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Wechsel an der Spitze : Unter Draghi ist die EZB im Mainstream angekommen

Mario Draghi während der Verleihung der Ehrendoktorwürde der Katholischen Universität in Mailand an ihn im Oktober. Bild: AP

Manche Kritiker werfen Mario Draghi vor, unter ihm sei die EZB „südeuropäisch“ geworden. Dies ist unzutreffend: Er hat die Zentralbank in der von Amerika geprägten Hauptrichtung eingeordnet.

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          Unter ihrem nun aus dem Amt scheidenden Präsidenten Mario Draghi hat sich die geldpolitische Strategie der Europäischen Zentralbank (EZB) verändert. Sie folgt weniger deutschen Vorbildern und mehr einem durch die amerikanische Zentralbank Federal Reserve und Ostküsten-Ökonomen geprägten Modell. Manche Kritiker werfen Draghi zwar vor, unter ihm sei die EZB „südeuropäisch“ geworden. Dies ist allerdings unzutreffend: Unter Draghi ist die EZB im von Amerika geprägten Mainstream angekommen.

          Die Tradition der Deutschen Bundesbank sah eine Ausrichtung der Geldpolitik an der Steuerung der in der Wirtschaft kursierenden Geldmenge vor – auch wenn sich die Bundesbank selbst nicht sklavisch an ihre Strategie gehalten hatte. Problematischer war, dass schon damals ein enger Zusammenhang zwischen Geldmenge und Preisniveau schwierig zu identifizieren war. Und sich der Mainstream der Ökonomen von der Geldmengensteuerung längst verabschiedet hatte.

          Dies bewegte den langjährigen Bundesbank-Chefvolkswirt Otmar Issing zu einem cleveren und pragmatischen Kompromiss, als er in die Funktion des Chefvolkswirts zur EZB wechselte: Unter seiner Ägide entstand die sogenannte „Zwei-Säulen-Strategie“. In der ersten Säule analysierte die EZB gemäß der damals modernen Praxis die für die Geldwertstabilität entstehenden, überwiegend kurzfristigen Risiken aus realwirtschaftlichen Daten wie Konjunktur, Arbeitsmarkt, Löhnen und Rohstoffpreisen. In der zweiten, der „monetären“ Säule, analysierte die EZB in der Tradition der Bundesbank Daten aus der Entwicklung von Geld und Kredit, um mittelfristige Risiken für die Geldwertstabilität zu identifizieren. Geldpolitische Entscheidungen wurden aus einer Synthese der aus den beiden Säulen folgenden Empfehlungen getroffen.

          Draghi schaut auf viele Daten

          Die „Zwei-Säulen-Strategie“ existiert offiziell noch heute. De facto spielt sie indes schon seit vielen Jahren keine Rolle mehr. Statt dessen richtet sich die Geldpolitik primär an der Entwicklung der Realwirtschaft aus. Untersucht wird, wie Veränderungen des Leitzinses die Spar- und Investitionsentscheidungen und damit das Wirtschaftswachstum beeinflussen. Über einen postulierten, in der Praxis allerdings zunehmend schwachen Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum und Inflationsrate werden dann die mittel- bis längerfristigen Folgen von Leitzinsänderungen für die Inflation zu schätzen versucht. Hierzu verwendet die EZB wie andere Zentralbanken ökonometrische Modelle.

          In der Finanzkrise geriet diese sehr verbreitete Konzeption auf starke Kritik, weil sie keine Analysen von Geldströmen und der Finanzbranche beinhaltet. Als Reaktion sehen Zentralbanken nun auch auf „Finanzkonditionen–Indizes“, in die Finanzdaten eingehen und die unter anderem die Frage beantworten sollen, inwieweit die aktuelle Verfassung der Finanzmärkte auf die Realwirtschaft wirkt.

          Im Grunde passen solche Analysen aber nicht in die herrschende gesamtwirtschaftliche Theorie. Daher ist die Politik moderner Zentralbanken stark an einer Analyse einer Vielzahl von Wirtschaftsdaten ausgerichtet, deren Bedeutung zum Teil hinterfragt werden kann. Auch Draghi sieht sein ökonomisches Denken stark von der Empirie und weniger von der Theorie geprägt.

          Dem Pragmatismus – Kritiker würden sagen: der Beliebigkeit – im Umgang mit Daten ist die Politik von Zentralbanken auch in der Wahl ihrer Instrumente gefolgt. So sind Ankäufe von Anleihen aus moderner theoretischer Sicht ein weitgehend unwirksames Instrument; gleichwohl wurde es seit der Finanzkrise von einer ganzen Reihe von Zentralbanken angewendet, darunter auch von der EZB. Die gerade in Deutschland herrschende Auffassung, die mit den Anleihekäufen verbundene Geldschöpfung sei gefährlich, ist aus der Sicht der modernen Lehre abwegig.

          Verändert hat sich unter Draghi auch die Wahrnehmung des Inflationsziels. Der Vertrag von Maastricht verpflichtet zur Preisstabilität, was von der EZB zu Zeiten Issings im Jahre 1998 mit einer Inflationsrate von „unter 2 Prozent“ gleichgesetzt wurde. Im Jahre 2003, ebenfalls noch zu Zeiten Issings, wurde daraus ein „unter, aber nahe 2 Prozent“. Rund 60 Zentralbanken in der Welt haben in der Nähe von 2 Prozent liegende Ziele.

          Mit Draghi definiert die EZB, anders als früher, ihr Inflationsziel als ein „symmetrisches“, bei dem unter 2 Prozent liegende Inflationsraten ebenso als Zielverfehlung gelten wie über 2 Prozent liegende Raten. Politisch ist das bedeutsam: So wurde das große Anleihekaufprogramm von 2015 mit einer unter dem Ziel liegenden Inflationsrate begründet.

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