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Thomas Middelhoff : Größenwahn

Ein Verführer: Thomas Middelhoff Bild: Stefan Thomas Kroeger/laif

Der ehemalige Top-Manager Thomas Middelhoff hat alles verloren: Ruhm, Geld und Freunde. Sein Schicksal zeigt, was passiert, wenn Charismatiker von der eigenen Großartigkeit geblendet werden.

          Der Karstadt-Konzern ging im Jahr 2009 unter: Bankrott auf der ganzen Linie. Der Mann, der die Karstadt-Kaufhäuser gerettet hat, heißt Thomas Middelhoff. Sagt Thomas Middelhoff. Wie passt das zusammen?

          Georg Meck

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Bettina Weiguny

          Freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Gar nicht. Das stört „Big T“, wie Middelhoff zu besseren Zeiten genannt wurde, wenig. „Sanierung endgültig geglückt“, hatte er einst aufgekratzt gemeldet: „Wir sind zurück auf der Erfolgsspur.“ Kurz danach zog der Insolvenzverwalter bei Arcandor ein. Das beeindruckt Middelhoff nicht. Er behält seine eigene, exklusive Sicht auf den Lauf der Dinge. Bis heute.

          Der einstige Superstar, der ob der Pleite so ziemlich alles verloren hat – Ruf wie Vermögen –, bringt in der juristischen Nachlese in Gerichtssälen der Republik seine Auffassung von Wirklichkeit zur Aufführung: Ich habe Karstadt gerettet! Oder war zumindest kurz davor, wenn widrige Mächte mich nicht daran gehindert hätten; ignorante Banker, unfähige Nachfolger. Da er an dieser Legende seit fünf Jahren strickt, teils mit wortgleichen Sätzen, liegt der Verdacht nahe: Der Mann ist gefangen in seiner ganz eigenen Realität. Glaubt er womöglich wirklich, was er da redet? Wäre es anders, könnte dies ja nur bedeuten: Er steht jeden Morgen mit dem Vorsatz auf: Ich spiele der Welt vor, der Kaiser ist gar nicht nackt. Aber könnte das Schauspiel dann ähnlich überzeugend aufgeführt werden?

          Ein Fall für die psychologische Fachliteratur

          Das Wort vom „Middelhoff-Syndrom“ ist jedenfalls auf dem besten Weg, in die Fachliteratur aufgenommen zu werden, mit Thomas Middelhoff als dem Extrembeispiel für Manager, die, geblendet vom Glauben an die eigene Genialität, glauben über Wasser zu gehen. „Jesus-Syndrom“ nennt Dieter Rickert, der Altmeister unter Deutschlands Headhuntern, dieses Phänomen, „eine bei Managern häufig anzutreffende Unterform des Größenwahns“. Rickert, mittlerweile jenseits der 70, hat manchen Konzernboss entdeckt und mit angesehen, was die Karriere aus ihm gemacht hat.

          „Sind Leute eine Weile sehr erfolgreich, kommt irgendwann der Punkt, da hören sie nicht mehr zu. Irgendwann widerspricht dann auch keiner mehr. Und wenn niemand mehr widerspricht, verstärkt das ihr Gefühl: Sie haben immer recht.“ Middelhoff ist dafür nur ein Beispiel. Ex-Daimler-Chef Jürgen Schrempp, grandios mit seiner „Welt AG“ gescheitert, ein anderes: „Beide haben lange vor dem unrühmlichen Ende aufgehört zuzuhören.“ Verhaltensauffällige Kandidaten in Amt und Würden nennt Personalberater Rickert nicht (schließlich will er noch Geld verdienen) – dass sie existieren, dafür gibt es Zeugen.

          Ehrlicherweise ist zu sagen, dass auch abseits der Chefetagen Blender unterwegs sind. Man muss keinen Großkonzern lenken, um sich die Wirklichkeit zurecht zubiegen. Niemand gibt gerne eigene Unzulänglichkeiten zu. Ganz oben fällt es nur mehr auf, wenn etwa der gefallene Bundespräsident Christian Wulff die Realität tapfer beiseiteschiebt und behauptet, er sei der richtige Mann für das Amt. Bis zum heutigen Tag. Schuld sind auch bei ihm immer die anderen, Fehler werden mit bestem Gewissen geleugnet. Schon bei Friedrich Nietzsche heißt es: „Das habe ich getan“, sagt mein Gedächtnis. „Das kann ich nicht getan haben“, sagt mein Stolz und bleibt unerbittlich. Endlich gibt das Gedächtnis nach.

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