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Thomas Middelhoff : Größenwahn

Sicher ist: Top-Manager von diesem Kaliber sind nur schwer zu stoppen. Sie sind sehr gut in dem, was sie tun, oft sogar brillant. Sie verstehen es, sich durchzusetzen, andere zu manipulieren. Denn es braucht Talente, um Jünger zu sammeln, welche einem die eigene Großartigkeit bestätigen: Der Typ wandelnde Büroklammer ist eher nicht in Gefahr, vom „Middelhoff-Syndrom“ befallen zu werden. Gefährdet sind die anderen: die Schnellen, die Schlauen, die Charmanten, kurz: die Verführer. Leute wie Thomas Middelhoff eben, der in tiefer Nacht bei Karstadt erschienen ist und dort die Visionen zum Glänzen brachte. In besseren Tagen reichte sein Charisma, um in freier Rede Märkte wie Mitarbeiter zu bewegen. War die wirtschaftliche Bilanz dann schlecht, rettete ihn immer noch die rhetorische Brillanz.

War Middelhoff auf Road-Show unterwegs, ließ sich das an der Kurstafel der Börse nachvollziehen: Kaum hatte er die Präsentation beendet, zuckte die Aktie nach oben. „Wer voller Zweifel reinging, der kam geläutert raus“, berichtet ein Profi-Investor. Der Markt, also alle anderen, irren, Karstadt ist mehr wert, Middelhoff wird es richten, dieses Gefühl verstand der Manager zu vermitteln wie kein Zweiter. Und so haben all jene ihr Vermögen verloren, die im Glauben an den Verführer Arcandor-Aktien gekauft hatten oder sonst wie Geschäfte, auch privat, mit ihm gemacht haben – der Unternehmensberater Roland Berger, gewiss kein Naivling, hat knapp sieben Millionen Euro eingebüßt. Das Geld ist weg, und die Gerichtsvollzieher sind hinter Middelhoff her, womöglich sogar mit einem Haftbefehl im Gepäck.

Luxus auf Kosten der Firma

„Charismatische Menschen können hochgefährlich sein“, warnt der Frankfurter Psychotherapeut Hansjörg Becker, der als Trainer solche Fälle aus der Nähe erlebt: Gefährliche Manager, weil sie nicht führen, sondern verführen. Weil sie überzeugt sind, immer recht zu haben, weil sie sich über Regeln und Gesetze hinwegsetzen, um ihre Utopien zu verfolgen: „Das macht sie zu einem Risiko für das Unternehmen.“ Was schert es einen Middelhoff, wer den Champagner zahlt in seiner Villa, den Helikopter über dem Kamener Kreuz oder die Yacht in St.-Tropez – im Zweifel die Firma. 3,4 Millionen Euro fordert der Insolvenzverwalter von ihm zurück.

Auf dem Höhepunkt der Macht ist die Versuchung groß, sich für einzigartig zu halten. Tausende Mitarbeiter folgen dem Willen eines Konzernbosses, der Mann bewegt Milliarden. Wo immer er hinkommt, die Speichellecker sind schon da: „Wie schaffen Sie das alles? Wie haben Sie nur immer so geniale Ideen?“ Man frage nach bei den Helden der Wirtschaft, den Crommes und Pierers, den Wiedekings und Zumwinkels, wie ausgiebig sie in ihren Glanzzeiten mit solchen Schmeicheleien gefüttert wurden.

Angeblich leben wir heute in nüchternen, sogenannten „post-heroischen“ Zeiten, mit Zahlenmenschen an der Spitze: mehr Effizienz, weniger Gefühl. Henkel-Chef Kasper Rorsted, ein Däne und überaus erfolgreich, ist dafür das Vorzeigebeispiel: Der Mann trennt strikt Beruf und Privat, vermeidet Freundschaften in der Firma, weigert sich umgekehrt, Anfeindungen persönlich zu nehmen („Das gilt alles nicht mir, sondern meiner Rolle“) – aber ist er wirklich ein Modell? Verlangt die Umgebung des Managers nicht nach Glanz? Dieser neue Typ mag gesünder leben, handelt sich aber den Vorwurf ein, wenig persönliche Bindung zur Firma zu entwickeln, als Söldner dahin zu ziehen, wo die Konditionen am attraktivsten sind.

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