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Fall Gerster : Die Berater-Elite hat ihren Zauber verloren

Bild: F.A.Z.

Der Wirbel um die Beraterverträge bei der Bundesagentur für Arbeit hat die Zunft ins Rampenlicht gerückt. Roland Berger & Co. machen Milliarden. Und setzen manche davon in den Sand. Trotzdem geht es nicht ohne die Berater.

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          Das Tarifsystem Pep ist von jener kühlen Logik, die Absolventen von Business-Schools intellektuell erschauern läßt. Und es ist eine einzige Katastrophe. Pep hat der Deutschen Bahn AG im Fernverkehr einen Umsatzeinbruch von rund zehn Prozent für 2003 eingebrockt und mehr Ansehen verspielt, als mit 20 Jahren Pünktlichkeit aufgebaut werden konnte. Die verantwortlichen Bahnmanager sind gefeuert. Doch die Beratungsgesellschaft dahinter blieb ungeschoren.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Thiemo Heeg

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Am Preissystem haben Mitarbeiter von Roland Berger kräftig mitentwickelt. Die Ratgebertruppe hat gut verdient, falsch gedacht und den Mund gehalten, als sich über der Bahn ein schweres Gewitter zusammenbraute. Man ist diskret.

          Nur ganz große Beraterflops treten zutage. McKinsey etwa war Strategieberater der abgestürzten Fluggesellschaft Swissair und des spektakulär kollabierten Energiekonzerns Enron, zu dessen Aufstieg er die Begleitmusik lieferte: "Enron hat die Reputation als eines der innovativsten Unternehmen der Welt erworben, indem es die traditionellen Industriestrukturen attackierte und atomisierte", trompeteten die "Mackies" noch 2001 im "McKinsey Quarterly" in die Welt hinaus.

          Immer mehr Zweifel an den Beratern

          Spätestens seit Enron keimen Zweifel, ob Berater verdienen, was sie verdienen - was bei Tagessätzen von bis zu 5000 Euro keine unnütze Überlegung ist. Mit klassischer Management- und Unternehmensberatung erzielen die Firmen einen Umsatz von immerhin rund 7,5 Milliarden Euro (12,3 Milliarden Euro inklusive IT-Geschäft).

          Wer die Attacke des niedersächsischen Ministerpräsidenten Christian Wulff gegen Berater Roland Berger in der Talkshow "Sabine Christiansen" gesehen hat, ahnt: Es geht um mehr als den üblichen Zweifel an der Relation von Leistung und Löhnung. Es geht um die Legitimation einer ganzen Branche, von der Kritik bisher abperlte wie Feuchtigkeit von der Teflonpfanne. "Jubelnd vorm Fernseher" hat der Chef eines großen Industrieunternehmens gesessen, als Wulff dem sprachlosen Münchener Chefberater vorhielt, seine Gutachten hätten gelegentlich kaum die Qualität einer parlamentarischen Anfrage der Grünen.

          Problem der Erfolgsmessung

          Kaum etwas ist schwerer zu messen als die Erfolge dieser Dienstleister. Das gilt besonders für die Strategieberatung, auf die sich die großen Namen wie Boston Consulting Group, McKinsey und Roland Berger - zumindest in Deutschland eine Größe - konzentrieren.
          Hinter der Schwierigkeit der Erfolgsmessung konnte sich die Laptopträger-Zunft bisher ebenso verstecken wie hinter dem branchenüblichen Diskretionsgelübde. Und es ist zugleich ihr Problem, weil sie Kritik schwer entkräften kann. Kunden sagen nicht nur Gutes. "44 Prozent der Beratungsgelder fließen in Projekte, die nicht den gewünschten Erfolg bringen", behauptet der Bonner FH-Professor Dietmar Fink aufgrund einer aktuellen Umfrage unter 45 der 100 umsatzstärksten Firmen in Deutschland sowie 53 weiteren Großunternehmen.

          Wie aussagekräftig die Studie ist, ist schwer zu sagen. Nicht auszuschließen ist, daß sich hier jene Frösche als Kritiker aufblasen, deren Sumpf gerade mit Beraters Hilfe trockengelegt wird. Das glaubt zum Beispiel Jürgen Ringbeck, Partner bei Booz Allen Hamilton. Hermann Simon, Gründer und Chef der Bonner Firma Simon, Kucher & Partner, jedoch räumt ein: "Die Beraterschelte ist berechtigt, in Teilen zumindest." Die Qualität variiere extrem.

          Die Frage nach dem Sinn

          Doch es geht nicht nur um Mängelrügen bei Einzelleistungen, die Sinnfrage ist gestellt: Wozu sind Berater gut? "Berater schüren Angst", antwortet Alfred Kieser trocken. "Und dann offerieren sie Lösungen, die Angst zu lindern." Consulting als ökonomisches Perpetuum mobile, lautet die These des Mannheimer Professors zugespitzt. Sie erzeugen Furcht mit modischen Managementtheorien, glaubt der Ökonom: Gemeinkostenwertanalyse, Total Quality Management, Balanced Scorecard, Best Practice oder Reengineering sind Begriffe aus der Consulting-Prosa, die selbst in wackeren Freigeistern unter den Unternehmenslenkern die bange Frage aufkommen lassen: "Brauchen wir das nicht auch?" Berater leben von Techniken, die dem Auftraggeber den Eindruck geben, nun bekomme man die Unsicherheit in den Griff, sagt zumindest Kieser: "In keiner anderen Branche kann ein Anbieter so viel Einfluß auf die Nachfrageseite nehmen."

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