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EVG-Chef : Diesen Mann könnten Bahnfahrer noch kennenlernen

Holt die Pizza schon mal selber: EVG-Chef Alexander Kirchner vergangenen Sommer in den Gewerkschaftsbüros in Frankfurt Bild: Cunitz, Sebastian

Alexander Kirchner ist Chef der EVG, der anderen und größeren Bahngewerkschaft neben der GDL. In vielem ist er das Gegenbild des streikwütigen Claus Weselsky. Heute verhandelt die Bahn mit ihm - Überraschungen nicht ausgeschlossen.

          Keiner kennt Kirchner. Das mag eine krasse Übertreibung sein, aber in der öffentlichen Wahrnehmung des aktuellen Bahn-Tarifkonflikts steht Alexander Kirchner im Schatten von Claus Weselsky, dem Anführer der Lokführergewerkschaft GDL. Dabei leitet Kirchner seit 2010 die viel größere Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft EVG, die früher Transnet hieß. Er ist außerdem stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender der Deutschen Bahn. Kirchner, der 1973 bei der Deutschen Bundesbahn als Energie-Anlagenelektroniker begann, kennt den Konzern wie seine Westentasche – und ist der wichtigste Sozialpartner des Bahnvorstands.

          Kerstin Schwenn

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Dass in der Öffentlichkeit (fast) keiner Kirchner kennt, spricht nicht gegen ihn. Er ist kein Selbstdarsteller, kein mitreißender Redner. Wenn er im Namen der 100.000 bei der EVG organisierten Eisenbahner spricht, kann er die hessische Herkunft – er ist 1956 in Limburg geboren – nicht verhehlen. Kirchner agiert freundlich und besonnen, ist auch äußerlich eher unauffällig. Was nicht bedeutet, dass er unsichtbar ist. Er ist nur genau der Typ Gewerkschafter, mit dem Deutschland seit vielen Jahren gut fährt. Zusammen mit den großen Gewerkschaften IG Metall und IG BCE hat die EVG die „Allianz für Vernunft in der Energiepolitik“ geschlossen. Auf Augenhöhe spricht Kirchner mit den Gewerkschaftschefs Detlef Wetzel und Michael Vassiliadis. Frank Bsirske und dessen Dienstleistungsgewerkschaft Verdi liegen dagegen mit ihrem teilweise radikalen Kurs nicht so auf seiner Wellenlänge. Erst vorige Woche warben Vassiliadis und Kirchner gemeinsam für die Tarifeinheit – auch wenn Kirchner das geplante Gesetz der Bundesregierung nicht für das geeignete Heilmittel im Bahn-Tarifkonflikt hält. Beide sagen, eine gespaltene Arbeitnehmerbewegung sei eine schwache Arbeitnehmerbewegung.

          Kirchner warnt vor Spaltung der Eisenbahner-Familie

          Die verbalen Breitseiten der EVG gegen die lautstarke GDL blieben lange gemäßigt. Kirchner wählt die Zusammenhänge Sport und Familie, um den Konflikt zu illustrieren. Die Notwendigkeit von „Spielregeln“ im Tarifgeschehen, wie sie auch die Bahn im Dreiecksverhältnis wünscht, vergleicht er mit dem Sport. Wie dort müsse „von vornherein klar sein, welche Regeln gelten, sonst treten die Kontrahenten gar nicht erst an“. Und er warnt nachdrücklich vor der Spaltung der Eisenbahner-Familie, wenn sich der Arbeitgeber darauf einlasse, für dieselben Berufsgruppen unterschiedliche Tarifverträge abzuschließen – wie die GDL es verlangt. Kirchner berichtet von wachsenden Animositäten zwischen EVG- und GDL-Mitgliedern im Bahnalltag.

          Die Kontrahenten Kirchner und Weselsky kennen sich gut. Schon im großen Bahn-Tarifstreit 2007/2008 begegneten sie sich auf Schritt und Tritt – damals als Tarifexperten ihrer Gewerkschaften, als Adlaten ihrer Herren Manfred Schell (GDL) und Norbert Hansen (EVG). Deren Ämter erbten sie kurze Zeit später fast gleichzeitig. Weselsky im Mai 2008, Kirchner im November desselben Jahres.

          Kirchner trat damals kein leichtes Erbe an. Sein Vorgänger Hansen war im Sommer 2008 auf den lukrativen Posten des Bahn-Personalvorstands gewechselt. Der Ruf, in Zeiten des (geplanten, kurz darauf gescheiterten) Bahn-Börsengangs ein Verräter zu sein, hallte lange nach – und schwächte die EVG und damit Kirchner. Dennoch ist es heute noch die EVG, die bei den Betriebsratswahlen die Nase vorn hat und den Konzernbetriebsratsvorsitzenden stellt. „Hausgewerkschaft“ nennt der Lokführer-Chef die EVG-Konkurrenz despektierlich. Nach „zahm“ und „brav“ soll das klingen, nicht nach schlagkräftiger Arbeitnehmervertretung.

          Verhältnis von Kirchner und Weselsky eher distanziert

          Kirchner und Weselsky teilen zwar die Liebe zum Motorradfahren. Dennoch war ihr Verhältnis immer eher distanziert. Es erlitt aber im September einen heftigen Tiefschlag, als sich Weselsky – in Anspielung auf die 2010 erfolgte Fusion der Transnet mit der Bahngewerkschaft GDBA – zu der Bemerkung verstieg, dass dieses Beispiel zeige, das „etwas Behindertes“ dabei herauskomme, wenn sich zwei Kranke miteinander ins Bett legten und ein Kind zeugten. Der entsetzte Kirchner, der selbst einst ein behindertes Kind verlor, schwor daraufhin, sich nie wieder mit dem GDL-Chef an einen Verhandlungstisch zu setzen. Wenige Wochen später hielt er diesen Plan nicht länger durch und nahm wieder an Runden mit Weselsky teil – auch an den intimen Dreiertreffen mit Bahn-Personalvorstand Ulrich Weber, wie es sie früher im Jahr schon gegeben hatte.

          An diesem Freitag wird die Bahn mit Kirchner und Weselsky in Frankfurt getrennt verhandeln, mit der EVG morgens und mit der GDL nachmittags. Weselsky ist es gelungen, den Eindruck zu erwecken, er treibe Bahn und EVG vor sich her. Das ist keine gute Ausgangsposition für erfolgreiche Verhandlungen. Nicht von ungefähr fühlt sich Kirchner in die Ecke gedrängt, aus der er sich schon deshalb befreien muss, um in seiner eigenen Organisation Stärke zu beweisen. Nach den anstrengenden Streiks der Lokführer scheint plötzlich auch ein Ausstand der EVG nicht ausgeschlossen. Streiks werde es geben, hat Kirchner angekündigt, wenn die Bahn an diesem Freitag kein annehmbares Angebot vorlege. Gefordert hat die EVG 6 Prozent mehr Lohn für ihre Mitglieder (einschließlich der EVG-Lokführer), mindestens aber 150 Euro. Die Bahn stellt ein Angebot in Aussicht. Doch nicht ausgeschlossen ist, dass die Öffentlichkeit Kirchner in den nächsten Wochen noch näher kennenlernen wird, als den Bahnfahrgästen lieb ist.

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