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Zum Tode von Hans D. Barbier : Der ordnungspolitische Prüfstein

  • -Aktualisiert am

Hans D. Barbier Bild: Torsten Silz

Hans D. Barbier war ein Liberaler aus Überzeugung. Für ihn war Freiheit ein einzigartiges und kein austauschbares Gut neben anderen. An Martin Schulz hätte er wohl einige beißende Fragen gehabt.

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          Er war der ordnungspolitische Prüfstein der Wirtschaftsredaktion dieser Zeitung. Generationen von Jungredakteuren gingen durch seine Schule. Hans D. Barbier machte es dem Nachwuchs nicht leicht, aber es war herrlich, sich an ihm zu reiben. In oft leidenschaftlich geführten Debatten schärfte der begnadete Rhetoriker in den Redaktionskonferenzen nicht nur die Sprache, sondern auch die Gedanken der Redakteure. Diese, außerhalb der Zeitung kaum wahrnehmbare Arbeit, lag ihm besonders am Herzen; ihre Wirkung zeigte sich nicht direkt, aber sie schlug sich langfristig im Blatt nieder. Oft führte er hierfür noch viele Stunden nach Redaktionsschluss ungezählte Gespräche mit den Kollegen.

          Unmittelbar war die Wirkung des ordnungspolitisch wohl profiliertesten deutschen Journalisten auf die wirtschaftspolitischen Debatten in den Zeiten der Bonner und im ersten Jahrzehnt der Berliner Republik. Für seine brillanten, oft auch scharf formulierten Glossen und Leitartikel war er berühmt. In der Politik war er wegen seiner klaren unnachgiebigen Haltung berüchtigt. Der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) konnte sich wunderbar über seine spitze Feder aufregen. Aber lesen musste er Barbier trotzdem. Denn seine Plädoyers für die Freiheit wurden in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft von vielen gelesen – und seine Meinung von vielen geteilt. Barbier verehrte seinen Lehrer Herbert Giersch, einen der führenden Ökonomen der jungen Bundesrepublik. Giersch seinerseits bescheinigte Barbier, ein meisterlicher Mittler zwischen Wirtschaftswissenschaft und praktischer Wirtschaftspolitik zu sein.

          Barbiers unbeirrbarer Glaube an die Kraft der Freiheit und der Marktwirtschaft führte ihn zur Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Hieß es nicht in der ersten Ausgabe der F.A.Z. von 1949, die Zeitung wolle das „lebendige Gefühl für dieses Kostbarste aller irdischen Güter entfachen“? Und hatte nicht der damalige Wirtschaftsminister und spätere Bundeskanzler Ludwig Erhard, dem Deutschland die D-Mark und die Soziale Marktwirtschaft verdankt, viel mehr Freiheit und Selbstverantwortung im Sinn, als viele, die ihn heute zitieren, wahrhaben möchten?

          Ein Liberaler aus Überzeugung

          Ein Plädoyer für Freiheit scheint heute fast aus der Zeit gefallen. Ein Vierteljahrhundert nach dem Sieg des Kapitalismus über den Sozialismus klingt für viele europäische Ohren der Ruf nach möglichst viel Eigenverantwortung und Freiheit für den Einzelnen fast radikal. Schon wer für Chancengleichheit eintritt und das gesellschaftspolitische Mantra vom angeblichen Segen der Gleichheit von Einkommen und Vermögen verweigert, wird als Neoliberaler verteufelt. Leider trat in Deutschland das ein, was Erhard befürchtet hat. Der Drang nach Sicherheit hat das Freiheitsgefühl untergraben. Die Macht von Lobbygruppen, der Wunsch nach Absicherung aller Lebensrisiken und die Eigendynamik der sozialen Sicherungssysteme haben das Gefühl für Freiheit ausgehöhlt.

          Heute, da ein kalter Wind des Wandels durch die Wirtschaftswelt zieht und Schuldenkrisen in Amerika (Immobilien) und Europa (Euro) die Märkte in Verruf gebracht haben, ist der Begriff der Sozialen Marktwirtschaft zu einer Worthülse geworden, die von Politikern jeder Coleur mit Umverteilungswünschen gefüllt wird. Zum Wahlkampf von Martin Schulz, dem neuen Kanzlerkandidaten der SPD, der die „soziale Gerechtigkeit“ zum Kern seiner Politik macht, hätte Barbier wohl beißende Fragen gehabt.

