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Fahrverbote in Rom : Anti-Diesel-Politik ohne Nutzen

Smog hängt über den Dächern von Rom Bild: dpa

Während in Deutschland noch gestritten wird, macht die Bürgermeisterin von Rom Nägel mit Köpfen: Sie verhängt Fahrverbote für Diesel. Echte Umweltsünder dürfen dagegen weiter in die Stadt.

          3 Min.

          Mit ihrem Fahrverbot für alle Autos mit Dieselmotoren, auch diejenigen mit neuester Filtertechnik, hat Roms Bürgermeisterin Virginia Raggi die Handwerker in der Stadt aufgebracht und zwei Ankündigungen von Sammelklagen von Verbraucherorganisationen hervorgerufen. Zugleich gibt es Kritik von Forschungsinstitutionen. Doch auf der nationalen Bühne gibt es keinen Politiker, der sich für die Fahrer von neuen Autos mit Dieselmotoren engagiert. Deshalb läuft auch der Protest des Verbandes der Autoimporteure in Italien ins Leere. Die Blockade der Autos mit Dieselmotor nach Euro 6 habe keinerlei positiven Effekt auf die Umwelt, schreiben die Autoimporteure, „denn diese Art von Autos machten in Italien gerade einmal 8 Prozent des Fuhrparks aus und hat Emissionen an Stickoxid und Feinstaub, die nahe bei null sind“. Der Umwelteffekt der Blockade sei nicht spürbar, weil gleichzeitig 19 Jahre alte Autos mit Benzinmotor nach Euro 3 mit weit höheren Emissionen fahren dürften, ebenso alte Zweiräder mit Zweitaktmotor, „ganz zu schweigen von den öffentlichen Verkehrsmitteln mit einem Alter von mehr als 15 Jahren, die wahrlich ökologische Bomben darstellen“.

          Tobias Piller

          Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland mit Sitz in Rom.

          Doch die Bürgermeisterin lässt sich nicht zu Änderungen bewegen und setzt ihre Anti-Diesel-Politik fort, die am Montagabend begonnen hatte. Mit wenigen Stunden Vorwarnung wurde schon für Dienstagmorgen der Stopp für die Diesel verkündet. Sie dürfen zwischen 7.30 und 10.30 sowie von 16.30 bis 20.30 Uhr im großen Teilen des Stadtgebiets nicht mehr fahren. Wer dennoch mit einem Diesel angetroffen wird, muss 168 Euro bezahlen. Im Zentrum der italienischen Hauptstadt ist es nun tagsüber spürbar ruhiger geworden, denn mehr als die Hälfte des Fuhrparks wird von Dieselautos gestellt. Doch die Luftqualität hat sich nicht verbessert, sondern verschlechtert. Neun von 13 Messstationen meldeten am Mittwoch weiterhin eine Feinstaubkonzentration oberhalb des zulässigen Grenzwerts von 50 Milligramm je Kubikmeter.

          Für Bürgermeisterin Raggi ist der Dieselantrieb seit dem Emissionsskandal um Volkswagen bereits in der Vergangenheit – an Tagen mit politischen Turbulenzen – zum Ziel drastischer Ankündigungen geworden: Ab 2024 dürfe kein Dieselauto mehr in Rom fahren, hatte Raggi vor zwei Jahren angekündigt. Für Kopfschütteln sorgt bei den Fachleuten aber der Umstand, dass alte Benzinautos mit dem seit 2001 gültigen Standard Euro 3 weiter durch die Stadt fahren dürfen. Dabei stoßen solche alten Autos mit Benzinmotoren, wenn sie denn die Grenzwerte einhalten, fast fünf Mal so viel giftiges Kohlenmonoxid aus wie ein neuer Diesel und auch doppelt so viel Stickoxid. Für den Feinstaub gab es lange Zeit keine Grenzwerte für Benzinmotoren, bis herausgefunden wurde, dass Benzinmotoren mit modernen Direkteinspritzanlagen ähnlich viel Feinstaub erzeugen wie Dieselmotoren. Die Dieselmotoren haben allerdings seit gut zehn Jahren einen Feinstaubfilter. Der hat in den Autos mit Benzinmotoren erst seit gut zwei Jahren Einzug gehalten.

          Rom ist nicht wählerisch

          Im bisher italienisch geprägten Fiat-Chrysler-Konzern wurde die Einführung der Partikelfilter für Ottomotoren hinausgezögert. Daher ergaben Messungen des ADAC-Ecotest 2017 und 2018 bei Autos aus dem Konzern eine deutliche Überschreitung des Grenzwertes für die Zahl der Partikel im Abgas. Doch in diesem Fall greift eine Ausnahmeregelung, die für bis zu drei Jahre eine Überschreitung des Grenzwertes um das Zehnfache erlaubt.

          Der ADAC urteilt nun, dass nach dem Skandal um die Dieselmotoren die Autohersteller gezeigt hätten, dass mit konsequentem Einsatz moderner Technik der Abgasreinigung die strengen Grenzwerte für die neuesten Motoren deutlich unterschritten werden könnten. Doch wenn es um Grenzwerte und Abgase der eigenen Fahrzeuge geht, ist die Stadtverwaltung von Rom nicht wählerisch. Denn das Durchschnittsalter der 2000 römischen Stadtbusse liegt oberhalb von zwölf Jahren. Sie sind zudem in einem derart schlechten Wartungszustand, dass davon im vergangenen Jahr 23 Stück auf offener Straße abgebrannt sind. Zwar empfiehlt die Stadtverwaltung nun, wegen der Blockade auf öffentliche Verkehrsmittel auszuweichen. Doch in einem Stadtgebiet, das größer ist als das von Berlin, gibt es derzeit nur etwa 55 Kilometer U-Bahnen. In den vergangenen Jahrzehnten sind Trabantenstädte mit Zehntausenden von Einwohnern entstanden, die im besten Fall einmal in der Stunde von einem Bus angesteuert werden.

          Die Römer sind daher vorerst auf Autos angewiesen, trotz Verkehrschaos und Mangel an Parkplätzen. Dass manchmal für einige Tage mit dicker Luft der Verkehr blockiert wurde oder dass über Wochen entweder die Autos mit gerader oder ungerader Nummer am Kennzeichen in die Stadt dürfen, wäre nichts Neues. Bisher konnten sich die Italiener mit Investition in neueste Umwelttechnik solchen Einschränkungen entziehen, doch nun werden auch modernste Diesel unverkäuflich. Der Mercedes- und Renault-Händler Adolfo De Stefani, Vorsitzender des italienischen Händlerverbandes Federauto, sucht nun gegenüber den Kunden Zuflucht in einem Faltblatt mit Erklärungen zum Stand der Umwelttechnik im Diesel. „Der Diesel macht keinen Schmutz“, heißt es da, „das Geschwätz dagegen schon“.

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