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Bilanz-Skandal : EY hatte Wirtschaftsprüferaufsicht wegen Wirecard gewarnt

  • Aktualisiert am

EY hat jahrelang die Bilanzen von Wirecard geprüft. Bild: EPA

Für die Rolle als Wirtschaftsprüfer von Wirecard steht EY in der Kritik. Die Prüfungsgesellschaft hatte Unregelmäßigkeiten untersucht und soll darüber die Aufsicht APAS schon im Februar 2019 unterrichtet haben.

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          Im Wirecard-Skandal richten sich neue Vorwürfe gegen die unabhängige Abschlussprüferaufsichtsstelle Apas und auch gegen den Aufsichtsrat des Unternehmens. So soll das Wirtschaftsprüfungsunternehmen EY im Februar 2019 die Aufsicht vor Unregelmäßigkeiten bei Wirecard gewarnt haben. Das ist nach Medienberichten in einer nicht öffentlichen Sitzung des Bundestags-Finanzausschusses bekanntgeworden.

          FDP-Finanzpolitiker Florian Toncar äußert sich entsprechend. „Die Apas hat bestätigt, dass EY im Hinblick auf die Bilanz 2018 auf unerklärliche Vorfälle bei Wirecard in Singapur hingewiesen hat. Die Apas ist aber nicht gegen EY vorgegangen, weil sie die Meldung für ein regionales Problem gehalten hat“, sagte er der „Berliner Zeitung“. Außerdem habe Wirecard damals selbst eine Untersuchung eingeleitet, daher habe die Apas keine Notwendigkeit mehr gesehen, der Sache nachzugehen. „Das ist durchaus auffällig, denn solche Meldungen erfolgen eher selten und sind sicher keine Routine“, sagte Toncar.

          Am 13. Februar 2019 soll ein Mitarbeiter von EY mit der Führung APAS telefoniert und über Unregelmäßigkeiten bei Wirecard in Asien gesprochen haben. Das räumte der Behördenchef Ralf Bose nach einem „Spiegel“-Bericht in der Sitzung des Finanzausschusses auf Nachfrage des Grünenabgeordneten Danyal Bayaz ein. Die Apas prüft die Einhaltung berufsrechtlicher Pflichten von Abschlussprüfern bei Unternehmen von öffentlichem Interesse - dazu gehört auch die Wirecard AG.

          „Verstöße gegen gesetzliche Vorschriften“

          Der Zahlungsdienstleister Wirecard hatte im Juni Luftbuchungen von 1,9 Milliarden Euro eingeräumt und in der Folge Insolvenz angemeldet. Die Münchner Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass das Unternehmen seit 2015 Scheingewinne auswies, und ermittelt wegen gewerbsmäßigen Bandenbetrugs. EY steht in der Kritik, weil das Unternehmen die Jahresbilanzen bei Wirecard seit 2009 geprüft und testiert hatte.

          EY nannte „Unregelmäßigkeiten“ auch einem nicht öffentlichen, erweiterten Prüfungsbericht für 2018, den EY dem Wirecard-Aufsichtsrat im April 2019 zuschickte. „Bei der Durchführung der Konzernabschlussprüfung haben wir die im Folgenden aufgeführten Tatsachen oder Sachverhalte festgestellt, die Verstöße gegen gesetzliche Vorschriften darstellen oder erkennen lassen“, heißt es laut „Spiegel“. Demnach geht es um einen umstrittenen Unternehmenserwerb in Indien mit möglichen Interessenkonflikten des Wirecard-Managements, vermeintlichen Scheinbuchungen und einem Bestechungsversuch eines lokalen Prüfers sowie um Privatentnahmen und unautorisierte Banktransaktionen eines Buchhalters einer Wirecard-Tochter in Österreich. Zudem ging es im Asiengeschäft um Scheingeschäfte bei der Beschaffung und dem Verkauf von Software, fingierte Umsätze, manipulierte Verträge, Buchungen ohne wirtschaftliche Substanz, Unterschriften ohne Vertretungsmacht und Kreislaufzahlungen durch mehrere Gesellschaften hindurch.

          Im Anschluss an Untersuchungen hätte der Vorstand zwar „entsprechende Korrekturen in der Finanzbuchhaltung vornehmen lassen“. Die Ergebnisse wiesen jedoch „auf Schwächen und Verbesserungspotenziale in den Ablaufprozessen und Kontrollen der betroffenen asiatischen Gesellschaften hin“ sowie „auf eine verbesserungsbedürftige Einbindung und die konzernweite Organisation in den Bereichen Compliance, Rechnungswesen und Controlling“.

          In einem 57-seitigen Anhang führen die EY-Prüfer die einzelnen Vorwürfe und die bisherigen Erkenntnisse Punkt für Punkt auf. Die Frage, warum der Aufsichtsrat von Wirecard danach keine unmittelbaren Ermittlungen eingeleitet hat, ließ der Anwalt des damaligen Aufsichtsratschefs Wulf Matthias nach Angaben des Magazins unbeantwortet.

          Später folgte der Anruf von EY an die APAS, die darauf nicht weiter tätig wurde. Aus dem Gespräch hätten sich keine Anhaltspunkte für Verstöße von EY gegen Berufspflichten ergeben, deren Einhaltung zu überwachen Auftrag der APAS sei, erklärt die Aufsichtsstelle. Eine Informationspflicht gegenüber dem für die APAS zuständigen Wirtschaftsministerium bestehe nicht. Grünen-Politiker Bayaz kündigt an, den Vorgang im Wirecard-Untersuchungsausschuss des Bundestags untersuchen zu lassen.

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