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Sitzung des EZB-Rats : EZB muss ihre Inflationsprognosen raufsetzen

Am Donnerstag befasst sich der EZB-Rat mit den Anleihekäufen der Notenbank. Bild: dpa

Am Donnerstag trifft sich der EZB-Rat zu einer spannenden Sitzung: Die Notenbank muss wohl ihre Inflationsprognosen erhöhen. Zudem, so erwarten Ökonomen, dürfte sie das Tempo ihrer milliardenschweren Anleihekäufe reduzieren.

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          Zwei Fragen könnten spannend werden, wenn sich der EZB-Rat, das oberste geldpolitische Gremium des Euroraums, an diesem Donnerstag zur September-Sitzung trifft: Korrigiert die EZB ihre Inflationsprognose deutlich nach oben? Und: Was sagt die Notenbank über die Anleihekäufe des Eurosystems, nachdem Amerikas Notenbank eine Verringerung ihrer Käufe noch in diesem Jahr in Aussicht gestellt hat?

          Christian Siedenbiedel
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die EZB werde kaum darum herumkommen, ihre Inflationsprognose für dieses und nächstes Jahr hochzusetzen, meint Holger Schmieding, Chefvolkswirt des Bankhauses Berenberg. „Die aktuellen Zahlen liegen ja weit über dem, was die EZB im Juni erwartet hatte.“ Ähnlich sieht das die Fondsgesellschaft Columbia Threadneedle in einer Analyse der jüngsten Preisentwicklungen. Die Juni-Prognose der EZB für die Eurozonen-Inflation im Gesamtjahr 2021 hatte bei 1,9 Prozent gelegen, für 2022 bei 1,5 Prozent. Seither ist die monatliche Inflationsrate bis auf 3 Prozent gestiegen – und vieles spricht sogar noch für einen weiteren Anstieg bis zum Jahresende.

          „Die eigentliche Frage ist, ob die EZB für 2023 bei 1,4 Prozent bleibt“, meint Schmieding: „Für ihren Blick auf die mittlere Frist ist das entscheidend.“ Vermutlich werde die Notenbank diese Projektion kaum ändern, glaubt der Ökonom: „Würde sie für die Inflation in 2023 über 1,5 Prozent hinausgehen, wäre das ein Signal, dass sie den Inflationsdruck dauerhaft etwas höher einschätzt, als es bisher der Fall war.“

          Leitzinsen sind noch kein Thema - aber die Anleihekäufe

          Eine Leitzinsanhebung steht noch nicht zur Debatte – aber an den Anleihekäufen dürfte die EZB Änderungen vornehmen. Zuletzt hatten die Notenbanken des Eurosystems monatlich Anleihen für etwa 80 Milliarden Euro aus dem Krisenprogramm PEPP gekauft und zusätzlich für etwa 20 Milliarden Euro aus dem längerfristigen Anleihekaufprogramm APP. In einer Umfrage der Agentur Reuters unter 42 Volkswirten meinte die Mehrheit, die EZB werde jetzt das Tempo der Anleihekäufe aus dem Krisenprogramm reduzieren. Diskutiert wird noch, ob das monatliche Volumen von 80 auf 60 oder nur auf 70 Milliarden Euro gesenkt wird.

          Stefan Schneider, Deutschland-Chefvolkswirt der Deutschen Bank, meint, die Notenbank werde bis auf monatlich 60 Milliarden Euro runtergehen: „Dabei dürfte es sich auch um ein Signal handeln, dass die EZB die steigenden Inflationsraten und -prognosen nicht allzu sehr auf die leichte Schulter nimmt.“

          Wie bei Notenbanken üblich, könnte die EZB dafür eine eigene Sprachregelung entwickeln. Im März hatte EZB-Präsidentin Christine Lagarde angekündigt, die Anleihekäufe sollten im zweiten Quartal „deutlich umfangreicher“ ausfallen als in den ersten Monaten. Diese Formulierung hatte sie für das dritte Quartal beibehalten. Jetzt fürs vierte Quartal könnte die Notenbank von „deutlich umfangreicher“ auf lediglich „umfangreicher“ zurückgehen, spekuliert Frederik Ducrozet, Ökonom der Bank Pictet.

          Kontroverse Meinungen im EZB-Rat

          Mehrere Mitglieder des EZB-Rates hatten zuletzt gefordert, auch die weitere Zukunft der Anleihekäufe müsse diskutiert werden, darunter der österreichische Notenbankchef Robert Holzmann und sein niederländischer Kollege Klaas Knot. Bundesbank-Präsident Jens Weidmann forderte, den Kurs nicht für zu lange festzuschreiben. Ökonom Ducrozet sieht dahinter eine Strategie der Falken genannten Befürworter einer strafferen Geldpolitik im EZB-Rat: Sie wollten verhindern, dass jetzt schon für März 2022, wenn das Notprogramm ausläuft, ein Ausgleich etwa durch höhere Käufe im APP-Programm festgeschrieben wird.

          Gut möglich, dass diese Frage jetzt aber noch gar nicht diskutiert werde, meint Ducrozet: „Wahrscheinlicher ist, dass sich Falken und Tauben auf eine härtere Diskussion über die Zukunft der Ankäufe vorbereiten sollten, die nach der Septembersitzung beginnen und mit einer politischen Entscheidung im Dezember enden könnte.“ Diese Grundsatzentscheidung werde noch nicht fallen, meinte auch Michael Schubert, EZB-Fachmann der Commerzbank. Er verwies auf den französischen Notenbankchef François Villeroy de Galhau, der in einem Interview gesagt hatte, das sei „nichts für September“. EZB-Chefvolkswirt Philip Lane hatte ausgeführt, man solle eine „begrenzte Anpassung“, die Drosselung des Tempos der Anleihekäufe, nicht mit einem „Tapering“, dem Ausstieg, verwechseln. „Die anhaltende Unterstützung durch die EZB bietet jedenfalls weiterhin Rückenwind für Risikoanlagen“, kommentierte die Fondsgesellschaft Pimco mögliche Folgen der EZB-Sitzung.

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