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Facebook im Umbruch : Mark Zuckerberg entdeckt die Privatsphäre

Mark Zuckerberg auf einer Konferenz in San José Bild: AP

Der Facebook-Chef verkündet eine radikale Neuausrichtung seines Unternehmens – und verbindet das mit einem Seitenhieb auf Apple.

          Je mehr Daten, umso besser. Das ist immer eines der Kernprinzipien von Facebook gewesen. Das soziale Netzwerk hat seine Mitglieder traditionell animiert, möglichst viel von sich preiszugeben und dies möglichst öffentlich zu tun.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Der Vorstandsvorsitzende Mark Zuckerberg sagte einmal, es sei zu einer neuen „sozialen Norm“ geworden, dass Menschen im Internet offenherzig Inhalte austauschen. Bis vor zwei Jahren war es die offizielle Mission des Unternehmens, die Welt „offener und vernetzter“ zu machen.

          Genau dieser freizügige Informationsfluss und die damit verbundene Auswertung von Daten, um mit Werbung Geld zu verdienen, hat Facebook aber auch ein ums andere Mal in Erklärungsnot gebracht. Das Unternehmen musste sich nachsagen lassen, zu einem Instrument für politisch motivierte Manipulationen und einer Plattform für Hasskommentare und andere fragwürdige Inhalte geworden zu sein.

          Sein Ruf wurde außerdem durch diverse Datenaffären beschädigt, etwa als vor fast genau einem Jahr bekannt wurde, dass das britische Unternehmen Cambridge Analytica auf regelwidrige Weise an Informationen von Millionen von Facebook-Nutzern herangekommen war.

          Kommunikation in kleinen Zirkeln

          Nun aber stellt das Unternehmen in Aussicht, auf radikale Weise mit seiner Vergangenheit zu brechen. In einem sehr ausführlichen Facebook-Eintrag kündigte Zuckerberg eine Neuausrichtung seines Imperiums an. Der Schwerpunkt des Geschehens auf seinen diversen Diensten wird sich nach seiner Vorstellung verlagern. Kommunikation werde zunehmend verschlüsselt und vergänglich sein sowie in kleinerem Kreis stattfinden.

          Zuckerberg sprach bildlich vom „digitalen Gegenstück eines Wohnzimmers“, um zu beschreiben, in welche Richtung sich sein Unternehmen bewegen wolle – im Gegensatz zum „digitalen Gegenstück eines Marktplatzes“, wie Facebook das in der Vergangenheit vor allem gewesen sei.

          Es ist eine ganz neue Philosophie, die einige Fragen aufwirft. Sie könnte auch das Geschäftsmodell von Facebook erheblich verändern. Und Zuckerberg gab selbst zu, dass manche Menschen dem Unternehmen seinen Strategieschwenk vielleicht nicht abnehmen: „Ehrlich gesagt haben wir im Moment keinen starken Ruf dafür, Dienste zu bauen, die die Privatsphäre schützen, und in unserer Geschichte haben wir uns auf Instrumente für offeneres Teilen fokussiert.“ Aber Facebook habe auch wiederholt demonstriert, sich weiterentwickeln zu können.

          Verschlüsselung mit Kehrseite

          Einer der wichtigsten Bausteine in der neuen Strategie ist Verschlüsselung. Zuckerberg kündigte an, dass er dort dem Vorbild des zu Facebook gehörenden Kurzmitteilungsdiensts Whatsapp auch bei anderen Angeboten folgen will, etwa Messenger. Whatsapp bietet seinen Nutzern eine „Ende-zu-Ende-Verschlüsselung“, die dafür sorgen soll, dass nur der Absender und der Empfänger Nachrichten lesen können, nicht einmal das Unternehmen selbst.

          Zuckerberg gab zu, dass solche Verschlüsselung auch eine Kehrseite haben kann, etwa wenn die dadurch gewährte Privatsphäre missbraucht wird, etwa für Terrorismus oder die Ausbeutung von Kindern. Entsprechend dürfte der verstärkte Schwerpunkt von Facebook auf Verschlüsselung von Regierungen und Strafverfolgungsbehörden liegen. Aber Zuckerberg sagte, insgesamt überwiege der Nutzen verschlüsselter Kommunikation. Und Facebook arbeite an Sicherheitssystemen, um etwaige Übeltäter „auf anderen Wegen“ zu finden, auch ohne deren Nachrichten sehen zu können.

          Verknüpfung von Diensten

          Zuckerberg kündigte auch an, Dienste wie Whatsapp, Messenger und Instagram stärker miteinander zu verknüpfen. Das erleichtere die Kommunikation über verschiedene Plattformen hinweg, könnte aber Regulierungsbehörden und Politikern missfallen, die das als Versuch des Unternehmens werten könnten, seine Macht zu zementieren. In Amerika wird derzeit verstärkt über die dominierende Position von Facebook diskutiert, und es gab auch Rufe nach einer Zerschlagung.

          Als weitere Privatsphäre-Initiative beschrieb Zuckerberg das Vorhaben, mehr Möglichkeiten für vergängliche Kommunikation zu schaffen. Das tut Facebook schon auf verschiedenen Diensten mit „Stories“-Funktionen, deren Inhalte nur für begrenzte Zeit zu sehen sind. Der Facebook-Chef kann sich vorstellen, Nutzern die Option zu geben, ihre Kurznachrichten nach einer bestimmten Zeit löschen zu lassen. Diese Ideen folgen dem Vorbild des Wettbewerbs Snapchat, der das Konzept, Inhalte nach kurzer Zeit wieder verschwinden zu lassen, populär gemacht hat.

          Weg könnte über Online-Handel und Bezahlangebote führen

          Wenn Facebook nun selbst den freien Datenfluss auf seinen Plattformen beschneidet, könnte das Auswirkungen auf das Werbegeschäft haben, das von der Auswertung von Daten abhängt. Zuckerberg deutete in seinem Beitrag an, dass sich das Unternehmen eine Diversifizierung seines Geschäftsmodells vorstellen kann.

          Etwa indem Kurzmitteilungsdienste wie Whatsapp um andere Angebote erweitert werden, zum Beispiel elektronischen Handel und Bezahlangebote. Dafür gibt es ein prominentes Vorbild: Der populäre chinesische Dienst Wechat war traditionell vor allem ein Messaging-Angebot, hat sich aber zu einer breit aufgestellten Online-Plattform mit einer ganzen Fülle von Funktionen gewandelt.

          Facebook ist mit seinem sozialen Netzwerk nicht in China vertreten, und Zuckerberg weckte in seinen Ausführungen den Eindruck, das werde auch so bleiben. Er sagte, Facebook baue keine Rechenzentren in Ländern, die Menschenrechte wie die Privatsphäre und die Meinungsfreiheit verletzten. Das ließ sich auch als Seitenhieb auf Apple verstehen. Für den Elektronikkonzern ist China ein sehr wichtiger Markt, und er hat dort auf Druck der Regierung in Zusammenarbeit mit einem einheimischen Unternehmen ein Rechenzentrum aufgebaut, in dem Kundendaten gespeichert werden. Apple-Vorstandschef Tim Cook hat Facebook wiederholt wegen seiner Datenschutzpraktiken kritisiert.

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