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Europas Autoindustrie : Eine Zweiklassengesellschaft

  • -Aktualisiert am

Luxusklasse: Mercedes Benz gehört zu den Gewinnern Bild: AFP

Europas Autoindustrie teilt sich in zwei Lager: Die Premiumhersteller, deren Geschäfte florieren, und die Massenhersteller. Ihr Geschäft läuft äußerst schlecht.

          3 Min.

          In Europas Autoindustrie zeichnet sich immer deutlicher eine Zweiklassengesellschaft ab. Auf der einen Seite stehen die deutschen Premiumhersteller Audi, BMW, Mercedes und Porsche sowie die Massenhersteller Volkswagen und der koreanische Hyundai-Kia-Konzern. Alle diese Unternehmen florieren - auch in Europa -, obwohl der europäische Markt in diesem Jahr zum fünften Mal hintereinander schrumpft. Auf der anderen Seite stehen die Massenhersteller, deren Geschäft äußerst schlecht läuft, weil sie zu stark auf den schrumpfenden Markt in Westeuropa angewiesen sind. Die preisgünstigen Autos von Marken wie Fiat, Opel und Peugeot sind wegen der wirtschaftlichen Unsicherheit in vielen Ländern Südeuropas deutlich weniger gefragt als sonst.

          Was die Gewinner von den Verlierern unterscheidet, sind vor allen Dingen zwei unternehmerische Entscheidungen: Die deutschen Hersteller haben ihren Absatz und ihre Produktion sehr frühzeitig globalisiert. Schon vor dreißig Jahren zog Volkswagen seine ersten Fabriken in China hoch, heute ist das Land der größte Fahrzeugmarkt der Welt. Zur Globalisierung gehört es, dass inzwischen mehr als die Hälfte der von deutschen Unternehmen produzierten Autos im Ausland vom Band rollen. Der VW Polo etwa, der wichtigste Kleinwagen des Wolfsburger Konzerns, wird ausschließlich im spanischen Pamplona hergestellt.

          Zu spät internationalisiert

          Verlierer der Entwicklung sind diejenigen Unternehmen, die Absatz und Produktion zu spät und zu zögerlich internationalisiert haben. Da General Motors seiner deutschen Tochtergesellschaft Opel Exporte und Produktion in China weitgehend untersagt, sind die Rüsselsheimer allein auf den schrumpfenden europäischen Markt angewiesen. Deshalb muss auch die Produktion schrumpfen. Was übrig bleibt, wird an einigen wenigen Standorten zusammengezogen. Der Kompaktwagen Astra, das wichtigste Modell des Unternehmens und der Nachfolger des Wirtschaftswunder-Kadetts, wird fortan nur noch in England und Polen gebaut.

          Fiat und Peugeot stecken in ähnlichen Schwierigkeiten. Ihre Kunden in Südeuropa fürchten den Ausbruch der nächsten Finanzkrise und den Verlust ihres Arbeitsplatzes. Deswegen wollen sie sich zunächst einmal kein neues Auto leisten. Seit vielen Jahren schon schrumpft der europäische Markt. Mit den europäischen Fabriken und Belegschaften der Autohersteller ließen sich 17 Millionen Autos herstellen, verkauft werden in diesem Jahr in Europa aber nicht einmal mehr 13 Millionen Autos.

          Dementsprechend wächst der Wunsch in den Unternehmen, ihre Produktionskapazitäten der gesunkenen Nachfrage anzupassen. Doch tatsächlich geschieht - wie schon in der vorigen Krise - fast gar nichts, um die Marktbereinigung voranzutreiben. Im Jahr 2009 hatten üppige staatlich finanzierte Abwrackprämien eine Neuordnung der Industrie überflüssig gemacht. Mit solchen Hilfen kann die Branche angesichts der Staatsschuldenkrise und der in allen Ländern leeren Kassen der öffentlichen Hand zwar nicht wieder rechnen.

          Doch funktioniert die politische Protektion auch heute. In Nordrhein-Westfalen wurde gewählt, deshalb durfte General Motors das dortige Opel-Werk bislang nicht schließen. In Frankreich wurde der Präsident gekürt, deshalb darf Peugeot das Werk in Aulnay bei Paris nicht dichtmachen. Und in Italien wird eine neue Regierung gewählt, deshalb darf Fiat die Werke in Pomigliano bei Neapel und das Stammwerk Mirafiori in Turin nicht aufgeben. Dabei weiß die ganze Branche: Jede fünfte Autofabrik in Europa ist überflüssig. Daran ändern auch Wahlkampfreden nichts.

          Auch die Importe sind eine Ursache

          Zur ganzen Wahrheit gehört allerdings auch, dass die Ursache für die Überkapazitäten in Europa nicht nur der schrumpfende Markt ist. Auch die zunehmenden Importe aus Ländern wie Korea tragen dazu bei. Diese Einfuhren haben nicht erst seit dem Inkrafttreten des Freihandelsabkommens mit Korea stark zugenommen. Eine ähnliche Entwicklung ist zu erwarten, wenn demnächst auch die Zölle gegenüber Indien und Japan abgebaut werden, wie derzeit geplant wird.

          Um die deutsche Autoindustrie muss sich dennoch niemand Sorgen machen. Das gilt zumindest für die Premiumhersteller Audi, BMW und Mercedes. Ihnen steht in den kommenden Jahren ein immenses Wachstum bevor - auch wenn es vorübergehend konjunkturell bedingte Rückschläge geben kann. Grund für die lange Wachstumsphase, die der Autoindustrie bevorsteht, ist die steigende Zahl der Wohlhabenden in Schwellenländern wie China, Indien und Russland. Wurden im Jahr 2000 noch 49 Millionen Neuwagen pro Jahr verkauft, werden es im Jahr 2020 voraussichtlich stolze 81 Millionen sein. Dann werden zwei Drittel aller Neuwagen in den Schwellenländern verkauft.

          Rund 100 Jahre hat es gedauert, bis der global rollende Bestand auf eine Milliarde Autos wuchs. Für die zweite Milliarde braucht es wohl nur zehn oder zwanzig weitere Jahre. Nur einige wenige Dinge könnten der Autoindustrie in der Zwischenzeit einen Strich durch die Rechnung machen: die schlechte Luft in den Megametropolen wie Schanghai oder Peking, der steigende Ölpreis und ein außer Kontrolle geratender Klimawandel.

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