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Interview mit der EZB-Chefin : „Der Anstieg der Inflation ist nicht von Dauer“

Die Französin Christine Lagarde, 65, ist seit November 2019 Präsidentin der Europäischen Zentralbank. Bild: Frank Röth

EZB-Präsidentin Christine Lagarde spricht über die Furcht der Deutschen vor der Inflation und den Abschied von Bundesbankchef Jens Weidmann. Außerdem erklärt sie, wann sie die Geldpolitik straffen würde.

          12 Min.

          Frau Lagarde, rund um den Globus steigen die Inflationsraten. 6,2 Prozent sind es in den USA, in Deutschland werden für November knapp 6 Prozent erwartet. Gerät die Inflation außer Kontrolle?

          Gerald Braunberger
          Herausgeber.
          Dennis Kremer
          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
          Christian Siedenbiedel
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Das verfolgen wir in der Europäischen Zentralbank (EZB) natürlich mit sehr großer Aufmerksamkeit. Und zwar nicht nur, weil die Wahrung der Preisstabilität unsere Hauptaufgabe und die Inflationsrate ein wichtiger Indikator dafür ist. Sondern auch, weil wir wissen, dass die Inflation die Menschen trifft. Dabei sind es besonders die weniger privilegierten und ärmeren Menschen, die am stärksten unter der Inflation leiden. Deshalb müssen wir äußerst wachsam sein.

          Spüren Sie denn selbst auch eine steigende Inflation in Ihrem Alltag?

          Natürlich, am meisten merkt man den Preisanstieg bei der Energie. Die Verteuerung der Energiepreise macht schließlich im Moment rund die Hälfte der hohen Inflationsraten aus. Wenn man an der Tankstelle volltankt oder Heizöl für den Winter kauft, dann ist der Preisanstieg ja gar nicht zu übersehen. Als Französin verfolge ich aber auch den Preis für gutes Brot beim Bäcker immer sehr genau. Das ist im Moment auffällig und macht vielen Menschen Sorgen – wir erwarten aber, dass dieser Anstieg der Inflation nicht von Dauer sein wird. Im nächsten Jahr wird sich das wieder beruhigen. Schon von Januar an erwarten wir, dass die Inflationsraten beginnen zu sinken.

          Was macht Sie da so sicher? Wird es denn nicht sogenannte Zweit-Runden-Effekte geben, wenn die Gewerkschaften als Ausgleich für die höheren Preise auch höhere Löhne fordern werden?

          Nach allem, was wir bislang auch aus Befragungen von Arbeitgebern und Gewerkschaften wissen, ist von dieser Seite vorerst kein starker Druck auf die Inflation zu erwarten. Bislang sind die Tarifabschlüsse sehr maßvoll. Für das nächste Jahr dürften zum Teil etwas höhere Lohnforderungen zu erwarten sein. Aber nach allem, was wir sehen, dürften sich die Abschlüsse nicht in einer Größenordnung bewegen, die eine Lohn-Preis-Spirale auslösen könnte.

          Meinen Sie nicht, die Arbeitnehmer könnten nervös werden und doch irgendwann einen Inflationsausgleich fordern, wenn die Inflationsraten jetzt ein seit vielen Jahren nicht gesehenes Niveau erreichen?

          Das scheint im Moment nicht der Fall zu sein. Und wenn wir uns die Inflationserwartungen anschauen, sowohl die, die man an den Finanzmärkten ablesen kann, als auch die aus Umfragen resultierenden, dann rechnen die meisten Menschen nicht für längere Zeit mit höherer Inflation. Die Inflationserwartungen sind gestiegen, aber sie liegen mittelfristig unterhalb unseres Inflationsziels von 2 Prozent. Wir beobachten keine beunruhigende Entfesselung der Inflationserwartungen.

          Beste Aussicht: Ein Blick aus dem Bürofenster von Christine Lagarde
          Beste Aussicht: Ein Blick aus dem Bürofenster von Christine Lagarde : Bild: Frank Röth

          Haben Sie persönlich denn nie Zweifel, dass die Inflation doch länger anhalten könnte, als Ihre Fachleute derzeit voraussagen?

          Diese Frage beschäftigt mich wieder und wieder. Für die Antwort muss man betrachten, was die Treiber der derzeit hohen Inflationsraten sind. Da würde ich drei Gruppen von Faktoren ausmachen. Das eine sind statistische Basiseffekte, die mit der Pandemie zusammenhängen. Wie die Absenkung und Anhebung der Mehrwertsteuer in Deutschland im vorigen Jahr, die den Anstieg vieler Preise derzeit im Vorjahresvergleich besonders hoch ausfallen lässt. Ähnliche vorübergehende Pandemie-Effekte gibt es beispielsweise bei Pauschalreisen. Diese Faktoren werden im nächsten Jahr automatisch verschwinden, weil sie aus dem Zwölfmonatsvergleich herausfallen. Ein weiterer Treiber sind derzeit die Lieferengpässe: Die nach dem Ende des ersten Lockdowns erhöhte Nachfrage trifft auf ein immer noch eingeschränktes Angebot. Diese Engpässe beispielsweise bei Computerchips, Containern und Lastwagenkapazitäten halten offenbar länger an, als wir zunächst gedacht hatten. Aber auch da wird sich die Lage im nächsten Jahr langsam bessern. Das Dritte sind die Energiepreise. Da rechnen wir damit, dass sich die Entwicklung im nächsten Jahr zumindest stabilisiert.

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