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Arbeitsmarkt : Fachkräfte finden keine Stelle

Seltene Spezies: Ingenieure sind rar auf dem Arbeitsmarkt, Pflegekräfte auch. Kaufmännische Mitarbeiter gibt es im Überfluss Bild: dpa

Die Wirtschaft beklagt immer lauter den Fachkräftemangel. Stellen seien immer schwerer zu besetzen. Andererseits schreiben gut ausgebildete Fachkräfte Hunderte von Bewerbungen – und das erfolglos. Wer profitiert vom Aufschwung?

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          Bernd Niederdrenk – dieser Name wurde von der Redaktion nicht geändert – liest täglich die Zeitung. Er durchkämmt die Anzeigenteile und die redaktionellen Teile nach potentiellen Arbeitgebern. Niederdrenk ist Fachkraft und sucht eine Stelle – seit Ende des Jahres 2012. Dabei entspricht Niederdrenk genau dem, was alle suchen, nämlich einer gut ausgebildeten Fachkraft. Niederdrenk hat sich schon während seines Studiums weitergebildet – durch Auslandssemester in Frankreich und Großbritannien, durch Sommerkurse in den Vereinigten Staaten und Spanien sowie durch Industriepraktika in Deutschland und Spanien. Er begann seine Karriere als Marketing-Assistent und war Verkaufsleiter bei einem Automobilzulieferer. Wegen entsprechender Heirat ging er dann nach Spanien, wo er im Verkauf für ein Medienunternehmen, später ein Bauunternehmen und einen Verpackungskonzern tätig war.

          Georg Giersberg

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Betriebswirt“.

          Die wirtschaftliche Krise in Spanien veranlasste ihn im Jahr 2012 wieder zur Rückkehr nach Deutschland. Eine Stelle als Senior Category Manager bei der Williams Lea GmbH, einer Tochtergesellschaft der Deutschen Post, sollte als Wiedereinstieg in die alte Heimat dienen. Diesen Vertrag löste er nach einem Unfall noch in den ersten Wochen wieder auf. Damals war Niederdrenk guter Dinge, jederzeit eine neue Stelle zu finden, wenn er wieder genesen sein würde. Dass es für einen aktiven Vertriebsmann mit Kenntnissen in fünf Sprachen, in- und ausländischer Erfahrung und bereit zu höchster Mobilität – „noch heute Abend ziehe ich überall hin“ – keine Stelle geben sollte, konnte er nicht glauben.

          Mit Anfang 50 wird die Suche schwierig

          Aber es ist so. Niederdrenk hat in fast eineinhalb Jahren mehr als 130 Bewerbungen geschrieben – und keine Stelle bekommen. Bewerbe er sich für den Außendienst, komme die Bewerbung zurück mit dem Hinweis, er sei überqualifiziert. Bewerbe er sich auf eine Führungsaufgabe, werde die Absage mit dem Hinweis begründet, er habe zu wenig Erfahrung. Niederdrenk glaubt fast nichts mehr. Er ist überzeugt, dass eine einzige Tatsache seiner Einstellung im Wege steht: sein Alter. Er ist 53 Jahre alt. „Die Bewerbungen werden in der Personalabteilung von einem Angestellten oder Auszubildenden nach ganz formalen Kriterien vorsortiert. Da fliegt jeder raus, der älter als 50 Jahre ist“, glaubt Niederdrenk: „Ich könnte einen Nobelpreis haben, das würden die gar nicht registrieren, weil sie die Bewerbung so weit gar nicht lesen“, stellt er resigniert fest. Über die vielen Artikel über Fachkräftemangel kann er nicht einmal mehr lachen. Sie machen ihn angesichts seines Schicksals einfach nur wütend.

          „Anfang 50 ist ein ganz schwieriges Alter“, bestätigen denn auch Geschäftsführer und fügen hinzu: „In vier Jahren würde ich den Mann einstellen, heute aber nicht.“ Auf den ratlosen Gesichtsausdruck des Fragers fügen sie folgende Begründung an. „Mit Endfünfzigern haben wir sehr gute Erfahrungen gemacht. Die wissen, dass sie selbst keine Karriere mehr machen. Die sind sehr gut in der Gruppenführung, weil sie ihr Wissen gern weitergeben und sich an den jüngeren Kollegen erfreuen, denen sie mit ihrem Wissen helfen können, voranzukommen.“ Aber bei jemandem mit Anfang 50 wisse man ja nicht, ob der selbst noch Karriere machen wolle, vielleicht sogar unter Torschlusspanik leidet und dann ein eher unangenehmer Kollege wäre.

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