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70 Jahre F.A.Z. : „Wir arbeiten jeden Tag daran, uns für Sie unverzichtbar zu machen“

F.A.Z.-Geschäftsführer Thomas Lindner am Donnerstag beim F.A.Z.-Kongress „Zwischen den Zeilen“ in Frankfurt Bild: Daniel Pilar

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung begeht bei einem Kongress mit gut 700 Gästen ihren 70. Geburtstag. Verantwortliche Redakteure geben Einblicke in die Zeitungsproduktion. Was man dabei vor allem braucht? Humor.

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          Seit ihrer ersten Ausgabe sei die F.A.Z. die „wichtigste Informationsquelle für die Leistungsträger in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft“, sagte F.A.Z.-Geschäftsführer Thomas Lindner in seiner Begrüßung – und das wolle sie auch im Digitalen sein. „Wir arbeiten jeden Tag daran, uns für Sie unverzichtbar zu machen“, versprach Lindner, der den Lesern auch den neuen Markenauftritt der F.A.Z. vorstellte, der pünktlich zum 70. Geburtstag überarbeitet wurde. Neben der „Kluger Kopf“-Kampagne, die seit mehr als 20 Jahren in unterschiedlichen Motiven für die F.A.Z. wirbt und national wie international vielfach ausgezeichnet wurde, wird es künftig eine weitere Kampagne mit dem Claim „Freiheit beginnt im Kopf“ geben.

          Oliver Georgi

          Redakteur in der Politik.

          Der erste F.A.Z.-Leserkongress ist aber auch eine Gelegenheit, endlich einige jener drängenden Fragen zu beantworten, die viele Leser, die der F.A.Z. teils seit Jahrzehnten die Treue halten, seit langem stellen: Wie entsteht jeden Tag die Zeitung für Deutschland? Wer entscheidet darüber, welche Themen wie im Blatt landen oder kommentiert werden? Was unterscheidet die Arbeit der F.A.Z.-Korrespondenten von der der Redakteure in der Redaktion in der Hellerhofstraße in Frankfurt, und was die verschiedenen Druckausgaben von der D1 (erste Ausgabe) bis zur R (Rhein-Main-Ausgabe)? Warum ist es kein Fehler, sondern ein Ausdruck der viel gelobten Pluralität der F.A.Z., dass ein und dasselbe Thema in verschiedenen Büchern der Zeitung manchmal unterschiedlich kommentiert wird? Was bedeutet das Herausgeberprinzip? Und was unterscheidet die Zeitung für Deutschland von vielen anderen Medien – neben der Tatsache, dass sie über eines der größten Korrespondentennetze weltweit verfügt?

          Zum Beispiel, dass die F.A.Z. von ihren Korrespondenten „keine Fiktionalisierung oder romanhaft runde Geschichten“ fordert wie manche anderen Blätter, sondern Texte, „die die Wirklichkeit beschreiben“, wie der Chef der politischen Nachrichtenredaktion Richard Wagner am Vormittag im Gespräch mit dem Verantwortlichen Redakteur für Zeitgeschehen Reinhard Müller erklärte. „Unsere Kardinaltugenden sind Nüchternheit und Besonnenheit, das ist gerade jetzt ein wichtiges Gegengewicht gegen den derzeitigen Dauererregungszustand.“

          Eine klare Trennung von Nachricht und Meinung und überhaupt ein Journalismus, der sich „der Sache widmet und nicht der eigenen Eitelkeit“, das sei die DNA der F.A.Z. in allen Erscheinungsformen, sagte Wagner, der mit seinem Team in der Frankfurter Hellerhofstraße für alles verantwortlich zeichnet, was in der F.A.Z. mit politischen Nachrichten zu tun hat. Neben großer Sachkenntnis und fachlicher Brillanz fordert er von seinen Redakteuren auch eine „große Ironiefähigkeit“ – schon um den Stress, den die hektische Produktion für viele verschiedene Medienkanäle erzeugt, zu ertragen.

