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Misserfolge am DIW : Ein Institut macht sich Sorgen

DIW-Präsident Marcel Fratzscher Bild: dpa

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung wird darauf kontrolliert, ob seine wissenschaftliche Leistung stimmt. Die Mitarbeiter werden nervös.

          Nicht viele Wirtschaftsforschungsinstitute sind öffentlich so präsent wie das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), das größte deutsche Wirtschaftsforschungsinstitut. Sein Präsident Marcel Fratzscher gibt häufig den linksliberalen Ökonomen, Energieexpertin Claudia Kemfert streitet für die Energiewende, und das Sozioökonomische Panel gehört seit Jahren zu den zuverlässigsten Lieferanten von Antworten dazu, wie es den Deutschen geht. Doch jetzt herrscht Aufregung im DIW. Denn in diesen Tagen wird die wissenschaftliche Leistung des Institutes kontrolliert – und das bereitet den Mitarbeitern einige Sorgen.

          Patrick Bernau

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Der Einsatz ist hoch. Wer zu den renommierten Forschungsinstituten der Leibniz-Gemeinschaft gehört, der muss alle sieben Jahre nachweisen, dass die wissenschaftliche Leistung die großzügige staatliche Förderung immer noch rechtfertigt. Hunderte Seiten starke Berichte werden geschrieben, Forscherkommissionen kommen ins Haus, nehmen den Vorstand in die Mangel und ziehen sich mit Mitarbeitern am Ende der Hierarchie zu Einzelgesprächen zurück. Die Vorbereitung dieser Evaluierung nimmt ein Institut oft monatelang in Anspruch, da werden Strategien überlegt und Präsentationen geübt – aber am Ende ist alles meistens Routine.

          Die Evaluierungen am Ifo-Institut von Clemens Fuest und am Rheinisch-Westfälischen Institut des Wirtschaftsweisen Christoph Schmidt laufen in diesen Monaten ohne größere Aufmerksamkeit ab. Doch es kann auch anders ausgehen. Das Hamburgische Weltwirtschafts-Archiv verlor nach schlechten Evaluierungen Ende 2006 seine Förderung, es wurde geschlossen, übrig ist nur noch ein kleines Nachfolge-Institut. So heftig wird es für das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung wohl nicht kommen. Doch im Institut herrscht die Sorge, dass die Evaluierung mit Blessuren enden könnte.

          Das DIW hat Niederlagen erlitten

          Was prestigeträchtige Forschungsaufträge angeht, hat das DIW nämlich zuletzt die eine oder andere Niederlage erlitten. Ein Beispiel: Als die Bundesregierung die gemeinschaftliche Konjunkturprognose der Forschungsinstitute ausschrieb, hätte das DIW im Jahr 2016 fast seinen Auftrag verloren, weil es nach der eigentlichen Rangliste auf dem letzten Platz aller teilnehmenden Institute lag. Nur die Mitarbeiter des damaligen Wirtschaftsministers Sigmar Gabriel, eines Fans Fratzschers, retteten dem Institut den Auftrag – indem sie einen Auftrag mehr vergaben als ursprünglich ausgeschrieben. 2018 landete das Institut wieder auf dem letzten Platz, dieses Mal war der zusätzliche Auftrag gleich von vornherein in Aussicht gestellt worden – allerdings erhielt das DIW einen kürzeren Vertrag als die anderen Institute.

          Ein anderes Beispiel: Fratzscher hätte sein Institut gerne um einen Schwerpunkt zur Schnittstelle zwischen Finanzmärkten und Makroökonomik („Macro Finance“) erweitert. Geplant war ein Netzwerk mit dem Institut für Wirtschaftsforschung in Halle und dem Finanzforschungsinstitut „Safe“ in Frankfurt. Der Antrag des „Safe“ ging problemlos durch, es wird als ganzes Institut in die Leibniz-Gemeinschaft aufgenommen – am Freitag wurde die Nachricht offiziell. Der Antrag des DIW allerdings scheiterte. Mit harschen Worten urteilten die Gutachter: Das Konzept und die Vorarbeiten wiesen teilweise methodische Schwächen auf. Über den geplanten Themenschwerpunkt zur Digitalisierung der Finanzmärkte sagten die Gutachter: „Die gewählten Einzelthemen sind weder innovativ noch erfolgversprechend.“

          Der Misserfolg war dem Vernehmen nach weniger den einzelnen Forschern im Institut anzulasten, die Kritik richtet sich mehr an Institutspräsident Fratzscher, als ehemaliger EZB-Volkswirt eigentlich ein Kenner der „Macro Finance“, der die Schwerpunkte falsch gesetzt und den Antrag schlecht vorbereitet habe – er habe sich zu sehr darauf verlassen, dass ein politisch gewünschtes Vorhaben unabhängig von der wissenschaftlichen Begutachtung kommen werde. Entsprechend wächst jetzt die Sorge im Haus vor der Gesamtevaluierung. Ob die Konjunkturabteilung externe Aufträge gewinnt, ist für diesen Prozess nicht so wichtig, auch die Forschungsleistung der einzelnen Abteilungen und vor allem des Sozio-oekonomischen Panels ist vorzeigbar. Doch wieder muss ein Gesamtbericht geschrieben und eine Gesamtstrategie für das Haus vorgestellt werden.

          Das Institut ist nervös

          Nun hatte das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung als relativ linkes Institut schon immer selbstbewusste Mitarbeiter, die so schwer zu führen sind wie linke Parteien. Auch seit der Berufung Marcel Fratzschers ist das nicht unbedingt besser geworden, auch weil seine öffentlichen Äußerungen mit den Ergebnissen der Forscher in seinem Haus nicht immer übereinstimmen.

          Doch kurz bevor die Evaluierungskommission kommenden Mittwoch und Donnerstag ins Haus kommt, ist die Nervosität selbst für Außenstehende kaum noch zu übersehen. Zeitweilig wurde überlegt, ob das DIW eine Kennzahl zur Forschungsleistung optimistischer berechnen sollte als sonst üblich. In internen Vorbereitungstreffen zur Evaluation wurde zeitweilig die Regel erlassen, dass die Mitarbeiter wenigstens eine positive Bemerkung über das Institut loswerden mussten, bevor sie mit der Kritik anfangen durften. Eine Institutssprecherin dementierte diese Erzählungen nicht, zeigte sich aber im Hinblick auf die anstehende Evaluierung zuversichtlich. Fratzscher selbst war zu einem Gespräch nicht bereit – er verwies darauf, dass die Vorbereitung der Evaluierung zu viel Zeit in Anspruch nehme.

          Der Bericht über die Evaluierung wird im Herbst erwartet. Er wird auf jeden Fall eine spannende Lektüre für Axel Weber. Der ehemalige Bundesbank-Präsident ist Vorsitzender des Kuratoriums, das den Vorstand beaufsichtigt. Er hat gerade ebenfalls Schwierigkeiten bei der Erfolgskontrolle: Am Donnerstag wurde ihm in seinem Amt als Verwaltungsratschef der Schweizer Bank UBS die Entlastung verweigert.

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