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Facebook-Clinch : Aigner kapiert es nicht

Was Facebooks Rolle im Internetdorf betrifft, scheint Ilse Aigner Tomaten vor den Augen zu haben Bild: picture-alliance/ dpa

Facebook und andere soziale Netzwerke treten an, das anonyme Internet sozialer zu machen, also: dörflicher. Das weiß jeder, der sich dort einträgt. Darum sollte sich Ilse Aigner nicht so aufregen, wenn Facebook neue Bedingungen fürs Tratschen einführt.

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          Als Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner noch ein junges Mädchen war, lebte sie in einem kleinen Dorf in Oberbayern. In solchen Dörfern kennt jeder jeden. Das gilt als besonders romantisch. Denn in den Dörfern geht es familiär zu: Der Buchhändler kennt die Vorlieben seiner Kunden ganz genau und weiß, wem er die neueste Horrorgeschichte anbieten sollte und wem den Schnulzenroman. Der Friseur verbreitet beim Haareschneiden die jüngsten Gerüchte über Pleiten und Affären. Und der Mann von der Sparkasse weiß auswendig, welche seiner Kunden kreditwürdig sind. Er kennt nämlich nicht nur ihre Häuser, sondern kann sich auch daran erinnern, ob die Eltern und Großeltern ihre Zinsen immer pünktlich gezahlt haben.

          Facebook und andere soziale Netzwerke treten an, das anonyme Internet sozialer zu machen, also: dörflicher. Das weiß jeder, der sich dort einträgt. Darum sollte sich Ilse Aigner nicht so aufregen, wenn Facebook neue Bedingungen fürs Tratschen einführt. Künftig will Facebook Daten über Nutzer auch an andere Websites weitergeben. Deshalb stellte die Firma vergangene Woche Pläne für neue Datenschutzbedingungen vor und ließ die Nutzer darüber diskutieren. Aigner schickte daraufhin einen geharnischten Brief an den Firmengründer Mark Zuckerberg und drohte: „Sollte Facebook nicht bereit sein, seine Firmenpolitik zu ändern, sehe ich mich gezwungen, meine Mitgliedschaft zu beenden.“

          Facebook ist der Friseur

          Das ist überflüssig. Aigner sollte mit Facebooks Rolle in diesem neuen Internetdorf eigentlich umgehen können. Facebook ist der Friseur: Es verdient sein Geld auch deshalb, weil es anderen den neuesten Klatsch weitererzählt. Wenn ein Mitglied nicht aufpasst, ist es plötzlich mit Dingen im Gespräch, die es lieber geheim gehalten hätte.

          Natürlich gibt es zwischen Facebook und dem Bauerndorf auch große Unterschiede. Erstens: Wer in einem Dorf das Ansehen verloren hat, kann wegziehen und anderswo neu anfangen. Das fällt in sozialen Netzwerken schwerer, denn sie bringen gerade die Bekannten aus ganz unterschiedlichen Lebensbereichen wieder zusammen.

          Zweitens: Die Kunden des Dorffriseurs können sich einigermaßen darauf verlassen, dass der seinen Tratsch nur mit den anderen Leuten im Ort teilt, die sie selbst kennen. Facebook dagegen gibt seine Erkenntnisse an alle möglichen Leute weiter und sagt vorher nicht immer, an wen.

          Nur ein leidlich informierter Dorfbewohner

          Drittens: Facebooks Daten liegen digital vor. Computer können damit möglicherweise Erkenntnisse gewinnen, die heute noch nicht absehbar sind und kein Mensch je erzielt hätte - im Guten wie im Schlechten. Bisher allerdings ist es extrem schwierig, die Computer nur auf den Wissensstand eines leidlich informierten Dorfbewohners zu bringen. Amazon schafft es gerade mal, einen Buchtipp auf die Interessen des Kunden abzustimmen. Könnte es auch die Interessen seiner Facebook-Freunde nutzen, wären die Tipps wohl noch besser.

          Es gibt noch einen vierten Unterschied zwischen Facebook und dem Dorffriseur, und der ist mindestens ebenso wichtig: Der Dorffriseur erzählt weiter, was er will. Auf Facebook dagegen kann jeder selbst einstellen, was er weitererzählt haben möchte und was nicht. Die Nutzer sind dazu schlau genug, auch wenn sie erst selbst aktiv werden müssen. Die meisten haben ihre Profile inzwischen hermetisch vor den Blicken Unbekannter geschützt und werden es Facebook auch verbieten, ihre Daten weiterzugeben.

          Und dann ist Facebook doch wieder wie der Dorffriseur: Die Kunden wissen, was sie von dem zu halten haben. Und erzählen ihm nur die Dinge, die sie ihm wirklich erzählen wollen. Deshalb können sich auch Minister dort die Haare schneiden lassen.

          Patrick Bernau

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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