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Europäische Union : Sprache ist Macht

Bild: FAZ.NET

Kein deutscher Politiker käme auf die Idee, Englisch als Lingua franca der EU in Frage zu stellen. Aber ein wenig mehr Bedeutung sollte Deutsch nach der Ost-Erweiterung bekommen. Es gibt sogar ökonomische Argumente.

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          An skurrilen Veranstaltungen mangelt es im Brüsseler Umfeld der vielen EU-Einrichtungen nicht. So hat sich kürzlich auch niemand gewundert, als die EU-Vertretung Baden-Württembergs zu einem "Tandem-Sprachkurs" lud. Teilnehmer waren Christoph Palmer, Minister im Stuttgarter Staatsministerium und zugleich "Sprachenbeauftragter der deutschen Länder", sowie der neue slowakische EU-Kommissar Jan Figel. Das Politikertandem unterzog sich einem Schnellkurs in der jeweils anderen Sprache. Figel lernte, "guten Tag, Herr Minister" zu sagen, und der Schwabe Palmer konnte zeigen, daß er durchaus über rudimentäre Kenntnisse des Slowakischen verfügt.

          Werner Mussler
          Wirtschaftskorrespondent in Brüssel.

          Der deutsche Landespolitiker wollte mit der Veranstaltung freilich nicht nur durch seine Fertigkeiten im Erlernen von Fremdsprachen beeindrucken. Für Palmer, der auch Vorsitzender des Bundesratsausschusses für EU-Fragen ist, geht es um handfeste politische Interessen. Die deutschen Länder versuchen derzeit zusammen mit dem Bund, das Gewicht des Deutschen als EU-Amtssprache zu erhöhen. Bei der Veröffentlichung von Rechtstexten und einer Reihe offizieller Dokumente der EU-Institutionen sind alle 19 Amtssprachen gleichgestellt. Als "Arbeitssprachen" haben zum Beispiel in der Europäischen Kommission Englisch, Deutsch und Französisch einen gleichberechtigten Status. Im Alltagsgeschäft spielt jedoch neben dem dominierenden Englischen nur noch Französisch eine größere Rolle. So wurden im Jahr 2002 im Original 57 Prozent der EU-Dokumente in Englisch verfaßt, 25 Prozent in Französisch und nur 5 Prozent in Deutsch.

          Als Muttersprache den Spitzenplatz

          Dabei nimmt Deutsch als Muttersprache in der EU den Spitzenplatz ein. Nach Schätzungen der Europäischen Kommission sprechen es 88 Millionen Menschen als erste Sprache; Englisch ist demnach für etwa 58 Millionen EU-Bürger die Muttersprache, Französisch und Italienisch für jeweils rund 55 Millionen.

          Die Zahlen lassen zwar keinen deutschen Politiker auf die Idee kommen, der englischen Sprache ihre Rolle als Lingua franca der EU streitig zu machen. Aber ein wenig mehr Bedeutung sollte Deutsch ihrer Meinung nach schon bekommen. "Sprache ist Macht" - diese Devise stand offensichtlich hinter einem Beschluß des Bundesrates, die deutsche Sprache müsse in der EU künftig gleichberechtigt mit Englisch und Französisch benutzt werden.

          Mittelstand benachteiligt

          Die Länder begründen dies nicht zuletzt mit ökonomischen Argumenten. So seien kleine und mittlere Unternehmen aus Deutschland dadurch benachteiligt, daß die jährlich 240000 EU-weiten Ausschreibungen fast ausschließlich in Englisch und Französisch veröffentlicht werden. Die Mittelständler müßten sich die Texte erst gegen Bezahlung übersetzen lassen, um an den Verfahren teilnehmen zu können. Dafür, daß ausgerechnet sie sich besonders für die deutsche Sprache ins Zeug legt, hat die baden-württembergische Vertretung eine originelle Begründung: "Es heißt zwar: ,Wir können alles außer Hochdeutsch.' Aber es war der schwäbische Dichter Friedrich Schiller, dessen ,Ode an die Freude' in Beethovens Vertonung zur Europahymne erklärt wurde." Trotz alledem gelten die Deutschen in der Pflege ihrer Landessprache auf dem europäischen Parkett als zurückhaltend - anders als andere Länder. Besonders offensiv treten die Franzosen auf, die ohnehin nicht nachvollziehen wollen, daß ihre Sprache mit den beiden Norderweiterungen in den Jahren 1973 und 1995 - und erst recht mit der jüngsten Ost-Erweiterung der EU - an Bedeutung verloren hat. Aber auch Italiener und Spanier betrieben eine aktivere Sprachenpolitik als die Deutschen, erläutert Margarete Hauschild, Leiterin des Goethe-Instituts in Brüssel.

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