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Fährgesellschaft : Französischer Staat will Seafrance retten

Zwischen Wut und Hoffnung: Seafrance-Mitarbeiter vor dem Handelsgericht in Paris Bild: AFP

Präsident Nicolas Sarkozy sagt den Beschäftigten der Fährgesellschaft Hilfe zu. Doch Branchenexperten zweifeln an den Überlebenschancen - und die Konkurrenz klagt über ungerechtfertigte Subventionen.

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          Es ist ein Sterben auf Raten, das unaufhaltsam scheint. Doch die französische Regierung will sich dem nun entgegenstemmen: Die staatliche französische Fährgesellschaft Seafrance, deren vier Schiffe auf dem Ärmelkanal mit der Konkurrenz des Eurotunnels sowie mit den Überkapazitäten der Fährbetreiber kämpfen, befindet sich seit dem 16. November in einem Konkursverfahren, weil sie zahlungsunfähig ist.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Nun wollen die Beschäftigten ihr Schicksal durch die Gründung einer Kooperative selbst in die Hand nehmen, und die französische Regierung möchte sie tatkräftig unterstützen.

          Die Frage ist, ob der Staat mehr als ein Gnadengeld vor dem endgültigen Aus vergeben kann

          "Trotz der extrem begrenzten rechtlichen Möglichkeiten lässt der Staat die Beschäftigten von Seafrance nicht fallen", teilte der französische Präsident am Montagabend in Paris nach einem Krisentreffen mit. Dass er persönlich das Dossier an sich gezogen hat, zeigt, welche Bedeutung er der Zukunft von Seafrance mit seinen verbliebenen 880 Mitarbeitern im Wahlkampf vor der Präsidentenwahl im April und Mai zukommen lässt. "Wenn es eine Chance gibt, ein Unternehmen zu retten, dann ist es die Pflicht des Präsidenten, sich einzubringen", sagte Sarkozy am Dienstag am Rande eines Besuches einer Marineschule in der Bretagne.

          Die Frage ist nur, ob der Staat mehr als ein Gnadengeld vor dem endgültigen Aus vergeben kann. Schon 2008 hat Seafrance einen Verlust von 20 Millionen Euro erlitten und den Abbau von 40 Prozent seiner Belegschaft eingeleitet. Die Gewerkschaften traten daraufhin mehrfach in Streik und verschlimmerten die Lage nur noch. Im April 2010 musste Seafrance vor Gericht unter Gläubigerschutz gestellt werden, und Mitte 2010 gab das Unternehmen den Abbau von fast der Hälfte der Belegschaft bekannt. Im Geschäftsjahr 2010 türmte sich der Verlust auf 240 Millionen Euro. Dennoch fand sich ein Interessent für die Übernahme. Der französische Fährbetreiber Louis Dreyfus Armateurs, der sich mit der dänischen Gesellschaft DFDS verbündet hatte, wollte Seafrance übernehmen. Doch die Gewerkschaften, allen voran die sonst eher gemäßigte CFDT, stemmten sich bis zuletzt gegen die Transaktion. Louis Dreyfus und DFDS zogen schließlich ihr Angebot zurück.

          Seafrance-Fähre in Calais

          Rettungsversuche durch die Muttergesellschaft, die staatliche Bahngesellschaft SNCF, schlugen ebenfalls fehl. Im November hat die Europäische Kommission eine Kapitalhilfe durch die SNCF als wettbewerbswidrig abgelehnt. Nun möchte Sarkozy, dass die Bahngesellschaft bis zu 60 000 Euro an jeden Seafrance-Beschäftigten als übertarifliches Abfindungsgeld auszahlt. Nach französischen Presseangaben hätten die Gewerkschaften sogar durchschnittlich 73 000 Euro je Beschäftigten ausgehandelt, was 65 Millionen Euro entspräche. Die Belegschaft soll dieses Geld in ihre neue Gesellschaft investieren, lautet die Hoffnung, doch etliche Beobachter bezweifeln, dass alle Mitarbeiter dazu bereit sind. Die Region Nord -Pas-de-Calais sowie lokale Gebietskörperschaften haben weitere 15 Millionen Euro versprochen. Ein Sprecher des britischen Konkurrenten P&O hat am Dienstag angekündigt, bei der EU-Kommission Beschwerde einzulegen.

          Das Handelsgericht von Paris muss nun über die Tragfähigkeit des vorgeschlagenen Rettungsmodells befinden. Am gestrigen Dienstag verschob es eine Entscheidung auf den 9. Januar, um die neue Lage zu sondieren. Die Regierung hatte ihre Interventionsbereitschaft erst am Vorabend bekanntgegeben. Zuvor hatte sie ein stärkeres Engagement bei Seafrance abgelehnt, denn sie glaubte nicht an die Zukunft einer Kooperative ohne größere Eigenmittel.

          Je näher der Termin des ersten Durchgangs der Präsidentenwahl rückt, der 22. April, desto mehr Bereitschaft zeigt Präsident Sarkozy, sich als Retter von Arbeitsplätzen zu profilieren. Die andere aktuelle Baustelle ist die Krise des schweizerischen Raffinerieunternehmens Petroplus, das drei Standorte in Europa, einen davon in Frankreich, herunter gefahren hat. Am heutigen Mittwoch soll sich der Konzernchef Jean-Paul Vettier mit dem französischen Industrieminister Eric Besson treffen. Die Regierung versucht, französische Banken zur Hilfe für Petroplus zu mobilisieren.

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