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EY-Studie : „Der Automobilstandort Deutschland konnte sich behaupten“

Tesla-Baugelände in Brandenburg: Die Investitionen großer Unternehmen in Europa nehmen zu. Bild: ZB

Die Zahl der Investitionsprojekte in Europa stabilisiert sich nach den Einbrüchen im Pandemiejahr, die Direktinvestitionen steigen. Doch unsichere Lieferketten beeinflussen die Wahl der Zielländer.

          3 Min.

          Im Pandemiejahr 2020 waren viele Grenzen geschlossen, und die Menschen mussten zu Hause bleiben. So ist es kein Wunder, dass die Unternehmen wenig Neigung verspürten, jenseits ihrer Heimatländer zu investieren. Doch 2021 erhole sich die Lage, berichtet die Beratungsgesellschaft Ernst & Young (EY) in ihrer jährlich durchgeführten Studie über ausländische Direktinvestitionen. Das laufende Jahre könnte in Europa zwar noch leichte Rückgänge bringen, doch das Bild hellt sich spürbar auf – gerade in Deutschland. Hier sind die Projekte ausländischer Direktinvestitionen im vergangenen Jahr nur um 4 Prozent zurückgegangen, deutlich weniger als beim europäischen Spitzenreiter Frankreich und dem Verfolger Großbritannien, die jeweils mit zweistelligen Rückgängen konfrontiert waren.

          Christian Schubert
          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          EY-Fachmann Bernhard Lorentz erwartet für 2021 in Deutschland einen Anstieg der Investitionen, denn die Investitionsbereitschaft in der Industrie nehme zu. Die deutsche Automobilindustrie stehe als Leitbranche gut da: „Der Automobilstandort Deutschland konnte sich in den vergangenen Jahren und auch im schwierigen Jahr der Pandemie behaupten und ist bei der Umstellung auf Elektromobilität bereits einen großen Schritt weitergekommen“, berichtet er. Dank der Nachfrage aus China erholten sich auch der Maschinenbau und die Chemieindustrie. Die Pharmabranche, die im vergangenen Jahr als einer der wenigen Wirtschaftszweige zulegte, könnte mit einer Fortsetzung des Aufschwunges rechnen.

          Die Unsicherheit in den Lieferketten, die etwa der Chipmangel besonders beleuchtet, könnte dazu führen, dass die Investoren Projekte in ihrer geographischen Nähe künftig bevorzugten. „Viele europäische Konzerne stehen vor der Herausforderung, die Abhängigkeit von Produkten und Vorprodukten aus Ländern wie China, Indien oder Südkorea, aber auch aus den USA zu reduzieren.“ Europa könnte davon profitieren, auch wenn kein Boom erwartet wird, weil die Rückholung von Investitionen die Kosten erhöht. In einer Umfrage unter 550 Entscheidungsträgern internationaler Unternehmen im März und April dieses Jahres zu den geplanten Veränderungen in den Lieferketten lautete die dominierende Zielsetzung die „Verminderung der Abhängigkeit unserer Lieferkette von einzelnen dominanten Herkunftsländern“. Das Kriterium der Zuverlässigkeit der Zulieferer dürfte dabei neues Gewicht bekommen.

          Stärkster Einbruch seit Beginn der Messungen

          Der von der Europäischen Union geplante starke Ausbau von Investitionshilfen könnte ebenfalls für einen Schub sorgen. Auf die Frage, ob Europa in den nächsten drei Jahren als Investitionsstandort attraktiver werde, antworten 47 Prozent mit einer „leichten“ Verbesserung und 15 Prozent mit einem „deutlichen“ Anstieg. Die befragten Entscheidungsträger glauben allerdings zu 48 Prozent, dass Großbritannien in der Post-Pandemie-Zeit die besten Maßnahmen für die Anziehung von Investitionen biete, gefolgt von Deutschland (36 Prozent) und Frankreich (30 Prozent). Mehr als im Vorjahr machen sich die Unternehmen über den wachsenden Protektionismus Sorgen, unter dem Europa besonders leiden könnte.

          In ganz Europa ist die Zahl der Investitionsprojekte im vergangenen Jahr um 13 Prozent zurückgegangen. Das ist der stärkste Einbruch, seit die Messungen im Jahr 2004 begannen, und er übertrifft damit auch die Rückgänge nach der Finanzkrise von 2009. Doch gemessen an den Umständen, sind die Verluste überschaubar. Viele Fachleute hatten mit einem düsteren Bild gerechnet. Beim Niveau der Direktinvestitionen, welche die europäischen Länder von ausländischen Investoren erhielten, lag Europa im vergangenen Jahr ungefähr auf dem Niveau der Jahre 2015 und 2016.

          Bild: Niebel

          Weil der Spitzenreiter Frankreich und der Zweitplatzierte Großbritannien zweistellige Rückgänge verzeichneten, bleibt Deutschland mit seiner fast erreichten Stabilität zwar auf dem dritten Rang, nähert sich den Spitzenreitern jedoch an. Andere Länder verzeichneten sogar Zuwächse, die Türkei etwa um 18 Prozent und Polen um 10 Prozent, wobei Osteuropa insgesamt deutlich stärker verlor als Westeuropa.

          „Wir werden die investitionsfreundliche Politik fortsetzen“

          In Deutschland gehörten zu den wichtigsten Investitionsprojekten ausländischer Investoren Vorhaben von Google, Amazon und UPS. Dies zeigte unter anderem, wie sich der Onlinehandel und die entsprechende Logistik verstärken. Ein Investitionsprojekt von Biogen in München beleuchtet das wachsende Gewicht des Pharma- und Biotechsektors. Nach Ländern aufgeschlüsselt, waren die Vereinigten Staaten im vergangenen Jahr der größte Investor in Deutschland, gefolgt von China, das mit einem Plus von 17 Prozent erhebliche Marktanteile gewann. Investitionen aus Großbritannien brachen brexitbedingt dagegen um 44 Prozent ein. Wenn man die Zahl der durch die Investitionen in Deutschland geschaffenen Stellen betrachtet, liegt nach den Vereinigten Staaten Frankreich auf dem zweiten Rang.

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          Frankreich ist im vergangenen Jahr zum zweiten Mal hintereinander das attraktivste Investitionsziel Europas gewesen. „Das beleuchtet, das sich unsere Wettbewerbsfähigkeit deutlich verbessert hat“, sagte der französische Außenhandelsminister Franck Riester im Gespräch mit der F.A.Z. „Wir werden die investitionsfreundliche Politik fortsetzen.“ Die erhöhten Staatsschulden sollten nicht durch höhere Steuern abgebaut werden, sondern durch Wirtschaftswachstum. Die französische Regierung werde wie angekündigt die Körperschaftsteuer 2022 auf 25 Prozent senken. Riester freut sich auch darüber, dass Frankreich im vergangenen Jahr trotz der Pandemie große Projekte im verarbeitenden Gewerbe angezogen habe. Der Industrieabbau, unter dem Frankreich lange litt, sei beendet. Die staatliche Verwaltung habe sich durch die schnelle Auszahlung der Pandemiehilfen bewährt. Viele Investoren hätten sich auch jenseits der großen Metropolen niedergelassen, was in Frankreich für ein besseres Gleichgewicht zwischen Stadt und Land sorge.

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