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Familienpolitik : „Mütter pausieren bei uns zu lange“

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Kämpft für die erwerbstätigen Frauen: Renate Schmidt Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Die Bundesfamilienministerin Renate Schmidt spricht im F.A.Z.-Interview über eine bessere Kinderbetreuung und den erforderlichen Mentalitätswandel in den Chefetagen. Ziel seien kürzere Elternzeiten.

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          Die Bundesfamilienministerin Renate Schmidt spricht im F.A.Z.-Interview über eine bessere Kinderbetreuung und den erforderlichen Mentalitätswandel in den Chefetagen. Ziel seien kürzere Elternzeiten.

          Frau Minister, wollen die Deutschen überhaupt noch Kinder?

          Sie wollen wie in allen Industrienationen heute weniger Kinder als noch in meiner Jugendzeit: Aber sie wollen mehr Kinder, als sie tatsächlich bekommen. Das ist der ausschlaggebende Punkt. Es geht mir nicht darum, Menschen einen Kinderwunsch einzureden, den sie nicht haben. Wir müssen handeln, auch weil Kinderwünsche deutlich höher liegen als die Zahl der Geburten.

          Woran liegt das?

          Das Alter, in dem Frauen ihr erstes Kind bekommen, ist deutlich gestiegen. Das ist auch in anderen Ländern der Fall. Dort ist aber der Zeitraum länger, in dem Frauen Kinder bekommen. In anderen Ländern ist es viel leichter, sich für Kinder zu entscheiden, ohne sich aus dem Berufsleben verabschieden zu müssen.

          Warum?

          Eine Frau in Deutschland will mit 38 Jahren ihren Beruf nicht mehr länger unterbrechen, denn sie kann in vielen Fällen nie wieder eine qualifizierte Tätigkeit aufnehmen, weil es an Kinderbetreuung fehlt. In Frankreich ist es dagegen möglich, nach der Geburt nur für eine kurze Zeit mit der Arbeit auszusetzen. Auch in Skandinavien wissen die Eltern, daß ihr Kind nach einem Jahr Pause gut betreut wird - immer vorausgesetzt, die Eltern wollen dies.

          Im Ausland gibt es auch viele private Betreuungsangebote. Woran liegt es, daß diese in Deutschland wenig vorhanden sind, obwohl die Nachfrage doch bestehen müßte?

          Wir haben drei Jahrzehnte lang eine absolut überflüssige Diskussion über die angeblich verantwortungslosen erwerbstätigen Rabenmütter geführt. Kinderbetreuung außerhalb der Familie in den ersten Lebensjahren war ideologisch verpönt. Diese Auffassung hat sich in der Politik erst in den letzten zwei, drei Jahren geändert. In der Gesellschaft sind derartige Vorurteile aber zum Teil vorhanden, obwohl sie von der Entwicklungspsychologie widerlegt sind.

          In Baden-Württemberg gibt es relativ wenige Kinderbetreuungsplätze, die Geburtenrate aber ist relativ hoch, in Ostdeutschland ist es genau andersherum. An der außerfamiliären Betreuung allein kann es doch nicht liegen.

          Wer glaubt, er muß nur eine Münze in den Automaten werfen, auf der steht: „bessere Kinderbetreuung“ und unten kommt eine höhere Geburtenrate raus, der irrt. Natürlich wollen Eltern ihr Kind nicht nach der Geburt in eine Krippe abgeben, um es dann mit 18 Jahren mit vorher vereinbarten Qualitätsmerkmalen von der Ganztagsschule abzuholen. Sie wollen Zeit mit ihren Kindern verbringen. Dafür müssen wir familienfreundliche Arbeitsbedingungen haben. Für die ist die Politik allerdings nur sehr eingeschränkt zuständig. Hier ist die Wirtschaft gefragt.

          Viele Firmen scheuen die Kosten und den zusätzlichen Aufwand. Wie wollen sie die überzeugen?

          Es gibt Untersuchungen etwa der Prognos AG, nach denen Investitionen in Familienfreundlichkeit in mittelständischen Unternehmen eine Rendite von 25 Prozent aufweisen.

          Was raten Sie einem Mittelständler konkret?

          Das ist von Betrieb zu Betrieb unterschiedlich. Es kann die Finanzierung von ein paar Ganztagsplätzen in einer öffentlichen Einrichtung sein oder eine Notfallbetreuung, wenn die Tagesmutter ausfällt. Es können flexible Arbeitszeiten sein, Telearbeitsplätze oder Kontaktmöglichkeiten während der Elternzeit. Familienfreundlichkeit bemißt sich nicht an einzelnen Maßnahmen, sondern daran, ob die Unternehmensspitze sieht, daß Menschen berufliche Verpflichtungen haben, aber auch familiäre.

          Die Unternehmen sehen die Verantwortung für die Familienpolitik bei der Regierung, die Regierung verweist auf die Unternehmen. Kommen wir so voran?

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