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Gesundheitssystem : Mit bestem Dank an die Privatpatienten

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Die Zwei-Klassen-Medizin hat auch Vorteile: Privatversicherungen halten das Gesundheitssystem am Laufen. Bild: C. Beutler/Keystone Schweiz/laif

Ein früherer Termin beim Facharzt? Ein ausführlicheres Arztgespräch? Kein Problem für Privatpatienten. Für sie haben Ärzte mehr Zeit. Gesetzlich Versicherte ärgert das. Doch ohne die Privatversicherungen müssten viele Praxen schließen.

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          Ja, es gibt sie noch. Ärzte, die fast ohne Privatpatienten auskommen und davon sogar leben können. Gerade in Ostdeutschland trifft man sie und auf dem Land, wo die Privatpatienten seltener sind und die Praxen billiger. Interessanterweise gibt es unter diesen Landärzten sogar einige, die hohe Gewinne machen. Es gibt kaum Konkurrenz, die Wartezimmer sind überfüllt. „Die haben teils 2000 Patienten im Quartal“, erzählt der Gesundheitsökonom Jürgen Wasem. „In Berlin haben viele Praxen nur 600 bis 800.“

          Doch 2000 Patienten sind natürlich auch erheblich mehr Arbeit als 600. Man muss Patienten durchschleusen, so schnell es geht. Dazu gibt es jede Menge Hausbesuche mit langen Wegen, es fehlen die Angebote der Städte: Kultur, Café, eine Stelle für den Partner und - sehr wichtig - Kinderbetreuung. So zieht es die Ärzte nicht aufs Land, sondern in die Stadt. Und da: möglichst nah an die Privatpatienten. Denn die versprechen Geld.

          Ursula Gojdie hat eine kleine Hausarztpraxis in Aachen. Sie gibt ganz offen zu: „Ohne Privatpatienten könnte ich nicht überleben.“ Mit dem, was die Kassenpatienten ihr einbringen, kann sie gerade einmal die Kosten ihrer Praxis zahlen. „Verdienen tue ich erst an den Privatpatienten“, sagt sie. Das war schon vor zehn Jahren so und hat sich nicht verbessert.

          Das Honorarplus? Das kommt unten gar nicht an.

          Dass die Ärzte sich soeben mit den gesetzlichen Krankenkassen geeinigt haben, dass sie 800 Millionen Euro mehr fürs nächste Jahr bekommen, spielt da kaum eine Rolle. 800 Millionen, das sind etwas weniger als 2,5 Prozent Steigerung der Einkünfte durch Kassenpatienten. Gefordert hatten die Funktionäre der Ärzte viel mehr: fünf Milliarden oder 15 Prozent zusätzlich. Von dem jetzt erzielten Honorarplus, da ist Gojdie sicher, wird sie nicht viel sehen. „Das kommt doch unten gar nicht an.“

          Die Hoffnung, ihre Praxis später einmal verkaufen zu können, hat sie aufgegeben. „Wir haben oft Studenten hier, die Praktika machen“, sagt sie. Denen gefiele die Arbeit immer sehr gut. „Aber wenn ich sie frage, ob sie sich das später vorstellen können, winken sie ab: zu viel Arbeit für zu wenig Geld.“

          Es sind die Privatpatienten, die dafür sorgen, dass es überhaupt noch so viele Ärzte gibt. Sie stocken die Einkünfte von Hausarzt & Co. ordentlich auf. Das kann man schon aus der Statistik über Praxiseinkommen herauslesen. Rund 28 Prozent der Einnahmen in einer durchschnittlichen Arztpraxis stammen von Privatpatienten. Aber nur elf Prozent der Deutschen sind in einer privaten Krankenkasse versichert.