          Richard Wagner (rechts) mit Reinhard Müller

          In vielen Medien würden Nachricht und Meinung nicht mehr sauber getrennt, beklagten bei der darauffolgenden Gesprächsrunde auch Jasper von Altenbockum und Klaus-Dieter Frankenberger, Leitende Redakteure für Innen- bzw. Außenpolitik. Was, wie ein Leser vermutete, womöglich auch ein Grund für die wachsende „Abwehrhaltung vieler Leser“ sei. „Der Autorenjournalismus hat sich vielerorts durchgesetzt, die saubere Nachricht ist auf dem Rückzug“, sagte von Altenbockum. Dies sei bedauerlich, weil in einer sauberen Nachricht der Journalist hinter die Sache zurücktrete und so ein objektives Bild des Geschehens biete. Deshalb bemühe sich die F.A.Z. weiter darum, Nachricht und Meinung klar voneinander zu trennen – etwa auch dadurch, dass beide in der Regel nicht von ein und demselben Autor geschrieben würden. Sonst laufe man vielleicht Gefahr, dass etwa ein Korrespondent die Nachricht unbewusst in Richtung des Kommentars schreibe.

          Jasper von Altenbockum (links) und Klaus-Dieter Frankenberger im Gespräch

          Die F.A.Z. werde die Nachricht weiterhin pflegen, versprach auch Klaus-Dieter Frankenberger den Lesern im Saal im Kap Europa – auch wenn diese durch die enorm gewachsene Schnelligkeit in der Berichterstattung und die Onlinemedien immer mehr an Bedeutung verliere. Umso wichtiger würden tiefgehende Analysen und profunde Kommentare für die Leser. „Die meisten Nachrichten, die Sie am Morgen in der Zeitung lesen, kennen Sie schon. Was Sie von uns wollen, sind Einordnung, Gewichtung und hoffentlich fulminante Kommentare.“ Dabei gilt in der F.A.Z. das Fachprinzip: Nur wer die nötige fachliche Expertise für ein Thema mitbringt, darf es kommentieren, „weil wir es uns nicht leisten können, einen Kommentar im Blatt zu haben, von dem der Leser merkt, dass der Autor keine Ahnung hatte“, wie Altenbockum sagte.

          Ja, es werde in der Redaktion mitunter kontrovers darüber gestritten, welches Thema in der F.A.Z. wie kommentiert werden solle, gestanden Altenbockum und Frankenberger ein – zumal es an vielen Tagen viel mehr Themen als Kommentarplätze gebe. Ein Beispiel gefällig? Die Bischofskonferenz in Fulda, die Rede von Außenminister Heiko Maas vor den Vereinten Nationen, mögliche Gespräche mit Iran, die Absetzbewegungen Malu Dreyers vom Klimapaket der Bundesregierung, allein am Donnerstag ein ganzer Haufen wichtiger Kommentarthemen, die die Auswahl schwer machten, wie Altenbockum sagte. „Da wird durchaus mal heiß diskutiert.“ Auch beim Austausch mit den anderen Ressorts über die Frage, welche Glossen nach vorne auf die Seite eins wandern sollen, brauche man „Verhandlungsgeschick“, sagte Außenpolitikchef Frankenberger.

          Überhaupt erfordere die tägliche Bewältigung der Nachrichtenflut zwischen Trumps Ukraine-Krise und dem britischen Brexit-Chaos mitunter harte Nerven, wie am Morgen auch Nachrichtenchef Richard Wagner zugab. Dabei helfe manchmal nur noch Humor – und ansonsten ein kleiner Zettel, der seit Anbeginn der Zeiten in der Nachrichtenredaktion hängt und eine Weisheit aus der Londoner Fleet Street zitiert, dem traditionellen Zentrum der britischen Presse: „Journalismus ist ein lausiger Job. Aber immer noch besser als Arbeit.“

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