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Europäer fürchten Brexit nicht : Brexit, na und?

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Brexit-Befürworter demonstrierten am Dienstag vor dem Britischen Parlament. May hatte einen Aufschub des Austritts ins Gespräch gebracht. Bild: AP

Die meisten Europäer machen sich wegen des Brexits keine Sorgen – zumindest, was die Folgen für sie selbst betrifft. Die deutsche Industrie macht sich mehr Sorgen. Einige treffen Vorkehrungen in Großbritannien.

          Am Dienstag hat Theresa May nun doch einen Brexit-Aufschub ins Gespräch gebracht. Dieser Aufschub solle dann beschlossen werden, wenn das Parlament einem Brexit ohne Austrittsvertrag mit der EU nicht zustimmen sollte. Der Chef der Oppositionspartei Jeremy Corbyn kämpft weiter für einen geordneten Brexit. Er schob May die Schuld an der unklaren Lage in Großbritannien zu, bezeichnete einen drohenden ungeordneten Brexit als „desaströs“ und forderte eine zweite Abstimmung über die Austrittskonditionen.

          Die Zeit drängt und Großbritannien scheint noch weit von einem Austrittsplan entfernt, der im Parlament durchkommen könnte. Weniger dramatisch sehen jedoch die EU-Bürger den Brexit. Die Mehrheit rechnet einer Umfrage zufolge nicht mit spürbaren oder gar negativen Folgen des Brexit für die übrigen Mitgliedsstaaten. Die meisten Befragten (61 Prozent) vertreten den am Mittwoch von der Bertelsmann-Stiftung veröffentlichten Daten zufolge die Auffassung, dass der Brexit keine spürbaren Auswirkungen auf die EU-Länder haben wird. Mit 27 Prozent gehen dagegen deutlich weniger Befragte von negativen Folgen aus. 12 Prozent der Befragten glauben sogar, dass es anderen EU-Staaten ohne die Briten besser gehen wird. Die Niederländer und die Polen sind am pessimistischsten: Je rund ein Drittel rechnet mit Nachteilen.

          Nachteile für Großbritannien

          Deutlich stärker auseinander gehen die Meinungen bei der Frage, ob die Briten selbst vom EU-Austritt profitieren werden oder nicht. Europaweit gehen 44 Prozent von Nachteilen für Großbritannien aus, 25 Prozent rechnen mit Vorteilen. Der Rest glaubt, die Lage der Briten bleibe auch nach einem EU-Austritt dieselbe.

          Dabei spiele die Parteipräferenz der Befragten laut Studie eine wichtige Rolle. Wer rechtsextremen oder rechtspopulistischen Parteien nahestehe, sei sehr viel häufiger der Meinung, es werde den Briten nach dem Ausstieg aus der EU besser gehen. Am deutlichsten zeige sich dies in Frankreich und Italien: Anhänger der von der Rechtspopulistin Marine Le Pen geführten Partei Rassemblement National seien mit 59 Prozent deutlich häufiger der Meinung, die Briten würden vom Brexit profitieren. Auch Italiener, die sich Salvinis rechter Lega nahe sehen, seien mehrheitlich (zu 52 Prozent) dieser Meinung.

          Im Auftrag der Bertelsmann-Studie wurden in den 28 Mitgliedsstaaten rund 11.700 Menschen im Alter von 14 bis 65 Jahren befragt. Die Befragung fand im Dezember 2018 statt.

          Die deutsche Industrie macht sich derweil deutlich größere Sorgen – und äußert sich skeptisch über Verschiebung des Brexits: „Priorität muss die Vermeidung größeren wirtschaftlichen Schadens haben. Sollte London eine Verlängerung beantragen, muss es zu einer echten Lösung der Probleme kommen“, sagte Joachim Lang, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) der Deutschen Presse-Agentur. Die Gefahr bestehe, dass die britische Politik Zeit kaufe und die Beantwortung der Sachfragen nur verschiebe. „Dann wären unsere Unternehmen auf dem falschen Fuß erwischt. Auch die Gefahr eines harten Brexits bleibt im Raum.“ 

          Wegen des bevorstehenden Ausstiegs stocken zudem manche Unternehmen der norddeutschen Metall- und Elektroindustrie ihre Lager und Vorräte in Großbritannien auf. Das geht aus einer Umfrage der Arbeitgeberverbände Nordmetall und AGV Nord hervor, die der Deutschen Presse-Agentur vorliegt. 87 Betriebe mit 31.000 Beschäftigten nahmen an der Umfrage teil. Knapp ein Drittel gab an, Lieferengpässen mit mehr Lagerbeständen begegnen zu wollen. Gut 10 Prozent der Unternehmen haben einen Produktionsstandort im Vereinigten Königreich, vor drei Jahren waren es noch doppelt so viele.

          Befürchtet werden von jedem zweiten Unternehmen jedoch auch bürokratische Hemmnisse beim Austausch von Mitarbeitern und Waren, so der Hauptgeschäftsführer von Nordmetall, Nico Fickinger. Mehr als die Hälfte der Befragten verkauft Produkte nach Großbritannien. Der durchschnittliche Anteil des Großbritannien-Geschäfts am Gesamtumsatz beträgt laut Umfrage 3,8 Prozent. Als Folge des Brexits schauen sich Unternehmen auch nach alternativen Absatzmärkten und anderen Lieferanten als Ersatz für britische Partner um.

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