          „Privatpatienten muss man etwas bieten“

          Noch interessanter ist eine Zahl, die der Gesundheitsökonom Wasem in einer Studie errechnet hat: Privatpatienten bezahlen im Durchschnitt rund 2,3-mal so viel für die gleiche Leistung des Arztes wie Kassenpatienten. Mehr als das Doppelte also für die gleiche Behandlung. Darf das denn sein?

          Zumindest verwundert es nicht, dass die Ärzte die privat Versicherten am Ende häufig besser behandeln. Sie geben ihnen zügiger einen Termin und lassen sie teilweise auch deutlich kürzer im Wartezimmer sitzen. „Privatpatienten muss man etwas bieten“, sagt Gojdie. „Sonst kommen sie nicht.“ Sie selbst kann als Hausärztin keine großen Unterschiede machen, denn die meisten Patienten brauchen bei ihr innerhalb von 24 Stunden einen Termin. Aber sie versteht, dass Fachärzte die Kassenpatienten teils Wochen länger warten lassen.

          Zumal noch etwas hinzukommt: Beim Privatpatienten kann der Arzt fast alles, was er mit ihm macht, abrechnen. Berät er ihn 15 Minuten, bekommt er mehr Geld als für fünf Minuten. Für Kassenpatienten hingegen gibt es oft Pauschalen im Quartal, die erst einmal alles abgelten, egal, ob der Patient nun einmal oder fünfmal kommt. Klar, dass der Anreiz groß ist, beim Privatpatienten möglichst viele Untersuchungen zu machen, beim Kassenpatienten wenige.

          Keine Seite hat Interesse daran die Kosten zu deckeln

          Unangenehm ist die Situation für beide Seiten: Die einen sind unglücklich, weil sie länger auf Termine warten und nicht jede Behandlung bekommen. Die anderen fühlen sich ausgenommen. Und dann sind da noch die Ärzte, die damit unglücklich sind, wenn sie Patienten ungleich behandeln.

          Ungleiche Vergütung: 11% Prozent der Versicherten bringen 28% der Einnahmen.

          Was tut man da? Der Wunschtraum der Ärzte wäre: Alle zahlen nach den gleichen Sätzen wie die Privatpatienten. Doch das ist utopisch. „Das wäre einfach zu teuer“, sagt Wasem. Außerdem würde es Anreize setzen, immer mehr und mehr zu behandeln. Es gäbe keine Budgets, sondern einen festen Preis für jede Behandlung. Das würde dazu führen, dass es noch viel mehr sinnlose Behandlungen gäbe als jetzt schon - denn weder Arzt noch Patient hätten ein Interesse, die Kosten unter Kontrolle zu halten. Die einen verdienen daran, die anderen sind ja versichert.

          Ein Wegfall der Privatversicherungen – ein Wegfall von Wettbewerb

          Die zweite radikale Lösung ist: Alle privat Versicherten müssen in die gesetzliche Kasse wechseln. Das würde, das zeigen Studien, dazu führen, dass die Ärzte sofort vier Milliarden Euro im Jahr weniger hätten, die sie unter sich verteilen könnten. Man müsste also sogleich die Arzthonorare deutlich erhöhen, damit die Praxen nicht reihenweise insolvent gehen. In der Folge müssten natürlich auch die Beitragssätze für alle gesetzlich Versicherten steigen.

          Das ist möglich. Aber ob es eine gute Idee ist? Eines vergessen die gesetzlich Versicherten nämlich gerne: den Effekt des Wettbewerbs, den ihnen die privaten Krankenkassen bescheren. Gutverdiener können heutzutage zur privaten Krankenversicherung abwandern, wenn die gesetzliche ihnen nicht mehr gefällt. Also tut sich die Politik schwer damit, Leistungen für Kassenpatienten zu kürzen. Zu groß ist die Angst, gerade die Gutverdiener zu verlieren. Ist die private Krankenkasse weg, entfällt dieser Anreiz. Dann ist der Weg frei für 100 Prozent Staatsmedizin samt Warteschlangen und Leistungskürzungen. Keine schöne Vorstellung.

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