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Mit Clemens Fuest kann man reden – sagen sowohl die Gewerkschaften als auch die CDU. Bild: dpa

F.A.Z.-Ökonomenranking : Der bedächtige Herr Fuest

Clemens Fuest steht zum ersten Mal an der Spitze des F.A.Z.-Ökonomenrankings. Der Ifo-Präsident findet auf allen Seiten Gehör, obwohl er gar nicht so laut ist. Oder gerade deswegen.

          Wie kann das gehen? Was macht Ifo-Präsident Clemens Fuest an der Spitze der F.A.Z.-Ökonomenrangliste? Warum hat dieser Mann so viel Präsenz in der Öffentlichkeit? Wer Fuests Vorgänger kennt, hält das für schwer möglich: Hans-Werner Sinn, der Mann mit dem Backenbart, der schon in Sabine Christiansens Talkshow verkündete, dass Deutschland Reformen braucht, und der den Deutschen später die Risiken der Europolitik erklärte. Mit zugespitzten Thesen zog Sinn Kritik auf sich, etwa bei der Einführung des Mindestlohns: 900.000 Arbeitsplätze gefährde das, hieß es. Heute ist der Aufschwung am Arbeitsmarkt wohl schwächer ausgefallen als ohne Mindestlohn, aber von 900.000 Arbeitsplätzen kann keine Rede sein.

          Patrick Bernau

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Seit vergangenem Frühjahr ist Hans-Werner Sinn im Ruhestand, und in den Monaten vorher erklärte er gern seine Medienstrategie: Er habe gelernt, dass man wissenschaftliche Aussagen sehr weit zuspitzen müsse, damit sie in der Öffentlichkeit Gehör fänden. Dieses Erfolgsrezept hat ein anderer Institutspräsident gleich versucht zu kopieren: Marcel Fratzscher am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Der biegt seine wissenschaftlichen Thesen gelegentlich so weit in SPD-Richtung, dass es selbst die SPD-Mitglieder unter den Ökonomen schüttelt.

          Und dann kommt Clemens Fuest, sprich: „Fuhst“. Der in Medien und Politik Marcel Fratzscher weit abhängt und genauso erfolgreich ist wie Sinn. Aus dem Ifo-Institut heißt es sogar, Fuest habe mehr Medienanfragen als Sinn, schaffe aber gar nicht alle und schicke öfter seine Experten vor. Dabei klingt Fuest ganz anders. Wenn Sinn die Europolitik kritisiert, spricht er gelegentlich von „Selbstbedienung mit der Druckerpresse“. Bei Fuest heißt das: „Es ist wichtig, dass Umfang und Grenzen des Mandats der EZB rechtlich klarer definiert werden.“

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          Schon als Fuest im Frühjahr 2016 das Ifo-Institut übernahm, fehlte in kaum einem Antrittsporträt das Lob dafür, wie differenziert Fuest argumentiert. So waren auch Fuests Prüfungen. Schon an seiner ersten Professorenstation in Köln stöhnten die Studenten, weil man in den Klausuren von Fuest nicht allgemeine Glaubenssätze wiederzugeben hatte wie bei manchem Wirtschaftspolitik-Professor, sondern die Ergebnisse tatsächlich vorrechnen musste. Wie kann so etwas massentauglich sein? Es gibt mehrere Erklärungen. Hat Hans-Werner Sinn das Ifo-Institut so ins Gerede gebracht, dass jetzt jeder Journalist einfach immer den aktuellen Präsidenten anruft? Das allein kann es nicht sein, länger als ein Jahr trägt so ein Ruf nicht.

          Haben sich die Zeiten geändert? Hans-Werner Sinn ist in den Talkshows berühmt geworden, in denen das zugespitzte Argument besonders nötig ist. Heute sind die Talkshows weniger relevant, die Volkswirtschaft dagegen steht in der Kritik, zu eindimensional zu argumentieren – ist da ein differenzierter Ökonom willkommener als früher? „In der öffentlichen Debatte muss man immer noch zuspitzen“, sagt Fuest selbst, „aber wie man das tut, ist eine Frage des persönlichen Stils.“ Er selbst stärkt erst mal die Interdisziplinarität in der Ökonomie: Er schafft ein neues europäisches Forschungsnetzwerk des Ifo-Instituts mit Büro in Brüssel und nimmt dabei auch Politikwissenschaftler und Juristen auf. Den Stil lobt an Fuest jeder. Fernsehjournalisten entzücken sich darüber, wie Fuest sich fast mit Dienstleistungsmentalität auf das jeweilige Sendungsformat einstellt. Der Politikbetrieb lobt: Wo Sinn gepredigt habe, berate Fuest – er berücksichtige in seinem Rat besonders, welche Fragen die Politik gerade habe und was sie für machbar halte.

          Fuests Schüler und Kollege Johannes Becker erzählt aus früherer Zeit: Als junger Professor in Köln sei Fuest gleichzeitig vom Deutschen Gewerkschaftsbund und von der CDU um Beratung gebeten worden. Fuest ist nach allen Seiten hin anschlussfähig, jeder kann mit ihm reden – vielleicht ist das die Erklärung für seine Popularität. Dabei rät Fuest schon häufiger dazu, im Zweifel Steuern zu senken und den Staat klein zu halten. Er ist Mitglied des liberalen „Kronberger Kreises“, der vor Überregulierung im Internet warnt, die EZB gerne enger eingehegt hätte und dafür plädiert, in der Erbschaftsteuer weniger Ausnahmen zuzulassen und sie dafür zu senken.

          Das ist eigentlich nicht Gewerkschaftslinie. Doch nicht mal Gewerkschaftsökonom Gustav Horn mag sich über Fuest ärgern. Zur Europolitik hätten sie unterschiedliche Ansichten, sagt Horn. Aber das seien fachliche Differenzen, persönlich gibt es auch für Horn nichts zu meckern. Fuests Kompetenz steht offenbar außer Zweifel. Nach einem Studium in Mannheim lernte Fuest während seiner Dissertationszeit beim Kölner Professor Watrin, wie Politikberatung funktioniert. Später, als er sich in München bei Heinz König habilitiert, lernt er eine sehr an den Realitäten orientierte Finanzwissenschaft. Ein bisschen Hans-Werner Sinn hat Fuest freilich schon entdeckt: Vergangenen Juli forderte er, für die Kosten der Griechenland-Rettung den Solidaritätszuschlag zu erhöhen. „Ein pädagogisch gemeinter Vorschlag“, sagt Fuest heute dazu, der die Kosten der Rettung deutlich machen sollte. Mit diesem zugespitzten Vorschlag ist er in der Praxis nicht allzu weit gekommen. „Wenn Fuest polemisiert, wirkt das nicht authentisch“, sagt Gewerkschaftsökonom Horn. „Er sollte es bleiben lassen.“

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