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Familienpolitik : „Mütter pausieren bei uns zu lange“

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Genau deshalb habe ich mit den Spitzenvertretern der Wirtschaft und der Gewerkschaften die erfolgreiche Allianz für die Familie ins Leben gerufen. Dazu gehören zum Beispiel mittlerweile an 126 Standorten lokale Bündnisse.

Reichen Appelle?

Das, was für den Gesetzgeber möglich ist, haben wir getan. Ich werde garantiert kein Gesetz erfinden, nach dem in einem Betrieb von einer bestimmten Größe an ein Betriebskindergarten vorzuhalten ist oder Betriebe eine bestimmte Zahl von Telearbeitsplätzen anbieten müssen. Das wäre nicht sinnvoll. Mein Ziel ist, mit harten ökonomischen Argumenten Mentalitäten zu verändern. Das ist ein bißchen schwieriger, als Gesetze zu schreiben, aber auf Dauer effektiver.

Mit Gesetzen wie dem Anspruch auf Teilzeitarbeit oder drei Jahren Elternzeit fördert die Regierung aber, daß sich Frauen lange aus dem Erwerbsleben zurückziehen. Ist das nicht kontraproduktiv?

Nein, der Anspruch auf Teilzeitarbeit hat sich bewährt und steht nicht zur Disposition. Es ist aber richtig, daß Mütter bei uns zu lange pausieren. Das ist die logische Konsequenz des zu geringen Betreuungsangebots für Kinder unter drei Jahren. Deshalb habe ich das Tagesbetreuungsausbaugesetz auf den Weg gebracht. Wenn wir hier europäische Standards bei der Kinderbetreuung erreicht haben, werden wir kürzere Unterbrechungszeiten haben.

Sie plädieren für eine Verkürzung der Elternzeit?

Ich werde den Anspruch auf Elternzeit nicht einschränken. Ich prüfe aber ein Elterngeld als lohnbezogene Absicherung nach skandinavischem Vorbild, die ein Jahr lang gezahlt wird.

Sie wollen mehr Frauen dazu bringen, Kinder zu bekommen und erwerbstätig zu sein ...

Nein, ich möchte, daß die Frauen das tun, was sie selber wollen. Wir wissen, daß 70 Prozent der Mütter, die zu Hause sind, lieber erwerbstätig wären, daß viele, die Teilzeit arbeiten, lieber Vollzeit arbeiten würden.

Und diese Wünsche wollen Sie erfüllen, wenn gleichzeitig fünf Millionen Menschen arbeitslos sind?

Frauen sind heute bestens ausgebildet. Wir haben trotz Arbeitslosigkeit Branchen, in denen gut ausgebildete Fachkräfte gesucht werden. Außerdem schaffen erwerbstätige Frauen auch wieder Arbeit. Wer erwerbstätig ist, bringt seine Kleidung eher in die Reinigung, braucht Hilfen für den Haushalt, kauft andere Lebensmittel ein, geht häufiger ins Restaurant und benötigt Kinderbetreuung. Wenn wir darauf verzichten, daß Frauen ins Erwerbsleben zurückkehren, vergeben wir uns Wachstumschancen.

Welchen Rat geben Sie jungen Frauen?

Jede muß ihren Weg finden. Ich habe ungeheures Glück gehabt, weil ich meine Kinder so früh bekommen habe. In der Zeit, in der ich anfing Karriere zu machen, waren sie schon in der Schule. Und vorher gab es einen Betriebskindergarten. Ich rate jungen Frauen, auch die Partner in die Pflicht zu nehmen und selbstbewußt die eigenen Qualitäten zu vertreten. Ich habe im fünften Schwangerschaftsmonat noch zwei Stellenangebote bekommen. Wenn sich heute eine Schwangere bewirbt, hat sie kaum keine Chance.

Daran trägt der Gesetzgeber mit all den Schutzvorschriften eine Mitschuld.

Das hat weniger mit unseren Gesetzen als mit Mentalitäten zu tun. Es gibt Beispiele von Frauen in den Vereinigten Staaten, die einen Job bekommen haben, nicht obwohl, sondern weil sie fünf Kinder haben. Wenn sich in Deutschland eine Frau mit nur zwei Kindern vorstellt, wird sie zuerst gefragt, wie sie die Kinder betreuen läßt und was passiert, wenn die Kinder krank sind. Den Job bekommt sie dann im Zweifel nicht. Dabei hat sie es geschafft, mehrere Kinder zu erziehen, und in der Familie hat sie sich Kompetenzen erworben, die auch im Berufsleben sehr hilfreich sind.

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