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Euroraum vor der Rezession : Deutsche Wirtschaft stemmt sich gegen die Krise

  • Aktualisiert am

Auch die Weltkonjunktur hat einen Gang zurückgeschaltet Bild: dapd

Nach dem unerwartet guten Jahresauftakt ist die deutsche Wirtschaft im zweiten Quartal noch um 0,3 Prozent gewachsen. Doch Ökonomen warnen, Deutschland könne sich von der Rezession im Euroraum nicht abkoppeln. Dort ist die Wirtschaft zwischen April und Juni um 0,2 Prozent geschrumpft.

          Die deutsche Wirtschaft kann in der Schuldenkrise im Gegensatz zum Euroraum noch zulegen, das Wachstum verliert allerdings an Schwung. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) stieg im zweiten Quartal gegenüber dem Vorquartal preis-, saison- und kalenderbereinigt um 0,3 Prozent, wie das Statistische Bundesamt am Dienstag in Wiesbaden mitteilte. Das Wachstum fiel damit etwas stärker aus als von Ökonomen erwartet. Sie hatten mit einem Plus von 0,2 Prozent gerechnet. Zu Jahresbeginn hatte die Wirtschaft allerdings noch um 0,5 Prozent zugelegt.

          Positive Impulse kamen im zweiten Quartal zwar vom Außenhandel und vom Konsum. Nach vorläufigen Berechnungen stiegen die Exporte stärker als die Importe. Der Binnenkonsum lag über dem Niveau des Vorquartals. Der Rückgang der Investitionen konnte so kompensiert werden. Doch auch der Außenhandel hatte zuletzt einen unerwarteten Dämpfer erlitten.

          Verglichen mit anderen Euro-Ländern steht Deutschland damit noch gut da. In der zweitgrößten Euro-Volkswirtschaft Frankreich stagnierte die Wirtschaftsentwicklung bereits im dritten Quartal in Folge.

          Insgesamt ist die Wirtschaft im Euroraum im zweiten Quartal um 0,2 Prozent geschrumpft, wie die Statistikamt Eurostat ebenfalls an diesem Dienstag mitteilte. In Italien brach das Bruttoinlandsprodukt um 0,7 Prozent ein, in Spanien um 0,4 Prozent, in Zypern um 0,8 Prozent, in Portugal um 1,2 Prozent. Belgien meldete ein Minus von 0,6 Prozent. Im ersten Quartal hatte die Wirtschaftsleistung in der Eurozone noch stagniert. Bei zwei Minus-Quartalen in Folge wird von Rezession gesprochen.

          „Die letzten positiven Nachrichten“

          Ökonomen wie Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, warnen daher, dass die Wachstumszahlen bis auf weiteres die letzte positive Nachricht seien: „Die Auftragseingänge sinken seit Mitte 2011, der Einkaufsmanagerindex fällt seit Monaten. Die deutsche Wirtschaft dürfte deshalb im Sommer schrumpfen“. Deutschlands Wirtschaft sei zwar fundamental gut aufgestellt, könne sich aber von der Rezession im Euroraum nicht abkoppeln. „Für das zweite Halbjahr deutet sich eine gewisse Wachstumsabschwächung an“, sagte ein Sprecher der Bundesbank. Auch Volkswirt Andreas Rees von der Unicredit achtet auf die Warnsignale: „Die Firmen reagieren sehr empfindlich auf die sich abzeichnende konjunkturelle Verlangsamung in der Wirtschaft.“

          ZEW-Index sinkt zum vierten Mal in Folge

          Auch bei Finanzexperten nimmt die Skepsis gegenüber der Konjunkturentwicklung weiter zu. Das ZEW-Barometer für die Entwicklung der deutschen Wirtschaft in den kommenden sechs Monaten sank im August überraschend um 5,9 Punkte und steht nun nach Angaben des Mannheimer Instituts vom Dienstag bei minus 25,5 Zählern. Das Barometer fiel damit den vierten Monat in Folge und erreichte den tiefsten Stand seit Dezember. Ökonomen hatten eine Stabilisierung erwartet. Die erwartete Konjunkturabkühlung dürfte nach ZEW-Angaben vor allem exportorientierte Branchen treffen. Der Ifo-Geschäftsklimaindex als wichtigstes deutsches Konjunkturbarometer liegt auf dem niedrigsten Niveau seit März 2010.

          Rösler will Wettbewerbsfähigkeit stärken

          Für Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) stellt die Wirtschaftsentwicklung im zweiten Quartal 2012 keine negative Überraschung dar. „Die Entwicklung im zweiten Quartal 2012 liegt innerhalb unserer Erwartungen“, erklärte Rösler am Dienstag. Die Wachstumskräfte müssten gestärkt werden. „Vor dem Hintergrund des schwierigeren europäischen und weltwirtschaftlichen Umfelds bleibt es wichtig, Wachstumsimpulse zu setzen und die Wettbewerbsfähigkeit zu stärken“, sagte der Minister.

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