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Illustration: Jens Giesel
Schneller Schlau

Millionengeschäft Tennis

Von BENJAMIN FISCHER, Grafiken: JENS GIESEL · 11. Januar 2021

Roger Federer oder Serena Williams sind die Vorbilder. Doch der Aufstieg im Tennis ist beschwerlich und teuer zugleich zugleich. Doch unbekanntere Spieler trifft der Ausfall von Turnieren infolge von Corona.

21 Grand Slam-Titel – diese Marke hat im Herren-Tennis noch kein Spieler erreicht. Bislang kommen Rafael Nadal und Roger Federer jeweils auf 20 Turniersiege bei den vier traditionellen Highlights des Tennis-Jahres Australian Open, French Open, Wimbledon und den US Open. Wenn im Februar in Melbourne wieder gespielt wird, tritt der 39 Jahre alte Federer infolge einer Knieoperation nicht an. Somit könnte Nadal ihn überholen.  Bei den Frauen kann die ebenfalls 39 Jahre alte Serena Williams schon 23 Titel vorweisen.

Aufgrund der Pandemie finden die Australian Open 2021 mit aufwendigen Hygienemaßnahmen statt. Die aktuelle Nummer eins der ATP-Weltrangliste für Herren, Novak Djokovic, spielte im bislang letzten normalen Tennis-Jahr 2019 zuvor in Doha. Doch nicht nur Grand-Slam-Titel zählen: Auch bei den diversen größeren und kleineren Turnieren in einem Jahr geht es um Preisgelder und Weltranglistenpunkte. Sie dienen den Profis zudem zur Vorbereitung auf die Grand Slams und die unterschiedlichen Belage dort. In Melbourne wird wie in New York, der Finaltermin ist dort im September, auf Hartplatz gespielt. Die Pariser French Open in Mai und Juni finden auf Sandplätzen statt, Wimbledon wiederum auf Rasen. Der Serbe Djokovic kam 2019 so insgesamt auf 68 Wettkampf-Einzel und 13 Doppel. Ohne die Verletzung im Achtelfinale der US Open wären es wohl noch mehr geworden. 

Hobby-Spieler erreichen kaum ein solches Pensum und müssen sich auch nicht auf ständig wechselnden Untergrund einstellen. Das würde den ohnehin nicht günstigen Sport nochmal teurer machen. Ordentliche Tennis-Schuhe kosten neu schnell deutlich mehr als 50 Euro. Beim wichtigsten Utensil, dem Schläger, ist die Preisspanne noch größer: Relativ leicht spielbare „Rackets“ für Einsteiger mit größerem Schlägerkopf gibt es für unter 100 Euro. Turnierschläger mit geringerer Fehlertoleranz, aber besseren Spiel-Eigenschaften sind deutlich teurer. Neben etwaiger zusätzlicher Ausrüstung und dem passenden Outfit kommen gegebenenfalls Trainerstunden hinzu. Nicht zu vergessen: Auf den Außenplätzen – in Deutschland mehrheitlich mit Sandbelag – wird nicht das ganze Jahr über gespielt und bei Regen geht ohnehin nichts. Wer in Herbst, Winter und bei schlechtem Wetter auf den Platz will, muss folglich Geld für Hallenstunden in die Hand nehmen. Nicht-Mitglieder zahlen bei Vereinen auch draußen. Öffentliche Tennisplätze sind rar.

Das ist natürlich kein Thema für Profis: Für diese geht es um den größtmöglichen sportlichen Erfolg und damit auch ums Finanzielle. Alleine der Sprung in ein aus 128 Spielern bestehendes Grand Slam-Hauptfeld ist für einen Athleten hinter Platz 100 der Weltrangliste enorm wertvoll. 

Das Preisgeld beim meist frühen Scheitern macht sie oder ihn aber nicht reich. Es ist vielmehr bitter nötig, um sportlich voranzukommen. Denn der Aufwand für Tennis-Profis ist enorm. Reisen, Unterkünfte und Trainer wollen bezahlt werden. Wer mehr Geld hat, kann in ein größeres Team und eine professionellere Umgebung investieren. Der deutsche Profi Dominik Koepfer beispielsweise erreichte 2019 überraschend sogar das Achtelfinale der US Open, was ihm 280.000 Dollar einbrachte. Eine große Erleichterung, wie er nach dem Turnier dem Deutschlandfunk sagte: „Jetzt kann ich auch mal ein paar Wochen mit einem Physio(-therapeuten) reisen“. Eine bessere Weltranglistenposition (aktuell Platz 66) erspart ihm die Qualifikation bei größeren Turnieren, wo mehr Preisgeld und mehr Punkte für die Rangliste warten. In Indian Wells etwa, einem Turnier der zweithöchsten Klasse direkt hinter den vier Grand Slams, werden insgesamt jeweils rund 8,5 Millionen Dollar unter Frauen wie Männern verteilt. In den unterklassigen Challenger-Turnieren ist ein Gesamtpreisgeld von 160.000 Dollar für alle Teilnehmer dagegen schon viel. Wer hier früh ausscheidet, kann oft kaum seine Kosten decken. 

Entsprechend hart trifft der Ausfall von Turnieren durch die Pandemie unbekanntere Spieler. Die gleichen Preisgelder erhalten Frauen und Männer übrigens nur bei den Grand Slams und einigen großen Turnieren wie beispielsweise Indian Wells. In den niedrigeren Klassen verdienen die Männer oftmals mehr.  Roger Federer führte zuletzt sogar als erster Tennisspieler überhaupt die „Forbes“-Liste der bestbezahlten Sportler an. Dies liegt natürlich vorrangig an gut dotierten Werbeverträgen mit Mercedes, Rolex oder dem japanischen Modeunternehmen Uniqlo. An Preisgeldern hat er im Verlauf seiner Karriere bislang 130 Millionen Dollar eingespielt. 

Der Schweizer ist auch Rekordsieger in Wimbledon. Die Macher des bekanntesten Turniers der Welt präsentieren nur zu gerne diverse britische Eigenheiten – unter anderem die Menge an verzehrten Erdbeeren mit Sahne. Die Daten unterstreichen auch, welch immenser Aufwand für ein großes Tennisturnier betrieben wird.

In Deutschland kämpft der Deutsche Tennis-Bund (DTB) derweil seit Jahren mit schwindenden Mitgliederzahlen. Die zwei Millionen Mitglieder, die der Verband Anfang der 2000er Jahre hatte, sind längst weit entfernt. Diese Entwicklung wurde auch immer wieder mit dem Fehlen deutscher Stars begründet. Mit Angelique Kerber gab es 2018 allerdings erstmals seit 1996 wieder eine deutsche Wimbledon-Siegerin. Im vergangenen Jahr gewann Laura Siegemund das Doppelturnier der US Open. Tennis-Doppel finden aber medial generell weniger Beachtung, auch die Preisgelder liegen weit unter dem Niveau der Einzel. Bei den Herren spielt Alexander Zverev mittlerweile ganz vorne mit. Auf ihm dürften aus deutscher Sicht auch die größten Hoffnungen für die anstehenden Australian Open ruhen. Während Nadal um seinen 21. Grand Slam-Titel kämpft, geht es für den Hamburger um seinen ersten. Der würde ihm 2,75 Millionen Dollar einbringen.


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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 11.01.2021 16:36 Uhr