https://www.faz.net/-gqe-9zlo0

Nicht nur Sanofi : Europa bläst zur Impfstoff-Aufholjagd

Im Krisenmodus: Frankreichs Präsident Emmanuel Macron Bild: AP

Frankreichs Präsident Macron bestellt die Sanofi-Chefs ein. Es geht auch um einen Vergleich mit den Vereinigten Staaten.

          2 Min.

          Die Stimmung war mehr frostig als herzlich. Am Dienstagnachmittag hatten der Sanofi-Vorstandsvorsitzende Paul Hudson und sein Verwaltungsratsvorsitzender Serge Weinberg einen Termin im Elysée-Palast. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hatte die Manager zu sich zitiert, nachdem Hudson in einem Interview angekündigt hatte, die Vereinigten Staaten bevorzugt mit einem potentiellen Coronavirus-Impfstoff zu beliefern.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Nach dem Interview ließ der britische Konzernchef nachschieben, er sei missverstanden worden, doch der Verdacht, dass die Amerikaner aufgrund ihrer großzügigen Subventionen sogar vom größten Pharmakonzern in der EU privilegiert werden, steht im Raum. In einem Land wie Frankreich, das sich wie keine andere Nation des Kontinent nationale und europäische Champions auf die Fahnen schreibt, musste das zu einem Aufschrei führen.

          Der ehemalige Investmentbanker Macron hat zusammen mit der Physikerin Angela Merkel die Sanofi-Botschaft jedoch verstanden. In ihrer Erklärung vom Montag haben sie eine stärkere Förderung von Forschung und Produktion von Impfmitteln und Medikamenten verlangt, die auch global zugänglich sein sollen. Die EU brauche strategische Lagerbestände sowie Präventions- und Reaktionspläne und müsse „mit einer Stimme mit der Arzneimittelindustrie verhandeln, um den europaweiten und globalen Zugang besser zu sichern“.

          „Geld ist nicht die Schlüsselfrage“

          Sanofi gab sich am Dienstag ganz demütig. Doch hinter vorgehaltener Hand ist eine gewisse Befriedigung darüber zu spüren, dass man Europa wachgerüttelt habe. Der Vorsprung der Vereinigten Staaten in der staatlichen Finanzierung ist auf den ersten Blick erheblich: Das amerikanische Pharmaunternehmen Moderna Therapeutics, das kürzlich von Forschungsfortschritten berichtete, hat im April mit der amerikanischen Behörde Biomedical Advanced Research and Development Authority (Barda) Subventionen von 483 Millionen Dollar vereinbart. Auch Sanofi bekommt nach Aussagen seines Verwaltungsratsvorsitzenden Weinberg von Barda „mehrere hundert Millionen Dollar“.

          Und Europa? Im Rahmen seines „Horizon 2020“-Programmes erhält Sanofi in diesem Jahr magere 1,4 Millionen Euro. Daneben existieren allerdings noch andere Programme. Auf einer europäischen Geberkonferenz wurden kürzlich mehr als 7,4 Milliarden Euro zugesagt, die auch ärmeren Ländern zugutekommen sollen. Hinzu kommen nationale Mittel für die Industrie – alleine durch die Bundesregierung etwa 750 Millionen Euro.

          „Auch vom französischen Staat bekommt Sanofi Geld in hohen Summen“, berichtete die Vizepräsidentin des EU-Parlaments, Katarina Barley (SPD) am Montag im F.A.Z. Podcast. An ihrer umstrittenen Twitter-Botschaft zu Sanofi vom vergangenen Monat – „Gier frisst Ethik“ – hält sie fest. Notfalls müsse Europa den Zugang zu einem Coronavirus-Impfstoff über Zwangslizenzen garantieren.

          Rechtlich sei es möglich, Impfstoffe und Medikamente auch ohne Genehmigung des Originalherstellers herzustellen, hatte schon der gesundheitspolitische Sprecher der EVP-Fraktion, Peter Liese (CDU), angedroht. Barley stimmt ihm zu, fügte allerdings auch an, dass Europa „ein forschungsfreundliches Umfeld mit guten Rahmenbedingungen“ haben müsse.

          Die Debatte zeigt, dass Europa anders mit dem Thema umgeht als die Vereinigten Staaten. Nicht nur die Pharmaindustrie dringt indes auf Geschwindigkeit: „Geld ist nicht die Schlüsselfrage“, teilte kürzlich Harald Stahl, Innovationsleiter des deutschen Anlagenbauers Gea mit, der Impfstoff-Produktionsanlagen herstellt. „Selbst wenn ein Unternehmen X damit rechnet, in zwei Jahren eine Milliarde Dosen herstellen zu können, müssten sie jetzt schon mit uns über Entwurf, Bau, Lieferung, Installation und Prüfung dieser Anlage sprechen“. Voll ausgebucht ist Gea derzeit offenbar nicht. „Das ist noch Zukunftsmusik“, sagte eine Gea-Sprecherin.

          Weitere Themen

           Lufthansa fliegt aus dem Dax Video-Seite öffnen

          Kursabsturz in Corona-Krise : Lufthansa fliegt aus dem Dax

          Die Corona-Krise hat dem Flugunternehmen schwer zugesetzt. Nun ist die Lufthansa aus dem Kreis der 30 deutschen Aktien Index gerutscht. Mit der Deutschen Wohnen schafft es erstmals seit 14 Jahren wieder ein Unternehmen aus der Hauptstadt in den Dax.

          Schweiz buhlt um Deutsche

          Tourismus : Schweiz buhlt um Deutsche

          Den Eidgenossen fehlen die ausländischen Gäste, vielen Hotels droht der Konkurs. Nun wollen sie bei deutschen Touristen punkten – mit praktischen und geldwerten Angeboten.

          Topmeldungen

          Tourismus : Schweiz buhlt um Deutsche

          Den Eidgenossen fehlen die ausländischen Gäste, vielen Hotels droht der Konkurs. Nun wollen sie bei deutschen Touristen punkten – mit praktischen und geldwerten Angeboten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.