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Früherer Automanager : Carlos Ghosn flieht aus Japan in den Libanon

Carlos Ghosn im April 2019 in Tokio Bild: AFP

Dem geschassten früheren Chef der Renault-Nissan-Allianz, Carlos Ghosn, drohen in Japan bis zu 15 Jahre Gefängnis. Eben noch unter Kaution in Tokio, meldet sich Ghosn nun aus dem Libanon. Er habe sich von „Ungerechtigkeit und politischer Verfolgung“ befreit.

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          Carlos Ghosn, der frühere Chef der Autobauerallianz Renault-Nissan, der in Tokio unter anderem wegen Veruntreuung angeklagt ist, ist aus Japan in den Libanon geflohen. „Ich bin nun im Libanon und werde nicht weiter von einem manipulierten japanischen Justizsystem als Geisel festgehalten“, erklärte Ghosn in einer kurzen schriftlichen Stellungnahme. „Ich bin nicht geflohen. Ich habe mich von der Ungerechtigkeit und der politischen Verfolgung befreit.“

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Die Abreise aus Japan eröffnet ein neues Kapitel in dem monatelangen Drama um den Sturz des mächtigen Automanagers, der im November 2018 in Tokio überraschend wegen des Vorwurfs finanzieller Unregelmäßigkeiten verhaftet und später angeklagt worden war. Im April kam Ghosn unter Auflagen auf Kaution aus der Untersuchungshaft frei. Eine der Bedingungen für die Freilassung war, dass er Japan nicht verlässt. Es blieb zunächst unklar, wie der Automanager Japan verlassen konnte. Nach einem libanesischen Zeitungsbericht soll er mit einem privaten Flugzeug von der Türkei aus in den Libanon eingereist sein.

          Spekuliert wird, dass Ghosn unter falschem Namen reiste. Seine drei Pässe des Libanons, Frankreichs und Brasiliens befinden sich nach Angaben seines japanischen Anwalts Junichiro Hironaka noch im Besitz der Anwälte. Hironaka zeigte sich überrascht über die Ausreise Ghosn, von der er nichts gewusst habe. Er sei sprachlos, sagte der Anwalt in Tokio vor Journalisten. „Vielleicht glaubte er, dass er kein faires Verfahren bekomme“, sagte Hironaka. „Ich kann ihm das nicht verübeln.“

          Flucht aus Japan

          Mit seiner Flucht aus Japan riskiert Ghosn den Verlust der Kautionszahlung von 1,5 Milliarden Yen (12,3 Millionen Euro). Er kehrt in das Land seiner Eltern zurück. Der in Brasilien geborene Ghosn hat neben der französischen oder brasilianischen auch die libanesische Staatsbürgerschaft. Libanon hat kein Auslieferungsabkommen mit Japan. Eine mögliches Auslieferungsersuchen aus Tokio bedürfte so der besonderen Kooperation der libanesischen Behörden. Das könnte schwierig werden, weil Ghosn im Libanon sehr populär ist. Schon seit seiner Verhaftung hatte die diplomatische Vertretung des Landes in Japan sich intensiv für den Manager eingesetzt.

          Um den Sturz des 65 Jahre alten Managers ranken sich mindestens zwei unterschiedliche Geschichten. Aus Sicht von Nissan und der Anklage ist es die Geschichte eines diktatorischen und habgierigen Managers, der Nissan vor 20 Jahren als „Le Cost-Cutter“ mit drastischen Einschnitten vor dem Untergang rettete, japanische Geschäftstraditionen über Bord warf und im Lauf der folgenden Jahre das Augenmaß verlor.

          Ex-Automanager Carlos Ghosn bei der Aufnahme einer Video-Nachricht

          Ihm droht in Japan eine Gefängnisstrafe von bis zu 15 Jahren. Ghosn soll umgerechnet mehr als 70 Millionen Euro künftige Einkommenszahlungen in den Finanzberichten Nissans verschwiegen haben. Er soll zudem umgerechnet etwa 13 Millionen Euro aus Nissans Kasse an einen saudischen Freund und Geschäftspartner des Autobauers gelenkt haben, der Ghosn finanziell aus der Bredouille geholfen hatte. 5 Million Dollar soll Ghosn aus einer Nissan-Zahlung an eine Vertriebsgesellschaft in Oman zu seinen eigenen Gunsten umgeleitet haben. Neben Ghosn sind in dem mutmaßlichen Finanzskandal auch Nissan Motor und der amerikanische Nissan-Manager Greg Kelly, ein Vertrauter von Ghosn, angeklagt. Kelly wartet wie bislang auch Ghosn in Tokio auf den Beginn des Verfahrens, der frühestens für April erwartet wird.

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