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Europäische Ratingagentur : Roland-Berger-Projekt vor dem Aus

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Bislang dominieren die amerikanischen Ratingfirmen mit ihren Benotungen den Markt für die Einschätzung der Kreditwürdigkeit von Unternehmen und Staaten Bild: dpa

Das von Roland Berger initiierte Projekt einer europäischen Ratingagentur steht angeblich vor dem Aus. Die Beraterfirma will aber noch nicht aufgeben. Allerdings soll schon am Dienstag ein weiteres Modell für eine internationale Ratingagentur vorgestellt werden.

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          Der Aufbau einer europäischen Ratingagentur als Gegengewicht zu den mächtigen Konkurrenten aus den Vereinigten Staaten droht zu scheitern. Die mit dem Aufbau der Agentur beauftrage Beraterfirma Roland Berger glaubt nach einem Bericht der „Financial Times Deutschland“ nicht mehr an die Umsetzung des Projekts. Genaue Quellen nennt der Bericht aber nicht. Berger betonte jedoch, die Gespräche mit Investoren würden fortgesetzt. „Wir halten das Projekt weiter für richtig und wünschenswert“, betonte die Sprecherin von Roland Berger. Europäische Banken interessierten sich dafür. Allerdings gebe es bisher „keine konkreten Zusagen für angemessene finanzielle Beiträge“

          Die Bundesregierung setzt beim Aufbau einer europäischen Ratingagentur weiter auf eine private Lösung der Wirtschaft. Ein Scheitern des Projektes wäre bedauerlich, da mehr Konkurrenz nötig sei, sagten Regierungssprecher Steffen Seibert und der Sprecher des Finanzministeriums, Martin Kotthaus, am Montag in Berlin. Eine Konkurrenz-Agentur müsse aber von der Privatwirtschaft ohne Beteiligung des Staates kommen. Nur so seien eine Akzeptanz der Agentur am Markt und ihre Glaubwürdigkeit gewährleistet. Kotthaus: „Das ist eine Frage der Marktteilnehmer und nicht des Staates.“

          Auch FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle sieht die Entwicklung kritisch. „Das wäre eine fatale Fehlentwicklung“, sagte Brüderle am Montag in Berlin. Die Dominanz der untereinander auch ein Stück verwobenen amerikanischen Ratingagenturen sei nicht gut. Es bestehe das Gefühl, dass hier verschiedene Interessen und Überlegungen mit einflössen. Mit den bisherigen Anbietern bestehe ein enges Oligopol, das nicht den Vorstellungen eines funktionierenden Wettbewerbs entspreche. Europa sollte eine eigene Institution einrichten, sagte der ehemalige Wirtschaftsminister.

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          Für Europa : Das Rating der wichtigsten Länder Bild: F.A.Z.

          Bisher dominieren die amerikanischen Ratingfirmen Standard and Poor’s (S&P), Moody’s und Fitch den Markt für die Einschätzung der Kreditwürdigkeit von Unternehmen und Staaten. Die Agenturen sehen sich in Europa seit längerem heftiger Kritik ausgesetzt. Ihnen wird nicht nur wegen Fehlbewertungen eine Mitschuld an der Finanzkrise gegeben. Auch ihre Rolle bei der Beurteilung der dramatischen Rettungsbemühungen und -konzepte für hochverschuldete Euro-Länder wie Griechenland, Portugal und Irland ist umstritten. Das Urteil der Ratingagenturen prägt letztlich vielfach die Marktreaktionen auf solche Bemühungen.

          Ratingagentur mit neuem Geschäftsmodell

          Das von Berger-Partner Markus Krall erdachte Ratingkonzept hätte das Geschäftsmodell der Branche umgekrempelt. Anstelle der Emittenten, die Wertpapiere begeben, sollten die Investoren für Ratings bezahlen. So hätten die Agenturen keinen Anreiz mehr, sich mit übertrieben guten Noten Aufträge zu sichern. Die Berger-Pläne sahen ein Stiftungsmodell vor. Insgesamt 30 Investoren aus der Finanzbranche sollten jeweils zehn Millionen Euro beisteuern. Nach fünf bis sieben Jahren sollte sich die neue Agentur soweit etabliert haben, dass die Geldgeber aus dem Cashflow heraus ausbezahlt werden können.

          An diesem Dienstag will nun die Bertelsmann-Stiftung ebenfalls ein Modell für eine internationale Ratingagentur vorstellen. Zu den Auswirkungen auf das eigene Projekt wollte Roland Berger keine Stellung nehmen. Allerdings bestehe ein Unterschied darin, dass die Bertelsmann-Stiftung auch Beteiligungen der öffentlichen Hand an der neuen Ratingagentur anstrebe, hieß es.

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