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Bisheriger Bundesbankpräsident : Lagarde und Merkel bedauern Weidmanns Rücktritt

  • Aktualisiert am

Lagarde und Weidmann auf einem G7-Finanzminister-Treffen Bild: imago/Max Stein

„Jens ist ein guter persönlicher Freund, auf dessen Loyalität ich immer zählen konnte.“ EZB-Chefin Lagarde sagt, sie werde Weidmann vermissen. Auch FDP-Chef Lindner und SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz äußern sich.

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          EZB-Präsidentin Christine Lagarde hat die Entscheidung von Bundesbank-Chef Jens Weidmann bedauert, zum Jahresende zurückzutreten. Sie respektiere seinen Entscheidung, „aber ich bedauere sie zutiefst“, erklärte Lagarde am Mittwoch. Weidmann hatte überraschend angekündigt, aus persönlichen Gründen sein Amt niederzulegen. „Jens ist ein guter persönlicher Freund, auf dessen Loyalität ich immer zählen konnte“, erklärte die EZB-Präsidentin.

          Als dienstältestes Mitglied des obersten Entscheidungsgremiums der Europäischen Zentralbank – dem EZB-Rat – habe er über eine beispiellose Erfahrung verfügt, die er jederzeit geteilt habe. Weidmann habe klare Vorstellungen über Geldpolitik gehabt. „Ich war aber immer beeindruckt über seine Suche nach Gemeinsamkeiten im EZB-Rat und seine Bereitschaft einen Kompromiss zu finden“, erklärte Lagarde. „Ich werde Jens und seine immer konstruktive und gut gelaunte Herangehensweise in allen unseren Diskussionen vermissen.“ Weidmann hatte sich in der Vergangenheit immer wieder kritisch über die ultralockere Geldpolitik der Notenbank geäußert.

          Merkel, Scholz und Lindner reagieren

          Auch Kanzlerin Angela Merkel bedauerte die Entscheidung. Sie habe zugleich aber großen Respekt für seinen Beschluss, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert am Mittwoch in Berlin. Weidmann habe die Bundesbank „national wie international herausragend vertreten“.

          Merkel danke ihm für seine Arbeit „in diesen währungspolitisch und finanzpolitisch sehr herausfordernden Jahren seiner Amtszeit“, sagte Seibert. „Es wird nun die Aufgabe einer neuen, einer kommenden Bundesregierung sein, einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin zu finden.“

          Auch Finanzminister Olaf Scholz dankte Weidmann für sein Engagement in den vergangenen zehn Jahren. „Er hat nicht nur die Geldpolitik in Deutschland und Europa in dieser Zeit maßgeblich geprägt, sondern auch die Weiterentwicklung der internationalen Finanzmärkte vorangebracht“, erklärte der SPD-Kanzlerkandidat und Vizekanzler am Mittwoch. „Jens Weidmann hat sich um unser Land sehr verdient gemacht“, betonte er.

          FDP-Chef Christian Lindner drückte ebenfalls sein Bedauern aus: „Er stand für eine stabilitätsorientierte Geldpolitik, deren Bedeutung angesichts von Inflationsrisiken wächst“, sagte er. „Mit ihm war die Deutsche Bundesbank eine wichtige Stimme in Europa. Die FDP empfiehlt Deutschland Kontinuität.“

          Laut Bundesbankgesetz schlägt die Bundesregierung einen Kandidaten für das Amt vor. Das letzte Wort bei der Besetzung hat der Bundespräsident. Ein Sprecher des Finanzministeriums wies darauf hin, dass der nach der Wahl lediglich geschäftsführenden Bundesregierung politische Zurückhaltung geboten sei. Daher wird davon ausgegangen, dass die kommende Bundesregierung sich der Personalie annimmt. SPD, Grüne und FDP wollen nach derzeitigem Stand noch vor Weihnachten über die Bildung einer gemeinsamen Regierung entscheiden.

          Falke oder Taube?

          Friedrich Heinemann, Ökonomen am Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim, sieht in dem Rücktritt „einen herben Verlust für den EZB-Rat“. Der bisherige Bundesbankpräsident habe dort zu den „wenigen Mahnern“ gehört und „kontinuierlich vor einer Überforderung der Geldpolitik und einer zu großen Nähe zur Fiskalpolitik“ gewarnt, sagte Heinemann. Weidmann werde fehlen, wenn es im kommenden Jahr darum gehe, „ob die EZB das Ziel der Inflationsbekämpfung ernster nimmt als das Interesse der Finanzminister an niedrigen Zinsen und Anleihekäufen“.

          Heinemann mahnte zudem: „Die neue Bundesregierung hat eine große Verantwortung bei der Neubesetzung. Wenn Deutschland eine geldpolitische Taube in den EZB-Rat schicken würde, wäre das fatal.“ Als Tauben werden Ökonomen und Währungshüter bezeichnet, die eher für eine lockere Geldpolitik stehen. Falken – zu denen auch Weidmann gezählt wird – bevorzugen eine strengere Geldpolitik.

          Commerzbank-Chefökonom Jörg Krämer hält für wahrscheinlich, dass es eine Richtungsänderung gibt: „Eine neue Bundesregierung wird wohl kaum einen Bundesbankpräsidenten berufen, der im EZB-Rat wieder im Gegensatz zur Mehrheitsmeinung steht. Insofern dürfte der Nachfolger oder die Nachfolgerin Weidmanns weniger falkenhaft sein als Jens Weidmann“, sagte Krämer. Das mache es „sicherlich nicht wahrscheinlicher, dass die EZB auf absehbare Zeit aus ihrer sehr expansiven Geldpolitik aussteigt, obwohl die Inflationsrisiken zuletzt deutlich gestiegen sind.“

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