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Bilanzausweitung der EZB : Was bringt Draghis Geldschwemme?

Warum ist die Verbraucherpreis-Inflation im Euroraum so niedrig?

Zum einen wegen der gesunkenen Energie- und Nahrungsmittelpreise, zum anderen wegen der Wirtschaftskrise. „Wenn in Spanien 20 Prozent der Leute arbeitslos sind, heißt das, dass ein erheblicher Teil der volkswirtschaftlichen Kapazitäten unterausgelastet ist“, erklärt Holtemöller. Wenn viele Fabriken leer stehen, Menschen arbeitslos sind und die Löhne nominal sinken, kann kein Preisdruck aufkommen. Die Kreditvergabe ist weiterhin verhalten, was die EZB beklagt. Dafür gibt es Gründe: „Zum einen tragen einige Banken immer noch an der Last fauler Kredite, die sie im Zuge des Kreditbooms vor der jüngsten Finanzkrise vergeben hatten“, erklärt IfW-Ökonom Kooths. „Zum anderen ist auch der Realsektor zum Teil noch hoch verschuldet, so dass er als guter Kreditkunde der Banken nicht in Frage kommt. Erst wenn die Überschuldungspositionen bereinigt sind, wird auch die Kreditvergabe und in der Folge der Aufwärtsdruck auf die Preise wieder anziehen.“

Welche Effekte hat der Ankauf von Wertpapieren durch die EZB?

Die Preise für die Papiere werden gestützt, die Renditen sinken tendenziell. Die EZB hofft, mit dem Kauf von Kreditverbriefungen die Kreditvergabe an kleine und mittlere Unternehmen anzuregen. Wenn die Banken schwer verkäufliche Kreditverbriefungen an die EZB abgeben und so ihre Bilanz entlasten können, bekommen sie Spielraum für neue Kredite. Zweifelhaft, ob das in nennenswertem Maße geschehen wird. Dazu müsste auch die Nachfrage nach Krediten steigen. In den Krisenländern ist sie aber wegen der schon jetzt bestehenden hohen Verschuldungsquoten der Bürger und Unternehmen gering. Die Wirtschaft stagniert, deshalb wollen Unternehmen keine Kredite für Investitionen aufnehmen. Es fehlt auch an Impulsen, weil in Ländern wie Italien und Frankreich die Reformen steckengeblieben sind.

Was ist mit dem Euro-Wechselkurs?

Ein Nebeneffekt der Bilanzausweitung, den Draghi sicherlich mit im Auge hat, ist die Schwächung des Wechselkurses. „Die Hauptbotschaft heute ist, dass unsere Bilanzsumme ausgeweitet wird, während die Bilanzsummen anderer Zentralbanken schrumpfen werden“, sagte Draghi. Im Klartext: Die EZB pumpt Euro in die Märkte, während die amerikanische Fed die Dollarschwemme gestoppt hat. Folglich wird der Euro relativ zum Dollar abwerten. Seit dem Höhepunkt im Mai ist der Euro-Kurs gegenüber dem Dollar um gut 10 Prozent auf nun unter 1,25 gesunken. Das stärkt die Exportaussichten der Unternehmen im Euroraum und verteuert Importe – was die Inflationsrate im Euroraum anheben dürfte.

Wird die EZB mit angekündigten Maßnahmen ihre Bilanz wirklich auf 3 Billionen Euro ausweiten können?

Das bezweifeln viele Ökonomen. Denn die Maßnahmen könnten gegenläufige Effekte haben. Kauft die EZB viele Wertpapiere, werden die Banken weniger Refinanzierung nachfragen. Im September blieb die Nachfrage der Banken nach Draghis neuen Langfristkrediten mit gut 82 Milliarden weit unter den Erwartungen. Die Geldkanone hatte Ladehemmungen. „Netto bringen die Maßnahmen derzeit fast nichts“, sagt ein Notenbanker. In den Vereinigten Staaten haben die Banken etwa zwei Drittel des von der Zentralbank durch die Wertpapierkäufe erhaltenen Geldes wieder bei der Fed geparkt, erinnert Geldpolitik-Professor Neumann. Im Euroraum hat die EZB allerdings einen negativen Einlagenzins beschlossen, der solches Geld-Parken bestrafen soll.

Was folgt, wenn die 3-Billionen-Marke nicht erreicht wird?

Die EZB steht unter Druck, noch mehr zu tun. Draghi hat schon zusätzliche Maßnahmen angekündigt, falls die Inflation zu lange zu niedrig bleibt. Der Verfall der Energiepreise deutet darauf hin, dass dies passiert. Die 3-Billionen-Marke wird die EZB durch den bislang angekündigten Maßnahmenmix kaum erreichen, sagen Analysten übereinstimmend. Die kaufbaren Volumina an Pfandbriefen und Kreditverbriefungen seien zu gering. Am Ende könnte der Druck sehr groß werden, dass die EZB im kommenden Jahr Staatsanleihen kaufen wird. „Ich fände das falsch, nur im Falle einer richtigen Deflation sollte man darüber nachdenken“, sagt dazu der Ökonom Holtemöller. „Aber von einer echten Deflation sind wir weit entfernt.“ Andere Ökonomen fürchten, dass ein Kauf von Staatsanleihen kontraproduktiv wäre. Er würde die Reformbereitschaft in Krisenländern verzögern, warnt IfW-Ökonom Kooths. Die Bundesbank sieht massenhaften Staatsanleihekauf als verbotene monetäre Staatsfinanzierung.

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