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F.A.Z. Exklusiv : Deutsche Metallindustrie fällt international zurück

Im Jahr 2014 erreichten deutsche Elektro- und Metallexporte noch Rekordwerte. Bild: dpa

Um die deutsche Metallindustrie steht es nicht gut: Im Standortvergleich erweitern wichtige Konkurrenzländer auf vielen Feldern ihren Vorsprung, besagt eine neue Studie.

          Arbeitskosten von durchschnittlich 43,42 Euro je Stunde setzen die deutsche Metall- und Elektroindustrie unter Druck. Denn damit hat sie eine höhere Last zu stemmen als ihre wichtigsten Konkurrenten. Das zeigt ein noch unveröffentlichter Standortvergleich mit zwölf Ländern einschließlich China und den Vereinigten Staaten. Demnach liegen die Stundenkosten hierzulande rund 75 Prozent über dem Mittelwert der Vergleichsländer und noch fast zehn Prozent über den Kosten im zweitplatzierten Österreich mit 39,65 Euro. An dritter und vierter Stelle folgen die Vereinigten Staaten und Frankreich, während Japan und Südkorea im Mittelfeld rangieren. Deutlich günstiger ist es für Unternehmen in Mittelosteuropa und natürlich China.

          Heike Göbel

          Verantwortliche Redakteurin für Wirtschaftspolitik, zuständig für „Die Ordnung der Wirtschaft“.

          Allerdings gelingt es den deutschen Unternehmen, mit überdurchschnittlicher Produktivität den Kostennachteil zumindest gegenüber einigen Wettbewerbern auszugleichen oder zumindest abzumildern. Das ergibt ein Blick auf die Lohnstückkosten, in denen die Arbeitsproduktivität (Bruttowertschöpfung je eingesetzter Arbeitszeit) berücksichtigt ist. Doch lagen auch die Lohnstückkosten in Deutschland 2017 sowohl über dem Mittelwert aller Vergleichsländer als auch über dem der europäischen Länder, heißt es in dem Gutachten, das IW Consult im Auftrag des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall erstellt hat. IW Consult ist eine Tochtergesellschaft des von Unternehmen finanzierten Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln.

          „Die Studie bestätigt, was jeder Unternehmer im Alltag spürt: Wir fallen im Wettbewerb zurück. Vor allem die Arbeitskosten eines Standortes sind eben nicht egal. Nicht alle Faktoren können wir selbst beeinflussen. Aber umso wichtiger ist, dass wir unsere Position nicht noch weiter verschlechtern“, sagte Gesamtmetall-Präsident Rainer Dulger der F.A.Z. Tarifabschlüsse müssten sich am Produktivitätswachstum orientieren und der Staat dürfe die Abgabenbelastung nicht uferlos nach oben treiben. Nahe der Spitze rangiert der deutsche Standort zudem auch bei den Stromkosten.

          Die Preise für Industriestrom lagen im vergangenen Jahr mit 131 Euro je Megawattstunde fast ein Viertel über dem Schnitt der Konkurrenten, nur in Japan und Italien ist der Strom teurer. Mit 62 Euro haben die Wettbewerber in den Vereinigten Staaten mit Abstand die niedrigsten Preise. Erschwerend für die hiesigen Unternehmen komme hinzu, dass fast die Hälfte des Bruttopreises für Strom auf nicht erstattungsfähigen Abgaben wie der Umlage für Erneuerbare Energien und Netzentgelte beruhe, schreiben die IW-Ökonomen. Hier liege der wesentliche Grund für den starken Anstieg der Stromkosten für Industrieunternehmen in Deutschland, der je nach Datenquelle seit 2007 zwischen 30 und 65 Prozent betragen habe, während der Nettostrompreis um bis zu 21 Prozent gesunken sei. „Eine ähnlich stark divergierende Entwicklung ist sonst in keinem Land zu beobachten.“

          Horrende Steuerlast im Vergleich zur Konkurrenz

          Etwas besser schneidet Deutschland in der Arbeitsmarktregulierung ab. Obwohl die große Koalition die Gesetze für befristete Beschäftigung mehrfach verschärft hat, stufe die Industrieländerorganisation OECD die deutsche Regulierung hier als eher gering ein. Relativ hoch sei sie beim Kündigungsschutz, hier seien nur Frankreich, Italien und China strenger. In Sachen Arbeitszeit bewege sich Deutschland im Schnitt der Konkurrenzländer.

          Schlechter fällt das Urteil über Steuern und Abgaben aus. Kombiniert ergeben Körperschaftsteuer und durchschnittliche Gewerbesteuer eine Gewinnbelastung von 31 Prozent. Diese werde nur von Frankreich mit 34,4 Prozent übertroffen und sei ähnlich hoch wie in Japan mit knapp 30 Prozent. Und während Deutschland in der Einkommensteuer zu den Ländern mit den höchsten Sätzen gehöre, erreiche es unter Berücksichtigung der Sozialbeiträge „einen einsamen Spitzenwert“ – sowohl mit einer Grenzbelastung des Durchschnittseinkommens von 52,6 Prozent als auch mit der Durchschnittsbelastung von 39,9 Prozent. Beide Werte lägen mit knapp 17 und 13 Prozent deutlich über dem Mittelwert der Vergleichsländer. Der abschließende Renditevergleich deutet ebenfalls auf nachlassende Wettbewerbsfähigkeit. So seien die Nachsteuerrenditen zwischen 2007 und 2018 in Deutschland am stärksten gesunken.

          Um das Bild abzurunden, wurden die Metall- und Elektrounternehmen auch gefragt, welchen Wettbewerbsfaktoren sie die größte Bedeutung beimessen. Danach sind die Arbeitskosten sowie die Steuer- und Abgabenlast am wichtigsten, dahinter folgen flexible Arbeitszeiten und ein flexibler Arbeitsmarkt. Hier sehen die Unternehmen nicht nur aktuell die größten Wettbewerbsvorteile ihrer Hauptkonkurrenten, sie befürchten auch, dass deren Vorsprung in den kommenden fünf Jahren noch größer wird. Die Zufriedenheit mit den Wettbewerbsfaktoren in Deutschland sei insgesamt gering, lautet das Fazit der Studie, weshalb Dulger warnt: „Wir dürfen uns nicht länger blenden lassen.“

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