          Er hätte von Schulz wissen wollen, wer die mit guter Absicht angekündigten neuen sozialen Angebote erwirtschaften und finanzieren solle. An einer Politik, die sich darauf beschränkt, wirtschaftliche Freiheit und sozialen Ausgleich gegeneinander auszuspielen, hätte Barbier kein gutes Haar gelassen. Für Barbier waren (wie schon für Erhard) Wirtschaftsleistung und Sozialleistung zwei Seiten einer Medaille.

          Geprägt von Smith, Popper und Hayek

          Barbier war ein Liberaler aus Überzeugung. Für ihn war Freiheit ein einzigartiges und kein austauschbares Gut neben anderen. Als wirtschaftspolitischer Kopf dieser Zeitung hat er wie seine Vorgänger, Mitstreiter und Nachfolger unbeirrt für Freiheit und Marktwirtschaft gefochten und damit das wirtschaftspolitische Profil der F.A.Z. geschärft. Dabei nahm er in Kauf, dass derjenige, der gegen die Überforderung von Staat und Gemeinwesen streitet und in der marktwirtschaftlichen Ordnung vor allem eine Dimension der Gleichheit betont, nämlich die Gleichheit vor dem Recht, nicht viel Beifall erhält.

          In der Finanzkrise sah er nicht nur das Politikversagen der Regierung in Washington, die krachend mit ihrem Plan gescheitert war, aus Amerikanern ein Volk von Hausbesitzern zu machen. Sondern er kritisierte auch das Marktversagen, als er etwa auf einer Bankenkonferenz die Gastgeber fragte, ob die Banken wüssten, was sie der Marktwirtschaft mit ihrem Fehlverhalten angetan hätten.

          Zum Journalismus fand der Mönchengladbacher nach dem Studium der Nationalökonomie und der Promotion an der Universität Saarbrücken, als ihn ein Stellenangebot der F.A.Z. lockte. 1969 trat er in die Wirtschaftsredaktion ein und wurde bald als Korrespondent nach Bonn entsandt. Wie wichtig für Barbier Überzeugungen waren, zeigt ein Zwischenspiel, das ihn von 1974 bis 1986 zur „Süddeutschen Zeitung“ führte. Der Grund für die zwischenzeitliche Trennung lag in Barbiers Eintreten für flexible Wechselkurse, von denen er früher als die F.A.Z. überzeugt war. Danach kehrte er gerne zur Frankfurter Allgemeinen zurück und verantwortete dort die Wirtschaftspolitik bis zum Eintritt in den Ruhestand im April 2002.

          Ein Satz, wie gemünzt für das Euro-Superwahljahr 2017

          Geprägt haben Barbier die Ideen von Adam Smith, Karl Popper und Friedrich August von Hayek, die er mit pädagogischem Geschick an den Nachwuchs weitergab. Seine Arbeit ist mit allen für Wirtschaftspublizisten wichtigen Preisen ausgezeichnet worden. Nach dem Ende seiner aktiven Zeitungszeit setzte er sich als Vorsitzender der Ludwig-Erhard-Stiftung in Bonn für Freiheit, Eigenverantwortung und Wettbewerb ein. Dieser Zeitung blieb er verbunden. Als Autor einer Kolumne im Wirtschaftsteil rief er noch aus dem „Unruhestand“ jahrelang die oft orientierungslosen Berliner Wirtschaftspolitiker „Zur Ordnung“.

          Dort wie auch in der Ludwig-Erhard-Stiftung konnte sich Barbier herrlich über die Irrungen und Wirrungen der verfehlten Euro-„Rettungspolitik“ aufregen. Er zählte übrigens zu den frühen Kritikern des Euros und trug mit seinem Furor dazu bei, dass es vor der von Kanzler Kohl auf Biegen und Brechen betriebenen Einführung überhaupt eine Debatte über die Risiken gab. Weitsichtig wie er war, schrieb er vor Jahren einen Satz, der wie gemünzt ist für das Euro-Superwahljahr 2017 (Niederlande, Frankreich, Deutschland und vielleicht Italien). „Irgendwann werden die Historiker zu schreiben haben: Sie wollten die Einheit Europas retten und haben dafür den Zerfall Europas in Kauf genommen.“

          In den letzten Jahren war er gesundheitlich angeschlagen. Aber noch im Dezember feierte er mit Freunden und Weggefährten die Verleihung der Ehrenmitgliedschaft der Ludwig-Erhard-Stiftung an ihn. Hans D. Barbier starb in der Nacht von Donnerstag auf Freitag nach kurzer schwerer Krankheit in Bonn. In wenigen Wochen wäre er 80 Jahre alt geworden.

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