Konjunktureintrübung am Horizont. Gerade kleine und mittlere Betriebe können keine Zusatzlasten tragen. Und noch eine Gruppe wird Schröders Zeche zahlen: Vermutlich werden in erster Linie Großmütter ihre Arbeit für ein Enkelkind unterbrechen: Sie, die überwiegend schon für eigene Kinder ihre Berufstätigkeit eingeschränkt haben und um deren Altersarmut sich viele sorgen, verdienen in der Zeit kein Geld und zahlen nicht in die Rentenkasse ein. Da kann man nur hoffen, dass ihre Kinder es ihnen danken.

          Kerstin Schwenn
          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

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