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Duale Ausbildung in Frankreich : Lehrlinge sollen keine Schmuddelkinder sein

Möchte die duale Ausbildung in Frankreich noch mehr etablieren - Präsident Emmanuel Macron. Bild: dpa

Präsident Macron will die duale Ausbildung salonfähig machen. Sie soll Jugendliche aus der Misere holen und den Fachkräftemangel abbauen. Doch ziehen die Unternehmen mit?

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          Frankreich und manuelle Arbeit – das schienen lange Zeit zwei Pole zu sein, die sich abstoßen. Schon vor mehr als hundert Jahren bemerkte das der Kunstkritiker Lucien Klotz und rief dazu auf, regelmäßig eine landesweite Ausstellung für die besten Handwerksarbeiten zu veranstalten. Bis heute gibt es daher eine Auszeichnung des „besten Arbeiters Frankreichs“ sowie seit 1985 daraus abgeleitet den Preis des „besten Lehrlings Frankreichs“. Jedes Jahr kommen für die Endausscheidung Hunderte Auszubildenden in Paris zusammen – ausgerechnet in der Sorbonne, einem Tempel der universitären Ausbildung. Auch das symbolisiert, dass in Frankreich akademische Weihen und besonders die Elite-Unis in Form der Grandes Écoles weiter als Königsweg gelten. Danach kommt lange nichts. Schon der Schriftsteller Gustave Flaubert hatte die Ingenieurs-Kaderschmiede École Polytechnique als „Traum aller Mütter“ bezeichnet.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Die Regierung von Emmanuel Macron will das ändern. „Wir zählen 400.000 Lehrlinge in Frankreich – das sind nur 7 Prozent der jungen Leute zwischen 16 und 25 Jahren. Im europäischen Durchschnitt ist der Wert mehr als doppelt so hoch“, klagt Arbeitsministerin Muriel Pénicaud. Sie ist gerade dabei, eine umfassende Reform des dualen Ausbildungssystems durchzusetzen. Es soll der Schlüssel gegen die hohe Jugendarbeitslosigkeit von mehr als 20 Prozent und gegen die allgemeine Perspektivlosigkeit vieler Jugendlicher sein. 1,3 Millionen junge Menschen sind in Frankreich weder in der Schule noch in irgendeiner Ausbildung noch auf irgendeinem Arbeitsplatz. Als Nebeneffekt einer besseren Ausbildung hofft die Regierung auf einen Abbau des Fachkräftemangels – trotz der Arbeitslosenquote von 8,9 Prozent –, der die Unternehmen belastet.

          Genossen bisher weitreichende Mitspracherechte

          Ziel der aktuellen Reform ist es, die Lehrausbildung stärker auf die Bedürfnisse der Unternehmen auszurichten. Gleichzeitig erhöht die Regierung die staatlichen Finanzzuschüsse. Der Einfluss der Wirtschaft auf das Ausbildungssystem soll vor allem bei den Berufsschulen namens CFA wachsen. Die dreizehn Regionen Frankreichs (ohne Überseegebiete) gelten dagegen als Verlierer der Reform. Sie genossen bisher weitreichende Mitspracherechte bei der örtlichen Ansiedlung und inhaltlichen Ausrichtung der CFA. Nun müssen sie nach ihrer Ansicht um ihre strukturschwachen Gebiete fürchten, denn wenn dort die Ausbildungseinrichtungen schließen müssen, weil die Nachfrage der Unternehmen nach Arbeitskräften fehle, drohten diese Gegenden ganz zu veröden. Nach dem Willen der Regierung dürfen Berufsschulen künftig ohne administrative Genehmigung überall gegründet werden, wo Bedarf herrscht. Sie sollen umfangreiche Steuermittel nur bei guter Auslastung erhalten. Bei der Verteilung der Finanzmittel sitzen in Zukunft die Branchenverbände der Arbeitgeber anstelle der Regionen am Schalthebel.

          Die Flexibilisierung der Lehrverträge ist ein weiteres Ziel der Reform, sie sollen leichter aufgelöst und von bürokratischen Vorschriften befreit werden. Minderjährige Bäckerlehrlinge dürfen künftig beispielsweise vor 6 Uhr morgens anfangen, und die Auszubildenden sollen bei guter Auftragslage auch mal 40 Stunden pro Woche arbeiten.

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